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"Millionenallee" - der neue Köln-Krimi

2. Folge: Der Millionär und der Penner

Plötzlich peitschte ein Schmerz durch seine linke Wade, irgendetwas
hatte ihn mit voller Wucht getroffen, Franck knick-
te ein, fiel auf den Boden, knallte mit dem Gesicht in eine Pfütze
aus Schmutz und Alkohol. Noch ehe er begriff, was geschah,
schrie einer der Bettler wie am Spieß: »Hilfe, Polizei.
Der hat mich getreten. Was fällt Ihnen ein, mich zu treten!
Mich, einen Krüppel! So sind sie, die feinen Leute.«
Franck spürte, wie ihn kräftige Arme schüttelten und
schließlich umdrehten. Und dann sah er in ein unrasiertes Gesicht,
und aus diesem Gesicht schrie es wieder: »Ja, genau. Sie
meine ich. Sie denken wohl, Sie könnten sich alles erlauben.
Nur weil Sie einen Anzug tragen. Ich zeige Sie an. Hilfe! Polizei!
Ruf doch mal einer die Polizei!«
Die letzten Worte richtete der Bettler an die umstehenden
Gaffer, die sich im Kreis um Franck und die beiden Penner
drängten. Franck spürte, wie ihm Blut in die Mundwinkel lief.
Instinktiv wischte er sich mit dem Ärmel seines Jacketts durchs
Gesicht, was dessen helles Beige mit roten und anderen undefinierbaren
Farbtönen mischte.
»Hilfe, Polizei!«, brüllte der Bettler schon wieder. Franck
sah, dass er nur ein Bein hatte.
»Schreien Sie doch nicht so«, sagte er.
»Ich schreie hier, so laut ich kann. Das könnte Ihnen so
passen. Erst einen armen Krüppel treten, einen einbeinigen
Krüppel, und dann auch noch mundtot machen wollen. Holt
denn jetzt endlich einer die Polizei?«
Natürlich holte keiner die Polizei. Einige Gaffer drehten
ab, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass Franck überlebt
hatte und auch kein weiteres Blut fließen würde. Andere warteten
gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickeln würde,
wenn sie nur nicht selbst hineingezogen würden.
Franck fand langsam seine Fassung wieder. »Lassen Sie mich
doch endlich los! Lass mich los!«
Der Bettler lockerte seinen Griff. »Das ist aber wirklich
nicht in Ordnung, dass Sie mich hier einfach umlaufen.«
»Das habe ich nicht. Das habe ich nicht … gewollt«, stammelte
Franck. »Ich hatte eher den Eindruck, dass Sie mir ein
Bein gestellt haben.«
»Ich soll dir ein Bein gestellt haben?«, sagte der Bettler empört
und wurde wieder laut. »Das muss man sich mal vorstellen.
So eine Unverschämtheit.« Und jetzt schrie er wieder:
»Ich soll dich getreten haben? Ich, ein Krüppel mit einem Bein.
Erzähl das mal der Polizei.«
Plötzlich mischte sich auch der Kumpel des Bettlers ein. Der
war deutlich alkoholisiert und nuschelte: »Dä Schäng, dä tritt
nich. Nie. Jeht doch jar nit. Armes Schwein.«
»Tja, dann«, sagte Franck, »entschuldige ich mich bei Ihnen.
Ich war in Gedanken. Da habe ich Sie vielleicht nicht gesehen.«
Der Einbeinige lockerte seinen Griff. »Entschuldigung ist
schon mal gut. Geht vielleicht auch ohne Polizei.«
»Was geht vielleicht auch ohne Polizei?«
»Na, das hier. Oder wollen Sie Unfallflucht begehen?«
»Unfallflucht?«
»Sie können hier nicht einfach weg. Ich brauche Name,
Adresse.«
»Name, Adresse?«
»Ja, sicher. Für den Schadenersatz.«
»Welchen Schadenersatz?«
»Na, meine Verletzungen. Hier!« Der Bettler zeigte auf seinen
Knöchel, der Fuß steckte ohne Strümpfe in zerschlissenen
Schuhen. »Die blauen Flecken bringen mindestens, mindestens
«, er schaute sich Franck noch einmal genauer an, »mindestens
dreißig, nein, fünfzig Euro. Und dann noch die Verletzung
der Menschenwürde.«
»Verletzung der Menschenwürde«, wiederholte Franck verblüfft.
»Ja. Verletzung der Menschenwürde. Macht noch mal fünfzig
Euro.«
»Sie verkaufen Ihre Menschenwürde zu billig«, sagte Franck.
»Aber Sie sollen die hundert Euro bekommen. Geben Sie mir
Name und Kontonummer, dann überweise ich Ihnen das
Geld.«
Der einbeinige Bettler schaute in die Menge. »Name und
Kontonummer, meine Damen und Herren. Haben Sie das gehört:
Name und Kontonummer. Wo soll ich denn so was hernehmen?
Name und Kontonummer! Nix da, Bargeld lacht.«
Die Menge feixte und applaudierte. Franck gelang es endlich
aufzustehen. Sein Spiegelbild, das ihn aus dem Karstadt-
Schaufenster anblickte, wirkte nicht sehr vertrauenswürdig.
Er holte sein Portemonnaie heraus. »Ich habe nur zwanzig Euro
in bar und ein paar Münzen.«
»Scheckkarte dabei?«
»Sie meinen, Sie nehmen auch Scheckkarten?«
»Nein. Das wäre ja noch schöner. Da vorne ist ein Geldautomat.
Karte rein. Hundert Euro raus und an mich weiterleiten.
Ich stelle Ihnen auch gerne eine Quittung aus. Damit alles
seine Ordnung hat.«
Die Menge teilte sich wie das Wasser des Roten Meeres vor
Moses, damit Franck ungehindert an den Geldautomaten gelangen
konnte. Der Einbeinige stützte sich auf seine Krücken
und eskortierte ihn. Franck ließ sich dreihundert Euro auszahlen,
die der Automat in Fünfzig-Euro-Noten ausspuckte.
»Hier, für Sie«, sagte Franck und gab dem Einbeinigen einen
Schein.
»Das sind fünfzig Euro.«
»Ja.«
»Ich bekomme hundert Euro.«
»Wegen der Menschenwürde.«
»Ja. Wegen der Menschenwürde.«
»Wie heißen Sie?«
»Schäng. Haben Sie doch gehört.«
»Schäng?«
»Alle nennen mich Schäng. Krüppels Schäng.«
»Und wie heißen Sie richtig?«
»Jean. Jean Leclerc.«
»Schön, Jean. Hier haben Sie den Rest vom Kleingeld.«
Franck hielt ihm die anderen fünf Scheine entgegen. Jeans
Hand zuckte zurück, dann packte er doch zu, steckte die fünf
Scheine in seine Hemdtasche und schaute sich vorsichtig um,
ob auch niemand gesehen hatte, was und wie viel er bekommen
hatte.
»Quittung?«, fragte Jean. Franck schüttelte den Kopf.
»Ist klar, Chef. Nichts für ungut«, sagte er schließlich und
hinkte zurück zu seinem Kumpel. »Karl, sag dem Mann danke.
Der hat uns gerade ein sehr gutes Essen spendiert«, hörte
Franck Jean noch sagen. Dann zogen die beiden ab. Den Hut,
der vor ihnen gelegen hatte, angelte Jean mit Hilfe einer seiner
Krücken, wirbelte ihn so geschickt durch die Luft, dass er auf
seinem Kopf landete, ein Kunststück, das Franck zu spontanem
Applaus veranlasste. Jean fing dabei sogar noch eine
Münze auf, die er an Karl weitergab, dann zockelten die beiden
ab. Hoffentlich trinken die sich jetzt nicht zu Tode, dachte
Franck.
Aus der Menge, die sich langsam auflöste, stieg noch eine
Männerstimme auf. »Nichtsnutziges Pack. Sollen mal richtig
arbeiten lernen.«
Franck ging auf den Rufer zu, einen alten Mann mit kleinem
Hut: »Ich glaube, Sie sehen da was falsch. Die beiden haben
gerade sehr hart gearbeitet und sehr ordentlich verdient.«
Sein Gegenüber musterte Franck von Kopf bis Fuß, schien
nicht erfreut über das, was er sah, und verstanden hatte er auch
nichts. Aber er legte noch einmal los. »Und Sie, schauen Sie
sich an, sehen ja selber aus wie ein Penner. Stecken wahrscheinlich
mit denen unter einer Decke.«
Dass er sich umziehen musste, so verdreckt, wie er inzwischen
aussah, war nicht von der Hand weisen. Aber das ließ er
sich doch nicht von so jemandem sagen. Und als ihm nicht sofort
eine schlagfertige Antwort einfiel, nahm er dem Mann
den Hut vom Kopf, warf ihn vor dessen Füße, schnippte ein
Geldstück achtlos hinterher und traf genau in die Kopfbedeckung.
Dann ging er ab, ohne sich umzudrehen, und fühlte sich
richtig gut.
Was für ein seltsamer Frühlingsmorgen, dachte Franck, als
er die Mittelstraße erreichte, wo er sich neu einkleiden wollte.
Der Einkaufsbummel mit Stefanie, das Wortgefecht über Zeit
und Liebe mit der Verkäuferin Christina Brandt, der Zusammenstoß
mit dem einbeinigen Bettler Krüppels Schäng, und
jetzt dieser Giftzwerg mit Hut. Dem, wenigstens dem hatte er
es gegeben.
Giftzwerg mit Hut. Das gefiel ihm. Schade, dass ihm dieser
Begriff so spät eingefallen war, das wäre ein guter verbaler
Konter gewesen. Aber die Aktion mit dem fliegenden Hut und
der Spende war auch nicht schlecht. Müssen Hüte eigentlich so
hässlich sein? Er kannte überhaupt nur einen Menschen, der
regelmäßig Hut trug, Benno, den Maler. Dessen Hüte waren
sehr schick. Im Sommer schmückte er sich mit einem Strohhut.
Und was trug er im Winter? Franck nahm sich vor, Benno bei
Gelegenheit auszufragen.
Beim Herrenausstatter wunderte man sich nicht schlecht
über Francks Aufzug. »Sind Sie überfallen worden? Sollen wir
die Polizei rufen? Es wird ja leider immer schlimmer mit der
Kriminalität«, ereiferte sich der Geschäftsführer.
»Nein, nein. Nichts passiert. Ich bin ausgerutscht. Ich brauche
nur etwas zum Anziehen. Sie haben doch meine Maße.
Wäsche, Hemd, Hose, Jackett. Das ist alles.«
»Herr von Franckenhorst, Sie tragen maßgeschneidert, da
können wir doch nicht von der Stange.«
»Sie meinen, dass ich nackt …« Franck hatte begonnen, sich
mitten im Laden auszukleiden.
»Natürlich nicht. Aber wenn Sie dann bitte mit nach hinten
kommen wollen.«
Es dauerte keine zwanzig Minuten, dann war Franck von
Kopf bis Fuß neu eingekleidet und der Geschäftsführer einem
Nervenzusammenbruch nahe. Jeden Stil-Ratschlag hatte
Franck brüsk abgelehnt und genau das Gegenteil genommen.
Zur schwarzen Hose braune Schuhe und weiße Socken. Obenrum
ein Pepita-Jackett und ein hellblaues Hemd. Statt einer
Krawatte ein rosa Seidentuch. Und als er zum Schluss noch
nach einem Hut fragte, war der Geschäftsführer sichtlich froh,
sagen zu können: »Hüte führen wir nicht.«
Franck drehte sich vor dem Spiegel und gefiel sich. So wür-
de er morgen zu seiner Inthronisierung erscheinen. Er stellte
sich das entsetzte Gesicht seines Vaters vor und spürte Genugtuung.
Sein Vater würde mit Sicherheit noch entsetzter reagieren
als der Herrenausstatter, der noch einmal nachfragte: »Und
Ihnen fehlt ganz bestimmt nichts? Soll ich nicht vielleicht doch
die Polizei rufen? Oder den Krankenwagen?«
»Nein, nein. Alles in bester Ordnung. Es wäre nur schön,
wenn Sie meine alten Sachen reinigen und mir nach Hause
schicken würden.«

 

(nächste Folge: Strip am Brüsseler Platz)

*

Edgar Franz­mann: Mil­lio­nen­al­lee. Köln Krimi 38. Bro­schur. Köln: Emons Ver­lag 2009. 192 Sei­ten. ISBN 978−3−89705−631−2, € 9,90-.

"Millionenallee" ist ab sofort in allen Buchhandlungen erhältlich.
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