• Home
  • Do, 9. Jul. 2020
  • Stadtplan
  • Verkehr
  • KoelnMail
  • Newsletter
  • DE | EN
koeln.de

"Millionenallee" - der neue Köln-Krimi

7. Folge: VomTable-Dance-Laden nach Melaten

Der Angreifer trug einen Schlagring, das konnte gefährlich
werden. Franck nutzte den Moment der Verwirrung seines
Gegners, der mit seinem Abtauchen nicht gerechnet hatte, und
rammte ihm den Kopf gezielt in den Unterleib. Getroffen!
Der Mann klappte regelrecht zusammen, mit einem gezielten
Schlag in den Nacken streckte Franck ihn endgültig zu Boden.
Der würde ihm nicht mehr gefährlich werden.
Franck inspizierte sein Opfer. Der Junge war keine zwanzig
Jahre alt. Tätowierungen an beiden Armen. Er trug Jeans,
Nike-Schuhe, Lederjacke. Ziemlich kräftig gebaut, aber nicht
wirklich athletisch. Trotzdem fühlte Franck eine gewisse Genugtuung,
dass er mit seinen dreißig Jahren es mit diesem Kerl
aufgenommen hatte.
Er schaute auf und wunderte sich, dass er keine Gaffer sah,
die sonst immer zur Stelle sind. Aber dann begriff er, warum
sich alle verzogen hatten: Links und rechts von ihm standen
zwei Kleiderschränke, die sich vorgenommen hatten, mit ihm
jetzt in eine zweite Runde zu gehen. Dummerweise versperrte
ihm sein eigener Wagen den Fluchtweg, sonst hätte er vielleicht
auf die Straße entkommen können.
Franck versuchte es auf die naive Tour, tat so, als hätte er
die beiden gar nicht gesehen, und ging so locker, wie es ihm in
dieser Lage möglich war, nach vorne auf den Kleiderschrank
zu, der etwas weniger grimmig schaute. Der Kerl war vielleicht
einen Meter neunzig groß, trug ähnliche Klamotten wie der
junge Bursche, mit dem er sich soeben geprügelt hatte.
Als Franck bis auf etwa einen Meter heran war, schob der
Kleiderschrank eine ziemlich kräftige Faust in seine Richtung,
drückte sie Franck auf die Nase und brummte: »Siehst du nicht,
dass ich hier stehe? Mach, dass du fortkommst.«
Franck schoss in den Sinn, pampig zu antworten, dass er
genau das ja gerade vorhabe, fortzukommen, aber er verkniff
sich jeden dummen Spruch. Die Faust auf seiner Nase fühlte
sich äußerst unangenehm an, es schien angeraten, es auf der anderen
Seite zu versuchen.
Franck drehte sich um, der erste Kleiderschrank folgte ihm,
und im selben Maße kam der zweite Kleiderschrank vom
Heck seines Wagens her näher. Hatten sie ihm zunächst runde
fünf Meter Auslauf gelassen, waren es jetzt gerade noch drei
Meter.
Der Junge zu seinen Füßen kam zu sich und schaute schon
wieder angriffslustig. Als Kleiderschrank zwei rief: »Jetzt
mach den feinen Pinkel endlich fertig«, sprang Junior gehorsam
auf und ging erneut auf Franck los. Diesmal gelang es
Franck nicht mehr auszuweichen. Die Faust mit dem Schlagring
landete in seinem Magen. Franck versuchte als Konter,
dem Angreifer ein Bein zu stellen und ihn aus dem Gleichgewicht
zu bringen. Aber dann kamen die beiden Kleiderschränke
zu Hilfe, packten sich jeder einen von Francks Armen und
Beinen und drückten ihn wie gekreuzigt an seinen Wagen, damit
der Schläger-Azubi sein Werk vollenden konnte. Und diese
Möglichkeiten nutzte er lustvoll aus.
Erst ein Schlag direkt ins Gesicht, Franck gelang es eben
noch, den Kopf minimal zur Seite zu drehen, sodass sein Nasenbein
nicht frontal getroffen wurde. Er spürte, wie die
Haut auf seiner Wange aufplatzte. Die nächsten Schläge
gingen wieder in den Leib, dann noch einmal ein Volltreffer
ins Gesicht. Franck fühlte sich elend, aber er wunderte sich,
wie viel Schmerz er aushalten konnte. So eine Prügelei hatte
auch was Gutes, man lernte seine Grenzen kennen. Und falls
er einen Schönheitschirurgen benötigte, genug Geld dafür
hatte er ja.
Die Schläge verloren an Wirkung, der Azubi zeigte Anzeichen
von Erschöpfung, was Kleiderschrank eins zu dem Kommentar
veranlasste: »So wird das nichts. Lass mich mal.«
Und dann fiel die Faust, die Franck vorhin an seiner Nase
gespürt hatte, wie ein Dampfhammer auf seinen Schädel herab.
Er sank zu Boden und glaubte noch zu hören, wie Kleiderschrank
eins sagte: »So macht man das. Wir können doch
hier nicht die ganze Zeit verplempern.«
Franck rollte genau vor die Füße von Kleiderschrank zwei,
die ihn wie einen Fußball, der Mann war beidfüßig, einen halben
Meter zurückkickten, bis er mit dem Gesicht nach unten
lag. Mal wieder. Franck fühlte, wie eine Pranke sein Jackett am
Kragen packte und es ihm mit einem kräftigen Ruck auszog.
Mist, da waren alle seine Papiere drin. Ein anderer machte sich
an seiner Hose zu schaffen, wo er links mit dem Portemonnaie
und rechts mit den Wagenschlüsseln fündig wurde. Der dritte
hatte ihm den Gürtel aus der Hose gezogen und ließ ihn als
Lederpeitsche auf ihn herabsausen. Die Gürtelschnalle hinterließ
blutige Spuren in seinem Gesicht.
»Der hat genug«, sagte Kleiderschrank zwei. »Los, weg
hier«. Kleiderschrank eins sprang auf den Fahrersitz des BMW,
Kleiderschrank zwei saß vorne rechts, der Junior klemmte
sich auf die Rückbank, und Franck sah hilflos mit an, wie das
Schläger-Trio mit seinem Wagen, seinen Papieren, seinem Geld,
seinem Handy und seinem Jackett das Weite suchten.
Kleiderschrank eins ließ den Motor aufheulen, er fuhr
wohl sonst keinen BMW, legte viel zu geräuschvoll einen Gang
ein und ließ den Wagen einen gefährlichen Satz zurück machen.
Keine zwanzig Zentimeter vor Franck kam der Wagen
zu stehen. Der Motor jaulte noch einmal auf, der Wagen
sprang erneut auf ihn zu. Hilfe, die wollten ihn überfahren!
Franck nahm seine ganze Kraft zusammen, es gelang ihm in
letzter Sekunde, seinen geschundenen Körper aus der Gefahrenzone
zu rollen. Der BMW rauschte davon. So eine Schweinebande!
Von den Ringen her näherte sich ein Martinshorn, da hatte
dann wohl doch einer der Anwohner die Polizei gerufen.
Franck machte einen Versuch, auf die Beine zu kommen, aber
die Knochen taten ihm so weh, dass er erst einmal liegen blieb.
Er würde warten, bis die Polizei da war. Das Martinshorn wurde
lauter, jetzt musste der Wagen genau an der Ecke zur Maastrichter
Straße sein, doch der Signalton wurde leiser und entfernte
sich schnell Richtung Friesenplatz.
Franck lag mehr in der Gosse als auf dem Bürgersteig. Man
musste nicht über ihn stolpern, aber man musste ihn unbedingt
sehen, wenn man an dieser Stelle vorbeikam. Aber es
kam keiner vorbei. Franck erinnerte sich an eine Plakataktion
der Polizei: »Kölner lassen keinen allein«. Damit wurden er
und seine lieben Mitbürger gelobt, weil sie sich gegenseitig in
Notlagen halfen und das ganz bestimmt auch weiterhin tun
würden. Heute Nacht schien gerade kein hilfsbereiter Kölner
unterwegs zu sein. Oder mieden die gutkatholischen Kölner
diese Seite des Bürgersteiges, weil er an den Schaufenstern des
Stardust vorbeiführte mit seinen leicht bekleideten Tänzerinnen?
Auch vom Parkhaus nebenan und vom Kiosk schräg gegenüber,
der geöffnet hatte und in dem reger Betrieb herrsch-
te, kam keine Hilfe. Franck musste allein auf die Beine kommen.
Mit letzter Anstrengung gelang es ihm, sich etwas aufzurichten.
»Komm, ich helf dir«, hörte er eine Stimme, die er vor ein
paar Tagen schon mal gehört hatte. Da stand »Krüppels
Schäng«, Jean Leclerc, der einbeinige Bettler, dem Franck am
Samstag in der Breite Straße dreihundert Euro »Schadenersatz
« mehr oder weniger geschenkt hatte.
Jean hielt sich mit beiden Händen am Bügel eines ALDIWagens
fest, in dem die beiden Krücken steckten und mit dem
der Bettler seine Habe durch die Stadt fuhr, die zur Hälfte aus
leeren Flaschen bestand. Jean schien Francks Gedanken erraten
zu haben, als er sagte: »Da ist mein kompletter Verdienst
von heute Abend drin. Für uns Bettler ist das Flaschenpfand
ein Segen. Du musst dir mal vorstellen, die Stadt Köln wollte
uns verbieten, dass wir die Flaschen von der Straße und aus
den Papierkörben aufsammeln. Wovon soll unsereiner denn
sonst leben?«
»Schäng«, sagte Franck, und er sagte bewusst »Schäng« und
nicht »Jean«, »schäng hier nicht so rum, sondern hilf mir jetzt
endlich hoch.«
Das war von Franck leichter gefordert als von Jean getan.
Der Einbeinige musste mit einer Hand irgendwo einen Halt
finden, damit er mit der anderen Hand überhaupt Kraft entfalten
konnte. Jean blockierte seinen ALDI-Wagen an der
Hauswand, hielt sich dort fest und forderte Franck auf, er solle
versuchen, näher zu ihm zu robben. Franck schaffte es, sich
auf allen vieren in Bewegung zu setzen. Als er Jean zu Füßen
lag und sich aufrichtete, konnte der seinen freien Arm unter
Francks Achsel klemmen, und dann schien das Auf-die-Beine-
Kommen ein Kinderspiel zu sein. Jean war viel stärker, als
man diesem einbeinigen Krüppel zutrauen würde.
Aber Franck war nicht so fit, wie er gehofft hatte. Er
schwankte, der Boden unter seinen Füßen schien sich zu drehen,
er taumelte, Jean fing ihn gerade noch auf.
»Warte, wir müssen das anders lösen«, sagte Jean und ver-
suchte Franck so gegen die Hauswand zu lehnen, dass er nicht
umkippen würde. Das gelang nach einigen Versuchen. Dann
räumte er alle Flaschen aus dem ALDI-Wagen und fluchte dabei:
»Hoffentlich sieht das keiner. Erstens bekäme ich dann
ein Knöllchen. Und zweitens würden die mich in die Klapsmühle
stecken, weil die mich für verrückt hielten. Das ist genau
so, als ob du dein Geld hier freiwillig auf die Straße schmeißen
würdest.«
Als die Flaschen ausgeräumt waren, kamen eine Decke, eine
Jacke und ein Hut zum Vorschein. »Komm, ich packe dich
in den Wagen und bring dich nach Hause.«
Franck fühlte sich hundeelend. Der Kopf explodierte, der
Magen brannte, ja, nach Hause wäre keine schlechte Idee. Jean
schob den ALDI-Wagen von hinten an Franck heran, dann
packte er ihn und schubste ihn, und dann saß er tatsächlich mit
seinem Hintern in dem Einkaufswagen, und die Beine und die
Hände baumelten aus dem Drahtkäfig heraus. Franck wurde
von dieser Aktion so überrascht, dass er zunächst nicht einmal
spürte, dass ihm jetzt alle Knochen noch mehr wehtaten als
zuvor.
Jean schien Francks Gewimmere nicht weiter zu stören. Er
setzte das Gefährt in Bewegung, was gar nicht so einfach war,
und humpelte hinterdrein, das allerdings in bemerkenswerter
Geschwindigkeit. Das Drahtgefährt machte einen höllischen
Lärm. Franck beschlich das dumme Gefühl, dass man ihn für
den betrunkenen Saufkumpan des Bettlers halten würde. Wie
er die Klatschtanten im Viertel kannte, würde morgen jeder
wissen, dass der Herr Milliardärssohn betrunken in einem
ALDI-Wagen am Brüsseler Platz vorgefahren war. Noch bezweifelte
Franck aber, dass Jean und er die dreihundert Meter
bis zu seiner Wohnung überhaupt schaffen würden. Schon die
mühsame Überquerung der Brabanter Straße kam ihm wie eine
Ewigkeit vor. Aber Jean lernte dazu, er wuchtete den schweren
Wagen gar nicht mehr hoch auf den Bürgersteig, sondern
nahm den Weg über die Fahrbahn. Für Jean war das auf jeden
Fall leichter, aber Franck wurde noch mehr durchgeschüt-
telt als zuvor, und er erfuhr noch einmal auf eine ganz neue
Weise, in welch schlechtem Zustand die Straßen Kölns waren,
schmerzlich gefühlt bestanden sie zu wenigstens fünfzig Prozent
aus Schlaglöchern.
Noch vor dem Brüsseler Platz musste Franck das Bewusstsein
verloren haben oder eingeschlafen sein. Denn als er die
Augen wieder aufschlug, war er nicht, wie erwartet, in der
Nähe seiner Wohnung, sondern ein paar hundert Meter weiter
unter der Eisenbahnbrücke über die Vogelsanger Straße. Jean
musste am Brüsseler Platz den Weg durch die Neue Maastrichter
Straße genommen haben und war jetzt auf dem Weg
Richtung Ehrenfeld.
»Du hast doch gesagt, du bringst mich nach Hause«, machte
sich Franck bemerkbar.
»Tu ich doch.«
»Aber ich wohne doch am Brüsseler Platz.«
»Woher soll ich das wissen? Ich bring dich zu mir nach
Hause. Morgen sehen wir weiter.«
Franck war zu schwach, um zu widersprechen. Er konnte
dem Krüppel nicht zumuten, den beschwerlichen Weg zurückzugehen.
Im Augenblick fühlte er sich in seinem Drahtkäfig
ganz wohl.
»Wie weit ist es noch? Wo wohnst du?«, fragte er schließlich.
»Melaten«, war die kurze Antwort.
Franck war beruhigt. Zum Melatenfriedhof war es nicht
mehr weit. Noch über die Innere Kanalstraße, dann in die
Weinsbergstraße oder die Piusstraße, bis dahin würde er es
aushalten. Rund um Melaten waren in den letzten Jahren ganz
nette Wohnungen entstanden.
Hier etwas außerhalb der Innenstadt, wo weniger Laternen
leuchteten, schienen die Sterne um so heller. Franck ließ seinen
Kopf nach hinten sinken und geriet ins Träumen, als die
Sterne langsam über ihm vorbeizogen. Wann hatte er so zuletzt
in den Himmel gesehen? Er erinnerte sich an eine Nacht
mit Fanny, die sie auf einer Wiese in Südfrankreich verbracht
hatten. Ob Fanny sich Sorgen um ihn machte? Vielleicht hatte
sie schon die Polizei alarmiert. Vielleicht wurde er schon gesucht.
Ach, nein, eher nicht. Fanny hatte sich daran gewöhnt,
dass er zu sehr unregelmäßigen Zeiten nach Hause kam. Fanny
würde erst morgen früh unruhig werden. Was würde sie
dann tun? Und was sollte er morgen tun?

MITTWOCH

Franck hatte das Gefühl für die Zeit verloren, als er zu sich
kam. Wo war er? Jedenfalls nicht mehr in dem Drahtkäfig von
Einkaufswagen. In seinem Kopf hämmerte es noch stärker als
in seinen Beinen. In seinen Beinen? Wo waren seine Beine? Es
kam ihm so vor, als fühlte er nur sein rechtes Bein. Was war mit
seinem linken Bein?
Er lag in einem dunklen oder abgedunkelten Raum mit
kleinen Fenstern. War es ein Raum? War es eine Garage? Die
Fenster waren vergittert, eine der Scheiben war eingeschlagen.
Irgendetwas hier war völlig anders, aber was? Es war ruhig,
unglaublich ruhig. Man hörte keinen Straßenlärm, nichts, kein
Gehupe, kein Reifenquietschen. Stattdessen machten sich Vögel
bemerkbar. War das ihr Morgengesang? Franck bedauerte,
dass er so wenig von der Natur verstand.
Wie war er hierhergekommen? Und wo war Jean? Wieso
überhaupt Jean? Was hatte der mit ihm zu tun? War das alles
wirklich geschehen? Wer hatte ihn überfallen? Und warum?
War das nur eine typische Ring-Schlägerei oder steckte mehr
dahinter? Oder hatte Jean etwas damit zu tun? Der hatte ihn
doch vor ein paar Tagen schon mal attackiert. Hatte der nicht
gesagt, er wollte ihn zu sich nach Hause bringen?
Und jetzt lag er hier in irgendeiner feuchten Garage, die
nach Friedhof roch. Sein Bett war eine Art Luftmatratze, sein
Bettzeug bestand aus müffelnden Decken. Sein Kopf schmerzte,
und sein Leib brannte, und seine Beine schienen wie abgestorben.
War er entführt worden? War Jean inzwischen unterwegs,
um Lösegeldforderungen zu stellen?
Franck hörte ein Geräusch an der Tür, es klapperte und
quietschte, als würde ein schwerer Riegel beiseitegeschoben.
Jean erschien im hellen Türausschnitt, der Bettler bemühte sich,
die Tür schnell zu schließen. Er wollte auf keinen Fall beobachtet
werden. Was hatte er zu verbergen?
Jean machte sich in einer Ecke des Raumes zu schaffen, ohne
Franck zu beachten. Dahinten war so etwas wie eine Küche.
Eine Elektroplatte mit zwei Kochfeldern. Ein elektrischer
Wasserkocher. Ein Mini-Backofen, aus dem der Geruch frischer
Brötchen wehte. Und Duft von frischem Kaffee mischte
sich dazu.
Endlich schien sich Jean auch für Franck zu interessieren.
Leise, als wolle er ihn nicht stören, näherte er sich dem Mann auf
der Luftmatratze, der die Augen geschlossen hatte. Vorsichtig
nahm er eine der Decken und zog sie Franck etwas weiter über
die Schultern. Franck öffnete die Augen, Jean lächelte ihn an.
»Wo bin ich?«, fragte Franck.
»Willkommen bei mir zu Hause. Gleich gibt es Frühstück.
Frische Brötchen. Kaffee. Honig. Marmelade. Ein Ei.«
»Wo sind wir hier?«
»Bei mir zu Hause. Nimm erst einmal was zu dir, dann erklär
ich dir alles.«
Jean rückte einen Klapphocker an Francks Lager, der ab
sofort als Tisch zu dienen hatte. Franck bewunderte, wie beweglich
dieser Krüppel war, wie er den Kaffee balancierte und
auf einem Bein an sein Bett brachte, ohne auch nur einen Tropfen
zu verschütten.
Das größere Problem war, wie Franck den Kaffee zu sich
nehmen sollte, im Liegen würde das nichts werden. Er versuchte,
sich aufzurichten, konnte die Schmerzen kaum aushalten.
Jean packte ihn an der Schulter, lehnte ihn an die Wand,
wo er aus weiteren Kissen und Decken eine Rückenlehne aufgetürmt
hatte.
Selten hatte Franck ein Frühstück so gut wie dieses geschmeckt.
Die Brötchen waren frisch und noch warm. Der
Kaffee war gut. Honig und Marmelade hatte er seit Jahren nicht
mehr gegessen. Lecker! Und dann kam Jean sogar mit einem
Glas Sekt an, serviert in einem Plastikglas, aber dieses Plastikglas
hatte die Form einer Champagnerflöte. »Der Trockene
von ALDI«, sagte Jean.
Franck musste gestehen, dass er nicht zu den ALDI-Käufern
gehörte, obwohl es auch in seinen Kreisen schick geworden
war, mit dem Porsche Cayenne beim Discounter vorzufahren.
»Der Sekt ist gar nicht so übel«, sagte Franck.
»Ist sowieso alles von deinem Geld. Sonst hätte ich mir das
alles nicht leisten können.«
Franck fühlte sich wohl, aber auch irgendwie unsicher. Was
sollte er von Jean halten? Und was von diesem merkwürdigen
Versteck? »Hast du mich jetzt eigentlich gerettet oder hast du
mich entführt?«
»Was sagst du da?« Jean klang ehrlich empört. »Ich soll
dich entführt haben? Du hast se wohl nicht mehr alle. Wenn
ich nicht da gewesen wäre, wärst du vielleicht auf der Straße
verreckt.«
»Entschuldigung. Ich wollte dich nicht kränken. Aber irgendwie
ist das hier ja doch etwas komisch.«
»Was ist hier komisch? Was meinst du denn, wo ich wohnen
sollte? Du hast doch gesehen, wie ich mir mein Geld verdiene.
Was hast du denn von einem Straßenbettler erwartet?
Hier geht es uns doch bestens. Ich habe in Löchern gehaust, da
war es viel schlimmer. Hier haben wir ein Dach über dem
Kopf. Hier haben wir Strom. Hier haben wir Wasser. Sogar eine
Toilette. Da kannst du nur von träumen.«
»Wo sind wir denn hier?«
»Habe ich dir doch gestern gesagt.«
»Wirklich?«
»Ja, weiß ich genau. Melaten.«
»Wie, Melaten?«
»Wir sind hier auf dem Melatenfriedhof.«
»Du wohnst auf dem Melatenfriedhof?«
»Ja. Wir sind hier in der alten Trauerhalle. Mitten auf der
Millionenallee.«
»Millionenallee?«
»Ja. So nennen die Kölner den Hauptweg, die Mittelachse,
MA abgekürzt, mit den Grüften der Reichen. Kölns beste Adresse,
wenigstens auf dem Friedhof. Da kannst du dich nicht
beklagen.«

(ENDE des Vorabdrucks)

*

Edgar Franz­mann: Mil­lio­nen­al­lee. Köln Krimi 38. Bro­schur. Köln: Emons Ver­lag 2009. 192 Sei­ten. ISBN 978−3−89705−631−2, € 9,90-.

"Millionenallee" ist ab sofort in allen Buchhandlungen erhältlich.
Oder hier direkt online beim Emons-Verlag bestellen.

 

Onlinespiele

spiele_cuboro_riddles_1200.jpg
Cuboro Riddles stellt die Spieler vor eine Reihe kniffliger Herausforderungen in 3D! Mit Cuboro Riddles baut man Kugelbahnen und löst Rätsel, es fördert das räumliche Denken und macht einfach Spaß.  Jetzt Cuboro Riddles spielen!
spiele_mahjong-koelsch-foto_1200.jpg
Mahjong op kölsche Aat - können Sie alle Steine entfernen? Mit Dom, Rhein, Karneval und Halver Hahn.  Mahjong spielen
spiele_exchange_1200.jpg
Bilde Reihen aus mindestens drei Steinen. Kombiniere vier oder fünf Steine und bekomme Bonussteine! Schalte über die Level-Auswahl den "Endlosspiel"-Modus ein - das entspricht der "Exchange-Classic"-Variante.  Jetzt Exchange Challenge spielen