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"Millionenallee" - der neue Köln-Krimi

3. Folge: Strip am Brüsseler Platz

Franck schaute auf die Uhr. Es war Viertel nach sieben Uhr
abends. Noch knapp zwanzig Stunden, dann würde er Herr
über hundert Millionen Euro sein.
Er saß mit Stefanie am kleinen Tisch im Esszimmer seines
Penthouse am Brüsseler Platz. Stefanie trug das kleine Schwarze,
das sie sich am Morgen ausgesucht hatte. Franck trug seine
Lange-Tourbillon und sonst nichts.
Stefanie hatte ihn ausgelacht, als er mit seiner bunten Herrenausstatter-
Sammlung zu Hause erschienen war. Dann zerrte
sie ihn vor den Spiegel, und da packte auch ihn der Lachkrampf.
Aus dem Radio erklang »Sex Bomb« von Tom Jones,
Franck nahm den Rhythmus auf und begann den ersten Striptease
seines Lebens. Erst entledigte er sich des rosa Seidentuchs,
sah das offene Fenster und ließ es in die Frühlingsluft
hinausflattern. Die verirrten Papageien in den Bäumen rund
um St. Michael kommentierten das Spektakel mit lautem Gejohle.
Das Pepita-Jackett landete auf einer Bank, das blaue
Hemd verfing sich in einem Ast, die schwarze Hose und die
braunen Schuhe landeten in einem Papierkorb, die weißen Socken
fing ein kleiner Junge auf, der seine Kameraden zusammentrommelte.
Die kleine Schar war enttäuscht, als zunächst
nur noch eine Unterhose vom Dach herabflatterte. Jedenfalls
sammelten sie alle Kleidungsstücke ein, nur das blaue Hemd
flatterte weiter im Abendwind.
»Und jetzt du«, sagte Franck zu Stefanie.
»Was meinst du?«, fragte sie.
»Jetzt wirfst du deine Kleider raus. Die Menge wartet.«
Stefanie lachte, als sie die Jungs unten stehen sah. »Ja, ich
mach’s. Aber das kleine Schwarze behalte ich.«
Stefanie zog das kleine Schwarze aus und legte es vorsichtig
auf einen Stuhl. Dann trat sie an die Brüstung, winkte, streifte
ihren BH ab und warf ihn auf den Platz, wo die Jungs ganz still
geworden waren und die Köpfe nach oben reckten. Stefanie
ließ den Slip hinabflattern und die Seidenstrümpfe. Und sogar
die Stöckelschuhe warf sie runter. Als sie völlig nackt war, drehte
sie sich dreimal langsam um sich selbst und verschwand lachend
im Zimmer.
Franck sah ihr erregt zu. Stefanie war eine schöne Frau.
Leider liebte er sie nicht. Wusste er überhaupt, was Liebe war?
Zeit ist Liebe, hatte diese Verkäuferin zu ihm gesagt. Christina
Brandt. Warum dachte er jetzt an sie, wo Stefanie sich gerade
für ihn ausgezogen hatte? Stefanie zog sich das kleine Schwarze
über und setzte sich zu Franck an den Tisch.
»Und jetzt?«, fragte sie und sah ihn mit großen Augen an.
Ihr Kleid war tief ausgeschnitten, und dieser Anblick erotisierte
Franck mehr als ihre Show auf der Terrasse.
»Lass uns die Armut feiern, solange es sie noch gibt.«
Franck nahm sein Champagnerglas und prostete Stefanie
zu.
Sie hatte wohl etwas anderes erwartet, aber auch sie nahm
ihr Glas und trank einen Schluck. »Was hast du dir nur mit
deinem bunten Outfit gedacht? Männer sollten nie ohne Frauen
einkaufen gehen.«
»Ich wollte meinen Vater ärgern.«
»Und dafür machst du dich zum Clown? So wird das
nichts.«
Stefanie stand auf und beäugte Franck. »Du bist größer als
dein Vater. Du siehst besser aus. Wo ist das Problem?«
»Mein Vater ist reicher als ich, skrupelloser, geschäftstüchtiger.
Er hält nichts von mir.«
»Warum sollte er auch. Du bist kein Gegner für ihn. Du
bist sein Sohn.«
»Was soll das jetzt heißen?«
»Väter wollen immer, dass ihre Söhne alles das leisten, was
sie selbst nicht geschafft haben. Sei groß, sei schön, sei elegant.
Und dann, dann greifst du an.«
»Warum sollte ich angreifen? Wo soll ich angreifen?«
»Warum? Was weiß ich. Ich sehe nur, dass er dich nervt und
verrückt macht. Wenn du das Spiel mitspielen willst, dann spiel
es. Sonst nimm deine Millionen, die die du jetzt schon hast,
und entführ mich auf eine einsame Insel.«
»Du meinst, ich wäre reif für die Insel?«
»Du benimmst dich wenigstens so.«
Sie lachte und zupfte ihn vorsichtig an den Haaren. Franck
wehrte sie ab.
»Stefanie?«
»Ja.«
»Ich liebe dich nicht.«
»Ich weiß.«
»Und es macht dir nichts aus?«
»Doch. Aber nicht wirklich.«
»Wie meinst du das?«
»Du kannst nichts dafür. Du weißt gar nicht, was das ist,
Liebe. Du weißt ja nicht mal, was Freundschaft ist.«
»Ich brauche keine Freunde.«
»Jeder braucht Freunde. Du hast keine Freunde. Bekannte,
ja. Viele. Manche, die auf dein Geld aus sind. Manche, die es toll
finden, die Telefonnummer von Franck von Franckenhorst zu
kennen. Schmeichler. Schmarotzer. Alles, was man kaufen kann
oder am besten nicht kaufen sollte. Du hast keine Freunde,
aber du hast mich.«
»Zu welcher Kategorie zählst du dich denn?«
»Zu den Menschen. Einfach zu den Menschen.«
»Und du willst gar nichts von mir?«
»Doch, natürlich will ich was. Ich will, dass du mich begehrst.
Ich will dein Geld. Das ist praktisch für mich, und dir
tut es nicht weh. In Gelddingen bist du sogar großzügig. Das
Leben mit dir ist immer für Überraschungen gut. Ich liebe
Überraschungen. Und ich sehe immerhin, dass du auf der Suche
bist. Nach Menschen. Vielleicht sogar nach dem Menschen
in dir.«
»Ich begehre dich.«
»Das will ich schwer hoffen.«
»Ich will mit dir schlafen.«
Stefanie lachte und zog ihn ins Schlafzimmer.

SONNTAG

Franck schaute auf seine Uhr. Es war eine Micky-Maus-Uhr
mit großen schwarzen Ohren. Es war kurz vor halb drei Uhr
am Sonntagmittag. Die Minuten waren nicht gut abzulesen.
Noch gut eine Stunde, dann würde er Herr über hundert Millionen
sein.
Die Uhr war ein Geschenk von Stefanie. Ach, nein, Stefanie
durfte er ja nicht mehr sagen und sollte es auch nicht denken.
Ab sofort durfte er sie Fanny nennen. Nicht jeder durfte sie
Fanny nennen, sondern nur Menschen, die von ihr die ausdrückliche
Erlaubnis hatten. Franck hatte nicht herausbekommen,
wie viele Menschen die Fanny-Erlaubnis hatten.
»Gibt es etwas, was dein Vater wirklich liebt?«, hatte sie gefragt.
Franck musste überlegen. Ferdinand liebte die Macht,
das Geld, seinen Erfolg. Die Anerkennung durch andere. Nein,
das sei es nicht, was sie suchte. Ob es etwas gebe, was er liebte,
aber dessen er sich nicht wirklich sicher war.
»Er liebt Uhren. Handgemachte Luxus-Uhren. So etwas wie
meine Lange-Tourbillon. Wenn er wüsste, dass ich sie habe,
und er hat sie nicht, das würde ihn rasend machen.«
»Das klingt schon interessanter«, sagte Fanny. »Wieso hast
du eine Uhr, und er hat sie nicht? Er ist doch viel reicher als du,
er kann sich doch alles kaufen.«
»Die Lange-Tourbillon aber nicht. Die ist ausverkauft. Die
Variante in Platin war auf fünfzig Exemplare limitiert. Ich hatte
mich sehr früh interessiert und bin persönlich nach Glashütte
gereist.«
»Glashütte?«
»Ein Ort in Sachsen. Dorther kommen die besten deutschen
Uhren. Auf jeden Fall die teuersten.«
»Und du hast eine Lange-Tourbillon und dein Vater
nicht?«
»Ja.«
»Dann schenk sie ihm.«
»Ich soll meine Uhr verschenken?«
»Ja, natürlich. Stell dir das mal vor. Der kleine, unbedeutende
Sohn hat die Größe, dem Vater etwas zu schenken, was
der nicht bekommen konnte.«
»Nein, das mache ich nicht. Mein Vater weiß nicht einmal,
dass ich auch Uhren sammle. Er würde sofort denken, ich wäre
wie er, das möchte ich nicht. Irgendwann, aber nicht heute,
werde ich das Geheimnis lüften.«
»Dann schenk sie mir.«
»Nein, die verschenke ich nicht.«
»Ich schenke dir dafür meine Micky-Maus-Uhr.«
»Was hat die gekostet?«
»Fünf Dollar. Aber das Armband habe ich auf eigene Kosten
verlängern lassen.«
»Fünf Dollar plus ein Plastikarmband. Und das soll ich gegen
meine Lange-Tourbillon tauschen?«
»Wenn du schlau bist.«
»Was meinst du denn damit?«
»Den großen Auftritt willst du ja nicht. Aber mitspielen
willst du. Dann spiele eben. Dann lass heute deine Protz-Uhr
zu Hause, ich will sie gar nicht, und geh mit der Micky-Maus
am Arm zu deiner Krönungsfeier. Ich schenke sie dir.«
»Ich soll die Micky-Maus-Uhr tragen?«
»Genau. Und damit signalisierst du, dass du künftig nach
deinen eigenen Regeln spielen willst. Jeder wird danach wissen,
dass du für Überraschungen gut bist und dass man dich
nicht unterschätzen darf.«
»He, das machen wir. Ich kaufe dir die Micky-Maus-Uhr
ab.«
»Nein, die habe ich dir soeben geschenkt.«
Franck freute sich wie ein kleines Kind, als er die Comic-
Uhr an seinem Arm befestigte. »Sieht das nicht etwas kindisch
aus?«
»Vielleicht. Aber ansonsten wirst du wie aus dem Ei gepellt
dort erscheinen. Mr. Business-Gott höchstpersönlich. Da ist
dann eine Micky-Maus-Uhr nicht mehr kindisch, sondern ein
Beweis von Unabhängigkeit und Charakter.«
»Was du alles weißt. Hört sich jedenfalls gut an.«
»Ich studiere Psychologie und Marketing, falls du das vergessen
hast. Ich weiß, was ich tue. Ganz im Gegenteil zu dir. Du
bist gerade erst dabei anzufangen, zu wissen, ob du überhaupt
was willst.«

Es war Viertel vor drei, sagte die Uhr von St. Michael mit drei
Glockenschlägen. Franck gab Fanny einen Kuss auf die Wange.
Sie verabschiedete sich mit einem Kompliment: »So wie du
heute aussiehst, bist du der bestangezogene Mann, den ich in
Köln jemals gesehen habe. Deine Familie wird begeistert
sein.«
Franck hatte Fanny den Anzug, das Hemd, die Schuhe, die
Krawatte, das Einstecktuch, einfach alles aussuchen lassen.
Zum Schluss hatte sie ihm sogar die Haare nachgeföhnt und
etwas aufgelockert. Und er fühlte sich gut dabei.
Er ging zum Taxistand Brüsseler Platz und ließ sich nach
Unter Sachsenhausen bringen zum Bankhaus Sal. Oppenheim.
Diese »Privatbankiers seit 1789«, immerhin das Jahr der
Französischen Revolution, wie Franck verwundert feststellte,
waren seit Generationen das Bankhaus der von Franckenhorsts.
Franck kannte das vornehme, aber etwas verschlissene Ambiente.
Er hatte gelesen, dass die Zentrale des Geldunternehmens
nach Luxemburg verlegt worden war, vermutlich aus
steuerlichen Gründen.
Dass sein Vater zur Feier des Tages in das Bankhaus eingeladen
hatte, fand Franck passend. Hier blieben ihm ganz sicher
neckische Umschlagspiele in irgendwelchen Opernsängerinnenbusen
erspart. War ihm auch lieber so. Es wäre einfach
unehrlich, wenn Ferdi für ihn eine große Party inszeniert hätte.
Man würde das Geschäftliche regeln, und dann müsste man
miteinander auskommen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Im Foyer des Bankhauses, das wie ein Luxushotel wirkte
und keinerlei Hinweise auf irgendwelche Geldgeschäfte präsentierte,
wurde Franck höflich begrüßt. »Sie werden im Sitzungszimmer
auf der Direktionsetage erwartet, wenn Sie mir
bitte folgen wollen«, sagte ein Angestellter, der sich als Baron
von Soundso vorstellte, nicht von Oppenheim, irgendein anderes
Adelsgeschlecht, das Franck sich nicht merken wollte.
Hier waren wahrscheinlich auch die Portiers und Toilettenfrauen
von und zu. Mit einem gläsernen Aufzug, der hörbar
ächzte, fuhren sie nach oben und landeten in einer holzgetäfelten
Welt mit Ölporträts an den Wänden, die ganze Galerie der
alten Bankiers.
Der letzte Senior war erst 2005 verstorben und mit einer
Feier im Kölner Dom geehrt worden. Der Freiherr war zwar
nicht katholisch, aber der Kathedrale als Stifter sehr verbunden.
Ob solche irdischen Beziehungen auch noch im Himmel
etwas bewirken konnten?
»Bitte, hier«, bat ihn der »von und zu« durch eine Holztür,
die er für ihn aufhielt. Franck betrat einen kleinen Vorraum,
hinter dem sich der eigentliche Besprechungsraum befinden
musste. Franck wusste, dass er auf die Minute pünktlich war,
aber außer ihm schien niemand anwesend. Eine nicht mehr
ganz junge, elegante Frau, wohl eine Vorzimmerdame im Sinne
des Wortes, musterte ihn mit gewissem Wohlwollen und
stellte dann fest, ohne Widerspruch zu erwarten: »Sie sind also
Herr von Franckenhorst.«
»Ja, Franck von Franckenhorst.«
»Ich werde Sie anmelden«, sagte die Dame und drückte
jetzt nicht etwa irgendein Telefon oder eine Sprachapparatur,
sondern ging ins Nachbarzimmer und ließ Franck zurück, allerdings
noch behütet oder bewacht von Herrn »von und zu«.
Nach wenigen Sekunden ging die Tür wieder auf, und die Vorzimmerdame
sagte: »Herr von Franckenhorst lässt Herrn von
Franckenhorst bitten.«

(nächste Folge: Ein Geburtstag im Bankhaus Sal. Oppenheim)

*

Edgar Franz­mann: Mil­lio­nen­al­lee. Köln Krimi 38. Bro­schur. Köln: Emons Ver­lag 2009. 192 Sei­ten. ISBN 978−3−89705−631−2, € 9,90-.

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