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"Millionenallee" - der neue Köln-Krimi

5. Folge: Heuschrecken in Marienburg

MONTAG

Franck schaute auf die Uhr in der Küche. Es war Viertel nach
eins, und seine Wohnung war ernsthaft renovierungsbedürftig.
Reste des Geburtstagskuchens klebten an der weißen
Wand, Rotweinflecken schmückten den weißen Teppich, irgendjemand
hatte eine Packung Salz darüber gekippt, das sei
ein altes Hausmittel.
Die Zahl der Besucher war sehr übersichtlich geworden.
Miriam war noch da, sie klönte mit Benno, dem Maler, der fast
dreimal so alt war wie sie und der sich überraschend aufrecht
hielt, obwohl er ein halbes Dutzend Flaschen Wein intus hatte.
Fanny war immer noch die aufmerksame, strahlende Hausfrau,
ihr kleines Schwarzes trug sie mit Stolz und Anmut, die
vollendete Gastgeberin. Irgendwann im Laufe des Abends
hatte sie ihm gebeichtet, dass die ganze Veranstaltung mehrere
tausend Euro gekostet habe, die er noch bezahlen müsse, sie
habe alles ganz wunderbar auf Kredit geliefert bekommen, als
sie erwähnt habe, es sei für den Geburtstag von Herrn Franckenhorst.
Franck hatte Fanny noch nicht erzählt, wie es am Nachmittag
gelaufen war. Und sie hatte, was ihn wunderte, nicht gefragt.
Oder war es so selbstverständlich, dass alles glattgegangen
sein musste? Wahrscheinlich. Wie hätte auch irgendeiner
auf die Idee kommen können, dass er nicht sein Erbe antreten
könnte, wo das doch seit Jahrhunderten bei den Franckenhorsts
geregelt war.
»Setz dich zu uns«, sagte Franck zu Fanny, »du musst doch
nicht die ganze Nacht durcharbeiten.«
»Ich arbeite nicht. Ich bin auf meiner Insel. Mit Palmen
und Strand. Ich feiere Geburtstag. Du, du bist auch reif für die
Insel.«
Und dann war da noch Georg. Franck kannte Georg schon
seit der Schulzeit. War Georg sein Freund? Sie sahen sich nicht
sehr oft, Georg hatte Jura studiert und war Journalist geworden,
beim EXPRESS, diesem kölschen Gegenstück zur Bild-
Zeitung. Franck hatte immer Angst, Georg würde ihn in die
Zeitung bringen, Georg hatte immer Angst, Franck könnte
meinen, er hätte es auf sein Geld abgesehen. Also gingen sie
sich aus dem Weg und freuten sich ehrlich, wenn sie sich irgendwo
zufällig trafen.
Benno trug wie immer einen Hut. Keinen Strohhut diesmal,
sondern ein anthrazitfarbenes Stück mit einem schwarzen
Band. Franck erinnerte sich an den Giftzwerg mit Hut
von gestern, nein, jetzt war es ja schon vorgestern.
»Benno, wo kauft man in Köln eigentlich Hüte?«
Benno schaute ihn an, als hätte er gerade ein Sakrileg begangen,
das mit sofortiger Verbannung in die Hölle zu bestrafen
wäre. »Was meinst du damit: Wo kauft man in Köln Hüte?
Hüte kauft man nicht, Hüte lässt man sich machen.«
Und dann legte Benno los und erzählte von seinem Hutmacher
am Friesenwall, einem von nur noch ganz wenigen,
die in Deutschland ihr Handwerk ausübten. Da führen manche
Ahnungslose nach London oder New York, um sich Hüte
zu kaufen, dabei gebe es in Köln die besten Hüte der Welt.
Sein Hut zum Beispiel sei aus feinstem Hasenfilz.
»Tierquäler, alter«, flachste ihn Fanny an.
Benno redete sich so in Rage, dass er nicht einmal merkte,
wie Miriam ihm den Hut vom Kopf stibitzte, wobei nicht nur
eine lange Künstlermähne zum Vorschein kam, sondern auch
eine kahle Stelle, nicht wirklich groß, aber deutlich sichtbar.
Bennos privater Heiligenschein sozusagen.
Wenn Franck sich einen Hut fertigen lassen wolle, dann
solle er ja nicht ohne Benno in den kleinen Laden gehen. Der
Hutmacher solle schließlich wissen, wem er die neue Kundschaft
zu verdanken habe.
Franck war von Bennos Redeschwall überrascht. Denn
normalerweise gehörte der Maler zu den Schweigsamen. »Alles,
was ich zu sagen habe, sage ich in meinen Bildern«, laute-
te sein Motto. Leider waren Bennos Bilder sehr abstrakt,
Franck jedenfalls tat sich schwer damit, sie zu verstehen. Benno
schien Francks Unverständnis nicht weiter zu stören, solange
er regelmäßig eins seiner Werke kaufte.
Miriam schlich sich hinterrücks an Franck heran und setzte
ihm Bennos Hut auf. Der rutschte ihm tief bis über die Ohren,
war ganz offensichtlich zu groß, aber Fanny quittierte den
Anblick mit einem anerkennenden »Wow«, was Franck so
neugierig machte, dass er sich aufschwang und vor dem Garderobenspiegel
das Ganze in Augenschein nahm. Stand ihm
wirklich gar nicht so übel, verlieh ihm den Hauch eines Künstlers.
Franck gab Benno den Hut zurück, der froh war, sein
Haupthaar wieder geschützt zu sehen. »Ich verrate euch jetzt
ein Geheimnis: Seitdem ich den Hut trage, verkaufe ich meine
Bilder doppelt so teuer wie vorher ohne Hut.«
Die Uhr von St. Michael schlug zwei Uhr nachts, als Franck
plötzlich sagte: »Wie es aussieht, werde ich das Erbe nicht antreten.
« Und dann erzählte er den anderen, was am Nachmittag
passiert war.
Für Georg, den Journalisten mit dem Jurastudium, war der
Fall klar: Franck solle klagen. Georg würde ihm den besten
Rechtsanwalt Deutschlands vermitteln.
Benno sah den Vorgang als Familiendrama, das nach künstlerischer
Gestaltung verlangte. Franck solle sich auszahlen lassen,
Georg und dessen Staranwalt könnten dabei gerne mithelfen,
aber Franck sollte das Leben genießen und ihm Modell
sitzen und alles über seine Familienhistorie erzählen. Er werde
daraus dann einen gigantischen Bilderzyklus gestalten, dessen
Verkauf mehr einbringen würde an Ruhm und an Geld als
Immendorffs »Café Deutschland«.
Fanny beteiligte sich nicht an der Diskussion. Was sie sagen
wollte, hatte sie Franck schon unter vier Augen gesagt. Entweder
ab auf die Insel oder mitspielen, aber dann richtig.
Miriam hätte sich wohl mehr Ermunterung für Franck gewünscht,
aber als sie in die Debatte eingreifen wollte, hielt
Franck sie zurück: »Schwesterherz, lass gut sein. Ich habe nicht
vergessen, was du gesagt hast.«
Und dann überraschte Franck trotz des späten Abends alle
mit einer völlig nüchternen Rede. »Ich werde nicht aufgeben.
Ich werde schon morgen einen Job in der Firma antreten. Und
ich werde mir den Job aussuchen, den man mir am wenigsten
zutraut: Ich werde kaufmännischer Direktor, Chef des Einkaufs
und des Controllings. Ich will mich um das harte Geschäft
kümmern. Formal mag es stimmen, dass ich mich in den
letzten dreißig Jahren meines Lebens nicht für das Familienunternehmen
interessiert habe. Und es stimmt auch, dass ich
in den letzten drei Jahren keine zwölf Monate für das Unternehmen
tätig war. Obwohl man das auch anders sehen könnte.
Mein Aufenthalt in Südafrika war ja kein Urlaub, sondern
ein Unternehmenspraktikum in einer Diamantenmine. Auch
eine Form von Luxusgütern, wenn auch unter ganz anderen
Bedingungen. Und wenn ich in Südfrankreich war, und ich
war oft in Südfrankreich, habe ich mich um das Thema Parfüm
sehr genau gekümmert. Aber das ist gar nicht so wichtig.
Was wichtig ist, ist etwas anderes: Seit meiner Geburt war klar,
dass ich die Firma übernehmen sollte. Seitdem ich denken
kann, wurde ich darauf vorbereitet. Ich wusste, was mich mit
dreißig Jahren erwartet und was mich mit fünfzig Jahren erwarten
wird. Sehr viel Arbeit, der Ernst des Lebens. Und weil
ich das wusste, habe ich mir meine Auszeiten gegönnt. Nicht,
um vor meiner Verantwortung davonzulaufen, sondern um
mich auf den neuen Teil meines Lebens vorzubereiten. Es mag
für euch komisch klingen, aber für mich stimmt dieser Satz:
Ein Milliardär hat’s schwer. Ich habe es mein ganzes Leben
lang leicht gehabt. Da ist es an der Zeit, dass es etwas schwerer
und hoffentlich auch weniger langweilig wird. Manchmal, wie
soll ich es sagen, manchmal kam ich mir wie lebendig begraben
vor. Es machte überhaupt keinen Unterschied, ob es mich
gibt oder nicht. Da hat jeder Geldautomat mehr Lebensqualität
als ich. Benno, wenn ich malen könnte wie du, dann würde
ich vielleicht mein Geld nehmen und Maler sein. Aber ich bin
kein Maler. Ich kann nichts. Ich weiß, welcher Wein zu welcher
Speise passt. Und ich kann gute von sehr guten Weinen
am Geschmack unterscheiden. Ich kenne die hundert teuersten
Uhren der Welt. Was würde der Welt verloren gehen, wenn
es mich nicht mehr gäbe? Nichts.«
»Jetzt hör aber auf«, fiel ihm Miriam ins Wort. »Du müsstest
wissen, dass du mein Lieblingsbruder bist. Und ich habe
einen Bruder mehr, als du Schwestern hast. Ich darf das sagen.
Ich finde auch richtig, dass du in die Firma gehst. Aber hör
auf, dich selbst runterzumachen. Du kannst nichts dafür, dass
du reich geboren bist. Das ist kein Verdienst, aber es ist auch
keine Schuld. Und eine Entschuldigung ist es schon gar
nicht.«
»Lieblingsschwesterlein«, sagte Franck, »ich will mich nicht
entschuldigen. Ich wollte erklären, mir selbst etwas erklären.
Fanny hat mir gestern so was gesagt. Ich wüsste gar nicht, ob
ich etwas wissen wollte, oder so ähnlich.«
Fanny unterbrach ihn. »Ich weiß noch genau, was ich gesagt
habe: Du bist gerade erst dabei anzufangen, zu wissen, ob
du überhaupt was willst.«
»Ja«, sagte Franck, »und du hattest recht. Ich fange gerade
erst an, zu wissen, ob ich überhaupt etwas will. Ich will etwas
anfangen. Und ich will’s wissen. Und irgendwie habe ich das
Gefühl, dass ich ein paar aufregende Tage und Wochen vor mir
habe.«
Benno hatte Francks Rede interessiert zugehört. Aber jetzt
hielt er es nicht mehr aus. »Franck, heute Abend kann ich dir
das sowieso nicht ausreden, das sehe ich in deinen Augen.
Aber meiner Meinung nach machst du einen Fehler. Du taugst
nicht fürs Geschäft. Werde Dichter. Sänger. Mach irgendetwas
Kreatives. Diese Zahlenwelt wirst du nicht aushalten. Ich wette
mit dir, dass du in zehn Tagen die Nase gestrichen voll hast
und die Brocken hinwirfst. Und dann hast du dich so richtig
vor deinem Vater und deinem Bruder blamiert. Das könntest
du dir ersparen und ganz problemlos abkassieren.«
»Benno, du darfst das sagen. Du bist fast doppelt so alt wie
ich und hast viel mehr Lebenserfahrung. Aber mich kennst du
nicht. Diese Wette verlierst du. Ich ziehe das durch. Um was
wetten wir überhaupt?«
»Na, um meinen Kopf soll’s nicht gehen. Sagen wir: Wir
wetten um einen Hut. Wenn ich gewinne, kaufst du mir einen
neuen Hut. Wenn ich verliere, mache ich dich mit dem Hutmacher
bekannt.«
»Und wer bezahlt?«
»Na, du natürlich. Billiger kommst du nicht davon.«

Es war zwölf Uhr am Montag, als sich Franck mit seiner
Schwester auf den Weg zur Familienvilla in Marienburg machte.
Franck trug eine MeisterSinger No 01, eine mechanische
Einzeigeruhr, eine interessante Neuentwicklung eines Uhrmachermeisters
aus Münster, die die Aufmerksamkeit seines
Vaters wecken würde, die aber dem alten Herrn sicher viel zu
billig wäre.
Miriam hatte am Brüsseler Platz übernachtet. Irgendwann
gegen vier Uhr morgens waren sie alle ins Bett gefallen. Franck
war um neun Uhr schon aufgewacht und hatte frische Brötchen
vom Bäcker geholt und ein üppiges Frühstück gemacht.
Fanny und Miriam teilten sich in der Zwischenzeit das Badezimmer.
Franck hörte die beiden jungen Frauen laut und gut
gelaunt miteinander reden, ohne den Inhalt ihrer Unterredung
verstehen zu können.
Noch am Frühstückstisch versprühten die beiden gute Laune.
»Wir haben beschlossen, dass wir dein Expertenteam werden
«, sagte Miriam plötzlich. »Du hast doch keine Ahnung
vom Geschäft. Ich dagegen, ich studiere Betriebswirtschaft.
Fanny studiert Psychologie und Marketing. Mit uns beiden
im Rücken kannst du die Firma so richtig aufmischen.«
»Und was habe ich dann noch zu tun?«
»Erstens musst du so tun, als ob du etwas tust, solange du
noch nicht weißt, was du tust«, sagte Fanny.
»Was war das denn jetzt für ein Satz?«, fragte Franck.
»Der war gut, was? Aber den kriege ich nicht mehr hin.«
»Was Fanny meint«, sagte Miriam, »ist doch ganz einfach:
Du trittst vom ersten Tag, also von heute an, völlig selbstbewusst
auf, als hättest du den totalen Durchblick. Vater und
Gunther sollen erst gar nicht auf die Idee kommen, sie könnten
dich noch einmal überfahren.«
»Das hatte ich mir ohnehin vorgenommen. Aber ihr habt
doch was ausgeheckt, ihr habt doch einen Plan.«
»Du hast heute Nacht gesagt, du wolltest als eine Art Chefcontroller
arbeiten. Das ist gut, das ist sehr gut. Damit rechnet
Vater nicht. Deshalb wird er dir den Job auch geben, weil er
glaubt, dass du das auf keinen Fall geregelt bekommst. Und
dann schlägst du zu. Sofort. Heute. Du lässt dir alle Rechnungen
und Aufträge der letzten dreißig Tage ausdrucken. Du
sagst, du wolltest mal einen ersten Einblick bekommen, was
denn so hinter dem Tagesgeschäft stecke. Und dann bringst du
mir die Unterlagen, und ich gehe sie durch, notfalls hole ich
mir Unterstützung.«
»Warum die letzten dreißig Tage?«
»Ich finde, das klingt unverdächtig. Überschaubar. So als
wolltest du dir nicht allzu viel Arbeit machen, sondern nur so
tun, als ob. Ich glaube, dass in den letzten dreißig Tagen irgendetwas
passiert ist in der Firma. Und das will ich rausfinden.«
Für den Weg nach Marienburg hatte Franck seinen BMW aus
der Garage geholt. Normalerweise vermied er es, mit dem eigenen
Wagen durch Köln zu fahren. Die Stau- und Baustellenlage
änderte sich zwar von Tag zu Tag und blieb sich doch irgendwie
gleich: Stau war immer, mal etwas kürzer, mal etwas
länger, mal hier, mal dort, aber ohne Stau konnte er sich Köln
gar nicht vorstellen. Und sollte mal irgendwo freie Fahrt sein,
dann würde bestimmt ein Kölner in der zweiten Reihe, also
mitten auf der Fahrbahn, parken und den gewohnten Stauzustand
wiederherstellen.
Als er auf die Familienvilla zurollte, wunderte er sich über
drei große silberne Limousinen, die vor der Einfahrt parkten.
»Da, da sind sie wieder«, sagte Miriam.
»Wen meinst du?«
»Die Besucher, die Vater neuerdings so oft empfängt.«
Bei den Wagen handelte es sich um Mercedes-S-Klasse
Coupés mit Luxemburger Kennzeichen.
»Dann gehe ich vielleicht besser nicht mit rein«, sagte Franck.
»Doch, im Gegenteil. Dann bekommst du gleich selber eine
Ahnung von dem, was ich meine. Und außerdem sind wir
angemeldet. Mutter rechnet mit uns zum Mittagessen. Und mit
Vater wolltest du deine künftige Karriere besprechen.«
Das Problem des unbekannten Besuches löste sich von alleine.
Als Franck gerade ausstieg, öffnete sich die Pforte, und
vier Männer verließen das Grundstück. Drei von ihnen trugen
Aktenkoffer, der vierte war offensichtlich der Chauffeur des
Seniors, der im Fond eines der Wagen Platz nahm. Die beiden
anderen Kofferträger waren deutlich jünger als der Senior, nicht
viel älter als Franck, und steuerten ihre Limousinen selbst. Die
Kolonne nahm den Weg Richtung Süden, wo man in wenigen
Minuten den Autobahnring erreichen konnte, jedenfalls fuhren
sie nicht in die Stadt.
Magda tischte Nasi Goreng auf, eine von Francks Lieblingsspeisen.
Das war Mutters Art zu zeigen, wie sehr sie sich
freute, dass er mal wieder zu Hause war und mit am großen
Tisch saß. Franck war schon vor elf Jahren ausgezogen, gleich
nach dem Abitur. Auch Gunther wohnte längst nicht mehr in
Marienburg. Nur Miriam machte noch keinerlei Anstalten,
das heimische Nest zu verlassen, obwohl sie durchaus manche
Nacht außerhalb verbrachte. Magda hatte Miriam versprechen
müssen, ihr deswegen nie Vorhaltungen zu machen, Miriam
ihrerseits hatte versprochen, nichts zu tun, was ihre Mutter
nicht gutheißen würde. Beide hielten sich strikt an ihre
Vereinbarung, eine sehr erwachsene Regelung, wie Franck
fand, eine Toleranz, die er seiner Mutter gar nicht zugetraut
hatte.
Auch Ferdinand saß mit am Tisch, beteiligte sich kaum an
den Gesprächen und schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.
Ernste Themen durften während eines Familienes-
sens bei den Franckenhorsts ohnehin nicht angesprochen werden,
diese gemeinsamen Minuten waren so rar und kostbar,
dass sie nicht durch irgendetwas Profanes wie Geschäfte oder
gar Streit belastet werden sollten. Das war auch so eine Familientradition,
aber eine, die sogar Franck schätzte.
Erst beim Espresso kam Franck zu dem Thema, auf das alle
geduldig gewartet hatten. »Ich habe mich entschlossen,
meine Verantwortung in der Firma wahrzunehmen. Ihr habt
mich dreißig Jahre auf diesen Tag vorbereitet, ich werde jetzt
nicht kneifen und alle Bedingungen erfüllen. Und, Vater, damit
du siehst, dass ich den schweren Weg gehen will, möchte
ich als kaufmännischer Direktor einsteigen, mich um Einkauf
und Controlling kümmern.«
Franck machte eine Pause, weil er sah, dass sein Vater ihn
ungläubig anschaute. »Du willst ins Controlling? Du, ein Erbsenzähler?
Das schaffst du nie. Wie wäre es mit Werbung?
Marketing? VIP-Betreuung?«
»Nein, Ferdinand, darum werde ich mich später kümmern.
Jetzt muss ich doch erst einmal das harte Geschäft lernen. Und
das kann ich nirgendwo besser als im kaufmännischen Bereich.
Nächstes Jahr werde ich mich dann um die Produktion
kümmern, und danach dann gerne auch um Werbung und
Marketing. Aber du sollst ja auch noch was zu tun haben.«
»Junge, ich kann dir das nicht abschlagen. Du wirst kaufmännischer
Direktor, gleichberechtigt mit Direktor Kannegießer,
der natürlich im Amt bleibt und dessen Kompetenzen
unverändert bleiben. Im Zweifelsfall gilt seine Entscheidung,
solltest du anderer Meinung als er sein, dann musst du das zu
mir eskalieren. Als mein Sohn darfst du das. Kannegießer wird
das verkraften, er rechnet ja ohnehin mit deinem Einstieg.
Wann willst du anfangen?«
»Morgen früh. Wann soll ich da sein?«
»Neun Uhr. Pünktlich. Dann müssen wir aber, damit alles
seine Ordnung hat, sofort Dr. August anrufen, dass er die entsprechenden
Verträge vorbereitet, und Direktor Kannegießer
werde ich gleich selbst informieren, damit er sich bis morgen
schon auf die neue Situation eingestellt hat. Der wird glauben,
ich hätte dich als seinen Aufpasser zu ihm geschickt. Ist vielleicht
gar nicht so schlecht, wenn er sich beobachtet fühlt.«
Ferdi stand auf und ging in die Bibliothek, die in Marienburg
sein Rückzugszimmer war, der einzige Raum, in dem er
unbehelligt seine Pfeife rauchen durfte. Franck hörte noch,
wie Ferdi seine Sekretärin in der Firma anrief und sie bat, ihn
mit Dr. August und Direktor Kannegießer zu verbinden.
»Wir sollten Gunther informieren«, sagte Miriam, »muss ja
nicht der nächste Bruder überrascht werden und ausflippen.«
»Ausflippen? Ich bin doch nicht ausgeflippt, oder?«, flachste
Franck. »Aber du hast recht. Wer ruft Gunther an?«
»Ich mache das«, sagte Magda zur Überraschung ihrer Kinder.
»Ich möchte nämlich, dass wir demnächst mal wieder zu
fünft hier gemeinsam am Tisch essen. Und ich hätte auch gar
nichts dagegen, wenn du bei Gelegenheit mal eine Verlobte
mitbringen würdest.«
»Ach, Mutter, nicht dieses Thema. Nicht heute. Lass mich
doch erst mal meinen ersten Arbeitstag hinter mich bringen.
Alles andere wird sich klären. Ich bin nämlich ein Frauenversteher,
und die sind sehr begehrt.«
»Du bist was? Ein Frauenversteher?«
»Ja, amtlich festgestellt. Von einer Frau.«
»Es gibt also eine Frau? Habe ich’s mir doch gedacht.«
»Nein, Mutter, keine voreiligen Schlüsse. Die Frau, die mich
zum Frauenversteher ernannt hat …«
»Bin ich«, setzte Miriam fort. »Aber das nehme ich hiermit
ganz offiziell zurück. Man plaudert nicht offen aus, was einem
vertraulich erzählt worden ist. Als Mann macht man das schon
gar nicht. Als Frau wäre das etwas anderes, da hat man seine
Verpflichtungen, zum Beispiel der besten Freundin gegenüber …«
»Wieso ist Fanny deine beste Freundin? Das ist meine beste
Freundin«, sagte Franck.
»Männer haben keine beste Freundin. Männer haben Saufkumpane.
Wenn’s hochkommt.«
»Wer ist Fanny?«, schaltete sich Magda ein.
»Schluss jetzt«, sagte Franck, »ich geh besser, sonst werde
ich hier noch verkuppelt und verheiratet.« Dann drückte er
Miriam und seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete
sich.
Als er an der Bibliothek vorbeikam, die Tür war verschlossen,
hielt er kurz inne, überlegte, klopfte an, wartete, ob sein
Vater antwortete, öffnete, steckte seinen Kopf ins Zimmer und
sagte: »Ich freu mich auf morgen. Und nicht vergessen: Ich bin
ein von Franckenhorst. Die sind zäher, als man denkt, und immer
für eine Überraschung gut.«
Sein Vater schien schon wieder in Gedanken zu sein. Erst
bei dem Wort »Überraschung« merkte er auf: »Ja, Überraschung
ist das richtige Wort. Du hast mich wirklich überrascht.
Jetzt musst du mich nur noch überzeugen. Ach, noch
was, interessante Uhr, die du heute trägst.«
Frank schaute auf seine MeisterSinger No 01. Der Zeiger
stand bei drei Uhr. »Wir sehen uns morgen«, sagte er und ging.
Das war besser und viel einfacher abgelaufen, als er gedacht
hatte. Was hatte er übersehen?

(6. Folge: Ein Milliardärs-Sohn auf der Arbeit)

*

Edgar Franz­mann: Mil­lio­nen­al­lee. Köln Krimi 38. Bro­schur. Köln: Emons Ver­lag 2009. 192 Sei­ten. ISBN 978−3−89705−631−2, € 9,90-.

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