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"Millionenallee" - der neue Köln-Krimi

6. Folge: Ein Milliardärssohn auf der Arbeit

DIENSTAG

Die Verwaltung der von Franckenhorst GmbH & Co. KG war
erst vor einem Jahr an den Rheinauhafen umgezogen. Hier,
gleich neben den umgebauten alten Speicherhallen, die der
Volksmund wegen ihrer sieben markanten Giebel »Siebengebirge
« nannte, waren Luxuswohnungen und Büroflächen direkt
am Rhein entstanden, ein sehr repräsentativer Ort für das
traditionsreiche Kölner Parfümerieunternehmen.
In den neuen Räumen arbeiteten nur noch etwa hundert
Angestellte, ganz oben mit dem besten Blick über den Rhein
saß die Geschäftsführung, dazu kamen Marketing, Kommunikation
und Werbung, außerdem gab es ein kleines Entwicklungslabor.
Im Erdgeschoss präsentierte sich das Unternehmen
natürlich noch mit einem exklusiven Showroom. Der größte
Teil der Produktion war schon vor vielen Jahren aus der Domstadt
ausgelagert worden. Inzwischen ließ vF sogar in Indien,
Malaysia und China produzieren. Nur das etwas aus der Mode
gekommene »Original Eau de Cologne« wurde noch in kleinen
Mengen in Köln hergestellt.
Es war fünfzehn Minuten vor neun Uhr morgens, als Franck
seinen BMW in die Tiefgarage der Firma steuerte. Die Fahrt
durch die Stadt war überraschend staufrei verlaufen. Er war
froh, dass er pünktlich war. Tatsächlich hatte er sogar einige
Minuten freie Zeit, sich noch etwas umzusehen. Er war, das
musste er sich zu seiner eigenen Schande eingestehen, erst ein
einziges Mal hier gewesen, und zwar zu einer Art Richtfest.
Der Haupteingang zur Verwaltung lag zur Rheinuferstraße,
aber auch zur Rheinseite gab es einen kleineren Eingang gleich
neben den großen Fenstern des Schau- und Verkaufsraums.
Der Architekt hatte die Firmenfarben Blau und Orange
sehr behutsam eingesetzt. Das alles hatte Stil. Er würde sich
hier wohlfühlen.
Frau Schenk, Vaters langjährige Sekretärin, begrüßte Franck
geradezu überschwänglich. »Ach, Herr von Franckenhorst,
ich freu mich ja so, Sie hier zu sehen. Die ganze Firma hat diesem
Tag entgegengefiebert. Und so ein schicker Mann sind Sie
geworden.«
»Frau Schenk, Sie können ruhig weiter Franck zu mir sagen.
Sie kennen mich doch schon, seitdem ich ein Baby war.«
»Ja, das stimmt, Sie waren ein sehr lebhaftes Kind. Ich sage
gerne Franck zu Ihnen, wenn wir zu zweit sind, aber siezen
muss ich Sie immer. Und ansonsten sind Sie hier im Unternehmen,
auch für mich, der Herr Direktor. Ich wünsche Ihnen
viel, viel Glück für Ihre neue Aufgabe. Ihr Herr Vater hat gestern
noch alles veranlasst. Ihr Büro ist gleich nebenan, um eine
Assistentin für Sie werde ich mich kümmern, bis wir da jemand
gefunden haben, können Sie gerne auf mich zurückgreifen.«
»Danke, Frau Schenk. Ich bin wirklich sehr froh über Ihre
Hilfe. Ich werde sie bestimmt in Anspruch nehmen.«
»Möchten Sie erst in Ihr Büro oder direkt zu Ihrem Vater?«
»Ich denke, ich sollte mich erst bei meinem Vater vorstellen.
Er erwartet mich um neun.«
»Ja, das tut er. Ich melde Sie sofort an. Er wird sich freuen,
dass Sie so pünktlich sind.«
Franck schaute auf seine Uhr, er trug wieder die Meister-
Singer 01, die gestern das Interesse seines Vaters gefunden hatte.
Es war genau neun Uhr.
Ferdinands Büro war ein riesiges Eckzimmer mit wandhohen
Fenstern an zwei Wänden, eine Fensterfront ging Richtung
Innenstadt und Kölner Dom, die andere gab den Blick
auf den Rhein und das rechtsrheinische Ufer frei. Ferdi saß
hinter einem weißen Schreibtisch, aber er stand auf, als Franck
eintrat, umarmte ihn und bat ihn zu der weißen Ledercouch,
die so platziert war, dass man von ihr aus dem Schiffsverkehr
zusehen konnte. »Willkommen, mein Sohn. Wie du siehst, bietet
auch der Ernst des Lebens seine schönen Ausblicke. Dein
Büro geht auch zur Rheinseite. Ich habe dafür mein persönliches
Konferenzzimmer geräumt, sonst hätte Direktor Kannegießer
umziehen müssen, und das wollte ich nicht. Der hat
schon genug Probleme mit deinem Erscheinen. So geratet ihr
euch wenigstens nicht gleich wegen der Büroräume in die Haare.
Ansonsten bin ich sehr gespannt, wie sich das zwischen dir
und ihm entwickeln wird.«
»Danke, Vater. Ich denke, ich werde hier erst einmal eine
Menge lernen müssen.«
»Ja, das wirst du. Aber tritt ja nicht zu leise auf. Du bist
mein Sohn und sollst dir den nötigen Respekt verschaffen.
Und wenn dich jemand zurechtstutzen muss, dann mach ich
das lieber selber. Und dass ich das tun werde, darauf kannst du
dich verlassen.«
»Das habe ich nicht anders erwartet, Ferdinand.«
»Gut. Ich habe für neun Uhr dreißig eine außerordentliche
Bereichsleiterrunde angesetzt. Wir tagen normalerweise immer
dienstags um neun Uhr, da bist du ab sofort auch dabei.
Für jede Minute Verspätung muss man übrigens zehn Euro in
eine Gemeinschaftskasse einzahlen, das Geld wird am Jahresende
für einen guten Zweck gestiftet. Ich habe noch nie einzahlen
müssen, sondern immer freiwillig gespendet. Es würde
mich freuen, wenn du genauso pünktlich wärst. Notfalls trägst
du eben zwei Uhren. Du scheinst ja fast so viele Uhren wie ich
zu haben.«
»Ich werde mich bemühen, pünktlich zu sein. Aber so viele
Uhren wie du habe ich sicher noch nicht. Und eine Uhr, die
Micky-Maus-Uhr, habe ich gerade verschenkt.«
»Ich hab’s gesehen. Dass du jetzt auch noch Miriam mit
dieser Kinderei den Kopf verdrehst.«
»Vater, das war doch nur ein Spaß.«
»Was du so Spaß nennst. Aber ich will mich mit dir nicht
streiten. Ich wünsche dir viel Glück für deinen ersten Tag. Wir
sehen uns dann um halb zehn. Lilo, Frau Schenk, wird dir dein
Büro zeigen und alles Nötige erklären.«
Bei diesen Worten stand Ferdi auf, aber Franck hätte auch
so gewusst, dass die Privataudienz bei seinem Vater damit zu
Ende war.
Frau Schenk hatte einen großen Frühlingsstrauß in der
Hand. »Kommen Sie, Franck, ich zeige Ihnen Ihr Büro. Der
Strauß ist mein persönliches Begrüßungsgeschenk für Sie.«
Francks Büro hatte eine sechs Fenster breite Front zum
Rhein hinaus, davor gab es sogar noch einen umlaufenden Balkon,
von dem aus man den phantastischen Blick auf den Strom
im Freien genießen konnte. Frau Schenk öffnete eine Glastür.
»Gehen Sie ruhig mal nach draußen, jetzt im Frühling ist es
besonders schön.«
Franck sog die Luft ein. Der Rhein roch nicht nur nach
Wasser, sondern auch nach Diesel. Und es war überraschend
laut, so laut, dass er sich kaum vorstellen konnte, künftig bei
offenem Fenster zu arbeiten. Aber jetzt genoss er es. In der
Ferne sah er die Hügel des Bergischen Landes, zur Linken
ging der Blick Richtung Rheinauhafen, wo die spektakulären
Kranhäuser in den Himmel wuchsen. Rechts schaute er auf
die Poller Wiesen, wo er früher Drachen hatte steigen lassen.
Zuletzt war er vor ein paar Jahren dort gewesen, als Papst Benedikt
XVI. Köln zum Weltjugendtag besuchte und in einem
Schiff der weißen Flotte an den dort zu Hunderttausenden
wartenden jungen Pilgern vorbeituckerte.
»Möbel müssen Sie noch aussuchen«, sagte Frau Schenk.
»Wir haben nur das Nötigste bereitgestellt. Schreibtisch, Stuhl,
kleine Sitzgruppe. Ihr Telefon hat die Durchwahl 200, Ihr
Herr Vater hat die 100, ich die 101. Computeranschluss ist gelegt,
für elf Uhr ist jemand vom IT-Support bestellt, um mit
Ihnen alles zu besprechen. Die Zugangsdaten für unser WLAN
habe ich Ihnen schon auf den Tisch gelegt, falls Sie zunächst
mit Ihrem eigenen Notebook arbeiten wollen.«
»Danke, Frau Schenk, das ist wirklich alles wunderbar. Ich
weiß gar nicht, wie ich mich revanchieren kann.«
»Ach, Franck, machen Sie sich da mal keine Sorgen. Da wird
mir schon was einfallen, und dann melde ich mich.«
»Eine Bitte habe ich noch: Wo findet gleich die Bereichsleiterrunde
statt?«
»Die ist im kleinen Konferenzraum. Ich werde Sie um fünf
vor halb zehn abholen und Ihnen alles zeigen.«
Die Bereichsleiterrunde war der Treffpunkt der Top-Führungskräfte
des Unternehmens, und Franck merkte schnell,
dass es eine klare Sitz- und Hackordnung gab. Am Kopfende
saß natürlich sein Vater, der ihm die Anwesenden vorstellte.
Rechts von ihm saß die Direktorin für Vertrieb, Renate Venekoten,
ihr gegenüber Martin Kannegießer, der kaufmännische
Direktor. Die anderen am Tisch hießen nicht Direktoren, sondern
Bereichsleiter. Neben Frau Venekoten saßen Marketingleiter
Peter Nordt und Produktionsleiter Alfons Bergmann.
Neben Direktor Kannegießer war ein Stuhl freigehalten für
Emma Herzog, die Unternehmenssprecherin, daneben saß
Entwicklungschef Dr. Horst Zech.
Franck setzte sich ans untere Ende des Konferenztisches,
seinem Vater gegenüber. Ferdi schaute auf die große Wanduhr.
»Eine Minute gebe ich ihr noch.«
Als Emma Herzog in den Raum stürmte, schallte ihr ein
mehrstimmiges »Mahlzeit« entgegen, als hätte sie sich nicht um
zweieinhalb Minuten, sondern um zweieinhalb Stunden verspätet.
»Als der für Finanzen zuständige Direktor mache ich Sie
darauf aufmerksam, dass Sie dreißig Euro in unsere Kasse einzuzahlen
haben.«
»Buchen Sie es von meinem Gehalt ab, Kannegießer, wenn
es Ihnen Spaß macht. Ich hatte zu tun. Hier ist die Pressemeldung
zum Eintritt von Franck von Franckenhorst in unser
Unternehmen.«
Als sie auf ihn zutrat, stand er auf und reichte ihr die Hand.
Die junge Frau, sie mochte in seinem Alter sein, hatte einen
ziemlich festen und kühlen Händedruck.
Sie suchte sich ihren Platz genau gegenüber von Frau Venekoten,
und Franck spürte, dass es zwischen den beiden Damen
heftigst knisterte. Da lag eine Spannung in der Luft, die er
nicht deuten konnte.
Sein Vater machte den amtlichen Teil dann ziemlich kurz
und schmerzlos. Er verkündete, dass sein Sohn von heute an
als Direktor im kaufmännischen Bereich verantwortlich tätig
sein werde. Die Leitung des kaufmännischen Bereichs liege
weiterhin bei Direktor Kannegießer, aber er erwarte, dass die
beiden Herren sich künftig eng miteinander abstimmten. Ansonsten
erwarte er von allen im Saal enge und vertrauensvolle
Zusammenarbeit zum Wohle des Unternehmens. Bevor er die
Zusammenkunft beende, solle sein Sohn noch die Gelegenheit
zu einer kleinen Vorstellung haben.
Franck hatte nicht damit gerechnet, dass sein Vater ihm das
Wort erteilen würde, also fasste er sich kurz. »Ich danke Ihnen
für die sehr freundliche Aufnahme. Von meiner Seite aus kann
ich versichern, dass ich zu jeder Zusammenarbeit bereit bin.
Allein schon aus dem Grund, um beim Herrn Generaldirektor
nicht in Ungnade zu fallen. Der kann mir nämlich, anders
als Ihnen allen, nicht nur als Chef die Meinung sagen, sondern
auch noch als Vater.«
Dabei schaute er Ferdinand so verschmitzt an, dass der sogar
zurücklächelte, was für die anderen im Raum das Signal
war, Francks kurze Rede mit Klopfen auf die Tischplatte zu
beantworten.
Franckenhorst senior erklärte die BL-Runde für aufgehoben.
Direktor Kannegießer sorgte dafür, dass er es war, der an
Francks Seite das Zimmer verließ. »Wenn es Ihnen recht ist«,
sagte er, »würde ich Ihnen gerne gleich ein wenig vom Unternehmen
zeigen und Sie insbesondere mit unserem Bereich bekannt
machen.«
Franck willigte sofort ein, was Kannegießer zufrieden quittierte.
Es schien so, als sei er Frau Venekoten zuvorgekommen.
Die Runde durchs Haus dauerte fast zwei Stunden. Franck
trug mit Fassung, dass er überall bestaunt wurde. Er konnte
sich vorstellen, wie hinter seinem Rücken getuschelt wurde.
Die meisten hielten ihn wahrscheinlich für einen reichen, verwöhnten
Nichtsnutz, der es nur seiner Geburt zu verdanken
habe, dass er sich jetzt mit dem Titel Direktor schmücken
durfte. Sollte er ihnen deswegen böse sein? Nein, sie hatten ja
recht. Aber ihm wurde bewusst, dass er es bei den einfachen
Angestellten viel schwerer haben würde als in der Runde der
Bereichsleiter, die doch alle mehr oder weniger direkt von seinem
Vater abhängig waren.
Als er in sein Büro zurückkam, stand ein schicker iMac auf
seinem Tisch, daneben lag ein Zettel mit verschiedenen Passwörtern
und Zugangscodes. Frau Schenk erwartete ihn mit einem
kleinen Plastikkärtchen. »Ihr elektronischer Hausausweis,
mit dem Sie durch alle Zugangssperren kommen.«
Franck ließ sich zeigen, wie die Karte vor die Lesegeräte zu
halten war. »Heißt das, dass immer, wenn ich hier eine Sperre
passiere, irgendwo elektronisch registriert wird, durch welche
Tür ich wann gegangen bin?«
»Ich denke, dass das mitprotokolliert wird. Aber dafür habe
ich mich nie interessiert. Ich weiß auch nicht, wer dafür zuständig
ist. Wahrscheinlich Direktor Kannegießer, der auch
für das Personalwesen die Verantwortung hat.«
»Danke, Frau Schenk. Ich werde ihn danach fragen.«
»Da ist noch was.«
»Ja?«
»Frau Direktor Venekoten würde gerne mit Ihnen heute zu
Mittag essen.«
»Wann?«
»Jetzt, um genau zu sein.«
»Was empfehlen Sie mir?«
»Ich an Ihrer Stelle würde zusagen.«
»Dann sagen Sie ihr zu. Vielleicht könnte sie mich abholen,
da ich ja überhaupt noch nicht weiß, wo und wie man hier gut
essen geht.«
»Nicht nötig. Sie hat mich bereits einen Tisch für Sie beide
beim Italiener schräg gegenüber reservieren lassen. Ich werde
Frau Venekoten anrufen und ihr mitteilen, dass Sie auf dem
Weg sind.«
Das Mittagessen mit Renate Venekoten verlief erfreulich
harmonisch. Die Vertriebschefin erwies sich als charmante
Mittvierzigerin mit viel Kompetenz und einer Menge Humor.
Von jedem in der BL-Runde hatte sie eine pointierte Meinung,
die sie Franck auch wissen ließ, ohne mit ihren Urteilen jemals
verletzend zu sein. Nein, Frau Direktorin war keine Klatschtante,
aber sie wollte wissen, was im Unternehmen vorging.
Und der Auftritt eines neuen von Franckenhorst war natürlich
ein Ereignis, das sie nicht unbeachtet lassen konnte. Ganz
nebenbei machte sie ihm klar, dass sie sich als erste Stellvertreterin
seines Vaters sah, auch wenn Direktor Kannegießer der
Ältere von ihnen beiden war. »Ohne mich und den Vertrieb
wäre die Firma nicht das, was sie ist. Wir bringen das Geld.
Kannegießer zählt das Geld, aber wir verdienen es.«
Sie stockte, und Franck spürte, dass sie ihm noch etwas sagen
wollte.
»Wissen Sie, Franck, Sie gestatten doch, dass ich Sie Franck
nenne?«, fuhr sie schließlich fort, ohne seine Erlaubnis abzuwarten.
»In diesem Unternehmen ist es nicht leicht, verantwortlich
für den Vertrieb zu sein. Ihr Herr Vater ist sehr der
Tradition verhaftet, wozu er als Firmeninhaber in der x-ten
Generation natürlich auch allen Grund hat. Aber die Frau von
heute wünscht sich manchmal schon etwas Abwechslung und
Glamour. Ich setze da auf Sie, dass Sie mehr jugendlichen Elan
einbringen.«
»Ich werde sehen, was ich tun kann.«
»Eigentlich hatte ich gehofft, Sie würden sich um das Thema
Marketing und Produktentwicklung kümmern. Und jetzt
vergraben Sie sich in der kaufmännischen Abteilung. War das
die Idee Ihres Vaters?«
Franck war überrascht von dieser Frage.
»Nein, lassen Sie nur, müssen Sie mir auch gar nicht sagen.
Ihr Vater wird sich schon etwas dabei gedacht haben.«
Franck kam nicht mehr dazu, eine Antwort zu geben, denn
Frau Venekoten hatte den Kellner herangewinkt und um die
Rechnung gebeten. »Das verkraften Sie doch als Mann, dass
ich heute bezahle? Ich habe schließlich Sie eingeladen.«
»Ja, das verkrafte ich, obwohl ich mich nicht daran erinnern
kann, jemals von einer Dame eingeladen worden zu sein.
Sie müssen mir versprechen, dass ich mich revanchieren darf.«
»Sehr gerne. Aber jetzt müssen Sie erst einmal Mittagsrunden
mit allen anderen drehen, sonst geht gleich ein fürchterliches
Getuschel los. Ich bin sicher, dass sowieso schon die halbe
Belegschaft weiß, dass und was wir zwei hier gerade gegessen
haben.«
»Na, wenn das so ist, dann können wir auch gemeinsam in
die Firma zurückkehren, dann bekommt die andere Hälfte
auch noch was mit. Ich werde das Getuschel schon aushalten.
«
»Na, Sie wissen noch nicht, was über mich alles getuschelt
wird. Wenn Sie erst alles über mich erfahren haben…«
»Werde ich meine Meinung doch nicht ändern. Sie sind eine
charmante Frau, es war mir wirklich ein Vergnügen.«
Kannegießer registrierte genau, dass Franck gemeinsam mit
Frau Venekoten zurück in die Firma kam. »Frau Venekoten
war so nett, mir den Italiener gegenüber zu zeigen. Ich wäre
sonst gestorben vor Hunger«, ging Franck das Thema frontal
an und bog so alle weiteren Fragen ab.
Als er in sein Büro zurückkam, empfing ihn Frau Schenk
mit neuen Nachrichten. Sie habe bereits zwei Bewerberinnen
für den Job als seine Teamassistentin gefunden, die sich morgen
vorstellen würden. Sie habe Terminvorschläge in seinen
Kalender eingetragen, die er bitte bestätigen solle.
Franck hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, welchen
Kalender sie meinte, seinen Filofax hatte er doch bei sich gehabt.
Aber Frau Schenk sprach von einem Kalender in seinem
Computer, auf den sie Zugriff hatte. Sie und später auch seine
Assistentin müssten doch wissen, wo er gerade sei und wann
er Zeit habe. Franck fand das alles sehr einleuchtend, aber dabei
wurde ihm klar, dass er überhaupt nicht wusste, wie er als
Chef mit einer Assistentin umgehen sollte.
Doch das hatte ja bis morgen Zeit. Jetzt wollte er sich erst
einmal Direktor Kannegießer vornehmen und die Rechnungen
der letzten dreißig Tage anfordern. Schon bei ihrem Rundgang
am Vormittag hatte Franck gegenüber Kannegießer ent-
sprechende Andeutungen gemacht. Als der darauf so gar nicht
eingehen wollte, hatte sich Franck schwerhörig gestellt und
irgendwann einfach gesagt: »Schön, ich komme mir die Rechnungen
dann um drei Uhr in Ihrem Büro abholen.«
Als Franck in Kannegießers Büro erschien, verschwand der
fast hinter einem halben Dutzend Leitz-Ordnern. »Da haben
Sie Ihre Rechnungen der letzten dreißig Tage. Ich weiß zwar
nicht, was Sie damit wollen, aber ich wünsche Ihnen viel Spaß
dabei. Hier alle Rechnungen aus dem Einkauf. Hier in diesen
beiden Ordnern alle Vertriebsumsätze nach Ländern und Kontinenten,
Groß- und Einzelhandel, aufgeschlüsselt auf jeden
einzelnen Laden und jeden einzelnen Vertriebsbevollmächtigten
inklusive Provisionen. Da wird sich Frau Venekoten
freuen, wenn Sie ihr die Arbeit abnehmen. Hier alles aus dem
Bereich Kommunikation, Rechnungen an Agenturen, Werbeschaltungen,
Spenden und Sponsoring. Das ist auch was Schönes:
Rechnungen der Produktionsstätten in aller Welt, hier alle
Transportrechnungen. Was haben wir noch? Allgemeine Verwaltungsausgaben,
Spesenabrechnungen, Fahrtkosten, Investitionen,
Rechtsanwaltskosten, Telefon, Datentransfer, Fuhrpark.
Steuern, Sozialabgaben, Personalkosten. Das wollen Sie
doch im Ernst nicht alles durchsehen?«
»Ja, das ist tatsächlich mehr, als ich mir vorgestellt hatte.
Aber ich werde nicht bei der ersten selbst gestellten Aufgabe
kneifen. Lassen Sie die Ordner zusammenpacken und zu mir
rüberbringen, ich werde das dann alles heute Nacht durcharbeiten.«
»Ich will Sie da nicht abhalten. Aber falls Ihr Vater Sie fragt,
was Sie da tun, sagen Sie ihm um Himmels willen die Wahrheit,
dass Sie sich das selbst eingebrockt haben. Sonst meint
der noch, ich wollte Sie schikanieren.«

Es war schon nach zehn Uhr abends und dunkel, als Franck
seinen Arbeitstag beendete. Die Lichter der Severinsbrücke
spiegelten sich im Rhein. Warum setzte er sich nicht in die Altstadt
und genoss den Frühling? Seit Samstag hatte es nicht
mehr geregnet, heute war das Thermometer fast bis auf fünfundzwanzig
Grad geklettert, wie er im Wetterbericht in den
Radionachrichten hören konnte. Und was tat er? Er wühlte
sich durch die langweiligsten Papiere, die er jemals gelesen
hatte. Ja, er hatte das alles tatsächlich gelesen. Vier Aktenordner
hatte er bereits durchgeblättert und nichts gefunden, was
seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Einige Rechnungen, die
mit Geschäftspartnern in Luxemburg, hatte er besonders
gründlich untersucht. Darin ging es um sehr hohe Beträge von
jeweils mehreren Millionen Euro. Aber auch an diesen Rechnungen
konnte er nichts entdecken, was irgendeinen Verdacht
begründen konnte. Trotzdem holte er diese Rechnungen aus
dem Ordner, fotografierte sie und überspielte die Fotos von
der SD-Card des Handys auf einen winzigen Memorystick,
der in der Kappe seines Kugelschreibers verschwand. Es waren
genau sieben Rechnungen, die er auf diese besondere Art
behandelte. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass seine gesamte
Arbeit umsonst gewesen war. Sollte er alle sechs Ordner mit
nach Hause nehmen oder nur die beiden letzten, die er noch
nicht durchgesehen hatte? Er entschied sich für die große Lösung.
Sollten Miriam und Fanny doch die ganze Arbeit noch
einmal tun, es war schließlich ihre Idee gewesen.
Franck schien der Letzte auf der Chefetage an diesem Abend
zu sein. Er packte die Ordner in einem Karton zusammen und
fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Er hievte den Karton
auf den Rücksitz und fuhr Richtung Stadt. Anders als am
Morgen nahm er die Rheinuferstraße Richtung Innenstadt,
fuhr durch den Rheinufertunnel, am Ende scharf links Richtung
Dom und am Stadtmuseum vorbei Richtung Friesenplatz,
wo die Menschen trotz der späten Stunde noch zu Hunderten
in den Straßencafés saßen. Franck bog links auf die
Ringe, dann rechts in die Maastrichter Straße, die genau auf
den Brüsseler Platz zulief, wo er wohnte.
Knapp dreihundert Meter vor seinem Ziel, gleich vor dem
Stardust, einem Tabledance-Laden, entdeckte er einen freien
Parkplatz. Heute war Dienstagabend, sicher nicht der heißes-
te Ausgehtag, aber freie Parkplätze gab es im Belgischen Viertel
eigentlich nie. Franck steuerte den freien Platz an, zog einen
Parkschein und deponierte ihn vorschriftsmäßig hinter der
Windschutzscheibe.
Von diesem Überraschungsparkplatz aus musste er nur
knapp fünfzig Meter zurückgehen bis zum Hohenzollernring,
der abends belebtesten Meile Kölns zwischen Rudolfplatz
und Friesenplatz. Dem Zeitungsmann in seiner roten Jacke
kaufte er einen Stadt-Anzeiger und einen EXPRESS von
morgen ab, und dann setzte er sich auf einen Cappuccino in
ein Straßencafé am Ring.
Die Pressemeldung über seinen Antritt in der Firma hatte
es tatsächlich in die Zeitung geschafft, allerdings nur in den
Klatschteil des EXPRESS. Zu einem sehr kurzen Text hatte die
Redaktion ein Foto gestellt, das mindestens drei Jahre alt war
und ihn auf irgendeiner Karnevalssitzung zeigte. Er musste
unbedingt dafür sorgen, dass die Pressestelle neuere und bessere
Fotos von ihm anfertigen ließ und an die Redaktionen verteilte.
Es war inzwischen elf Uhr, als Franck die Anspannung des Tages
so weit abgebaut hatte, dass er an etwas anderes denken
konnte als seinen neuen Job und seine alte Familie. Er registrierte,
dass die Mädchen und Frauen in Köln ihre bauchnabelfreien
Tops aus dem Schrank geholt hatten, dass die Säume der
Röcke nach oben und die Ausschnitte nach unten gerutscht
waren. Seit Jahren schon wurde diese Mode totgesagt, aber
mit jedem Frühling tauchte sie doch wieder auf. Dabei hieß
es doch, Frauen seien kälteempfindlicher als Männer. Wieso
spielte das in dieser Modefrage keine Rolle? Franck nahm sich
vor, bei Gelegenheit Miriam oder Fanny danach zu fragen.
Ihm fiel ein, dass die beiden wahrscheinlich schon lange auf
ihn warteten, um die Rechnungen zu sichten. Wieso hatte er
sie nicht angerufen? Vom Büro aus schien ihm das zu unsicher,
da konnte so ein Gespräch leicht mitgehört oder vielleicht sogar
mitgeschnitten werden. Aber anschließend hätte er sie so-
fort per Handy über den Stand der Dinge informieren sollen.
Jetzt machte das keinen Sinn mehr. Er zahlte, ging Richtung
Auto und würde in fünf Minuten zu Hause am Brüsseler Platz
sein.
Als er in die Maastrichter Straße einbog, machte sich irgendein
Kerl an seinem BMW zu schaffen. Franck beschleunigte
seinen Schritt, um nachzusehen, was da los war, und dem Rüpel
die Meinung zu sagen. Als der Franck heranstürmen sah,
verzog er sich freiwillig und suchte Deckung im etwas zurückgelegenen
Eingang des Tabledance-Schuppens.
Franck stieg nicht sofort in seinen Wagen ein, sondern
drehte sicherheitshalber eine Inspektionsrunde um den Wagen,
um zu kontrollieren, ob der Junge irgendetwas beschädigt
hatte. Es war eine ziemliche Unsitte, dass Spiegel abgebrochen
und Scheibenwischer abgeknickt wurden. Diesmal
war nichts passiert. Glück gehabt, dachte Franck, da bin ich
wohl gerade rechtzeitig gekommen. Nur der rechte Außenspiegel
war von Hand eingeklappt. Franck ging zur rechten
Wagentür, um ihn wieder in Position zu bringen.
Auf diesen Moment hatte der Rüpel nur gewartet. Mit einem
lauten Schrei sprang er aus dem Bareingang heraus und
schleuderte Francks Körper mit voller Wucht gegen den BMW.
Der Spiegel bohrte sich in seine Seite, was höllisch wehtat.
Franck bückte sich, weil er einen weiteren Schlag fürchtete,
der auch kam, aber statt auf Francks Leib in die Seitenscheibe
des Wagens krachte, die in tausend Splitter zersprang.

(7. Folge: Überfall vor dem Table-Dance-Laden)

*

Edgar Franz­mann: Mil­lio­nen­al­lee. Köln Krimi 38. Bro­schur. Köln: Emons Ver­lag 2009. 192 Sei­ten. ISBN 978−3−89705−631−2, € 9,90-.

"Millionenallee" ist ab sofort in allen Buchhandlungen erhältlich.
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