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Killing-Joke-Sänger im Interview

Leckere Pasta, bizarre Rituale und böses Amerika

Jaz Coleman ist Sänger der britischen Post-Punk-Ikonen Killing Joke. Und wettert nicht nur in seinen Liedern gegen Amerika oder singt von Übernatürlichem und vom Weltuntergang: Im Interview machte Coleman koeln.de-Redakteur Helmut Löwe vertraut mit seiner oft bizarren Sicht auf die Welt.

Im gut einstündigen Gespräch vor dem Auftritt Killing Jokes im Kölner Luxor erzählte Coleman aus seiner bewegten Jugend, von magischen Momenten und warum er Berühmtheiten widerlich findet und Amerika hasst. Dabei erwies sich Coleman allerdings nicht nur als jemand, der mit Vehemenz für seine Ansichten gegen den Strom eintritt. Der Brite, der in Neuseeland, der Schweiz und Prag zuhause ist, entuppte sich als rechte Plaudertasche, der nicht nur gerne und viel aus seinem oft seltsamen Leben erzählt, sondern auch reichlich lacht.

Jaz, erzähl uns aus Deiner Kindheit. Wie kamst Du zur Musik?

Ich wuchs in Cheltenham auf, eine Stadt in den Cotswolds; etwa zwei Stunden von London entfernt. Ein wundervoller Teil Englands – wellige Landschaft, Häuser aus honiggelbem Stein. Meine Kindheit verlief reichlich ungewöhnlich: Als ich vier war, mein Bruder sechs, entschieden meine Eltern, beide Lehrer, dass ich musisch und mein Bruder wissenschaftlich erzogen werden sollte. Fast so, wie eine arrangierte Hochzeit. Na ja, wir als englisch-indische Familie waren halt etwas anders.

Ich ging zwar auf eine öffentliche Schule, doch schickten mich meine Eltern zum privaten Musikunterricht. Und dabei habe ich mich ziemlich geschickt angestellt: Im Alter von Neun oder Zehn hatte ich bereits Preise auf internationalen Musikfestivals gewonnen. Morgens, bevor ich zur Schule ging, spielte ich bereits eine Stunde lang Geige und verbrachte eine Stunde mit Musiktheorie. Was das betrifft, ging es in unserer Familie sehr streng zu. Aber darüber hinaus war meine Mutter sehr locker: Mit elf hatte ich ein eigenes Apartment in unserem Haus und jede Menge Freiheiten. Als ich 15 war, lebte ich mit einem Mädchen zusammen – unter einem Dach mit meinen Eltern.

Was ist deine schönste und was deine schlechteste Kindheitserfahrung?

Ich erinnere mich gerne daran, dass wir so viel gereist sind. Toll fand ich es in Frankreich und Spanien. Wir sind viermal im Jahr von England auf den Kontinent gefahren – meine Eltern liebten das Reisen und das habe ich von ihnen geerbt. Wir zelteten oft, als Lehrer hatten meine Eltern nicht viel Geld. Bevor ich zu Killing Joke kam habe noch nie in einem Hotel übernachtet – ich schlief immer in einem Zelt. Heute habe ich immer noch eine Leidenschaft fürs Outdoorleben. Vielleicht ist das der Grund warum ich Neuseeland so mag.

Woran ich aber keine gute Erinnerung habe, ist an den Rassismus in unserer Stadt. Ich war als Kind sehr dunkelhäutig und wurde nahezu täglich mit Gewalt konfrontiert. Aber dies hat mich sehr gut auf Killing Joke vorbereitet.

Warst Du ein artiger Schüler?

Nein, absolut nicht. Ich gehörte zu den Raufbolden, habe Dope geraucht und war faul. Einmal wurde ich im Sportunterricht mit einem Mädchen in eindeutig zweideutiger Situation erwischt und der Schule verwiesen. Ich trieb mich in mehreren Gangs herum. Die Schule habe ich ohne Abschluss mit 15 Jahren geschmissen.

Sollten heutige Jugendliche eine Kindheit haben, wie Du sie hattest?

Irgendwie schon. Denn heute gilt nur jemand etwas, der einen akademischen Abschluss hat. Deswegen glauben viele, dass sie nichts wert sind oder ihr Leben nichts taugt, weil sie die Schule ohne Abschluss verlassen.

Und wir mit Killing Joke zeigen, dass so etwas vollkommener Quatsch ist: Drei von uns halten Vorträge an Unis, ich besitze einen Ehrendoktortitel – und das ganz ohne Abschluss. Jeder von uns hat Tolles erreicht, ganz und gar ohne Examen. Was wir nicht an der Schule oder Universität lernen, bringt uns das Leben bei.

Es gibt halt auch andere Wege der Bildung und Erziehung. Wenn du etwas mit Herzblut betreibst, so wie ich meine Musik, dann ist das keine Arbeit mehr, sondern Spaß. Warum einen Job haben, der dich überhaupt nicht interessiert? Dann bleib lieber im Bett. Wenn Du aber deine Leidenschaft gefunden hast, dann wird die Arbeit zum Spaß.

Welche Musiker, tot oder lebendig, wären für Dich die Idealbesetzung einer Band?

Darüber habe ich bereits nachgedacht, konnte mich aber  für niemanden entscheiden. Wenn ich mich aber für einen Gitarristen entscheiden müsste, wäre es Geordie. Klar, Jimmy Page ist auch gut, aber nicht besser als Geordie. Und ich liebe Bassisten, die mich Lachen machen, so wie Youth oder Paul Raven. Und alle Schlagzeuger der Welt, selbst Dave Grohl, trommeln mir nicht hart genug- außer Big Paul Ferguson. Da hast Du’s (lacht).

Welche Musik würdest Du mit auf eine Insel nehmen?

Beethovens Neunte. Oder muss es Rockmusik sein? (überlegt lange) The Gotan Project – die liebe ich. (überlegt noch länger) Und Tristan und Isolde von Richard Wagner.

Keine leichte Kost…

Ja, dieser verdammten Gesang. Ich hasse Operngesang. Genauso, wie ich Countrymusik hasse. Aber ich liebe die Musik Wagners. Beim Gesang allerdings schlafe ich ein, der ist einfach zu öde.

Wie war dein erstes Konzert?

Wir sind damals, ich glaube es war 1979, als Vorband der Ruts aufgetreten. Und ich war mir nicht sicher, was mit Geordie sein würde. Denn während der Proben stand er bloß ausdruckslos herum und spielte sein Instrument. Tja, und während des Konzerts war es nicht anders: er stand bloß ausdruckslos herum und spielte sein Instrument – ohne jede Regung. 

Was war eines deiner unglaublichsten Tourerlebnisse?

Wie schlimm soll es denn werden? Nun gut: Raven hasste Tourmanager. Und einem jener sandte er nach der Tour einige Fotos. Auf denen war er zu sehen, und zwar, wie er sich die Zahnbürste des Tourmanagers in den Hintern schob. Aber das ist schon lange her – jetzt sind wir gefestigte Charaktere (lacht).

Noch eine Geschichte? Wir während einer Tour in Genf, als unser Promoter uns vor die Wahl stellte, entweder im Hotel zu übernachten oder in einem alten Bauernhof, wo uns ein Ehepaar bekochen würde. Wir entschieden uns fürs Bauernhaus, und dies erwies sich als Volltreffer. Wir hatten eine grandiose Zeit, mit Partys, Mädchen und allem Drumherum. Nach dem Ende der Tour kam ich wieder dorthin - und weißt Du was? Raven und Geordie waren auch schon da! Es endete damit, dass wir alle in die Schweiz zogen.

Welche drei Killing-Joke-Alben würdest Du jemanden empfehlen, der noch nie etwas von Killing Joke gehört hat?

Pandemonium, Killing Joke (aus dem Jahr 2003) und das neue Album. Ich finde diese Scheiben besser als unser altes Material.

Warum bedankst Du Dich im Booklet der „Absolute-Dissent“- CD bei Heath Ledger?

Er hat mich nachgeahmt, als er sich für seine Rolle als Joker in „The Dark Night“ vorbereite: Er bat mich um Filmmaterial des Killing-Joke-Videos, welches wir damals gerade drehten. Darauf war ich zu sehen, betrunken und ausrastend. Und daran hat er sich orientiert.

Kochst Du?

Ich bin ein brillanter Koch. Ich koche zum Beispiel viel für meine Töchter.

Welches ist Dein Leibgericht?

Ich koche fast alles. Am liebsten frischen Fisch, der gerade erst gefangen wurde. Oder Gemüse, ganz frisch aus dem Garten. Und ich liebe Pasta. Hast Du jemals mit Kürbis gefüllte Ravioli gegessen? In Salbeibutter, mit viel Parmesan, schwarzem Pfeffer und gerösteten Pinienkernen. Dazu einen guten Rotwein, einen Chianti – das ist doch himmlisch.

Welche Berühmtheit würdest Du gerne treffen?

Bleib mir mit diesem Berühmtheitenrummel vom Leib – ich hasse das. Als wir mit Killing Joke begannen, war das Thema Rockstars, Prominente oder Helden ein riesiger Gräuel für uns. Selbst wenn Du unglaublich talentiert warst, zur Berühmtheit wurdest Du damit nicht. Und heute? Heute reißen sich die Menschen um Stars, um angebliche Berühmtheiten – das ist doch eine einzige Lüge, zum Kotzen. Kann man denn kein großer Künstler, voller Begabung sein, ohne etwas Besseres sein zu wollen, als andere? Da ist doch wohl möglich! (redet sich in Rage)

Nun gut, anders gefragt: Mit welcher Person würdest Du Dich gerne unterhalten?

Es gibt da zwei Leute, und so Gott will, treffe ich sie noch: Einer ist Jean Ziegler (Schweizer Soziologe und Kritiker der Globalisierung; d. Red.), der den alternativen Nobelpreis verliehen bekam. Ziegler ist der Meinung, dass der französische Revolutionär Antoine de Saint-Just damit richtig lag, das ökonomische Wachstum beschränken zu wollen.

Die zweite Person ist Christopher Knight. Der Anthropologe glaubt an ähnliche Dinge, an die ich glaube, wie zum Beispiel den Ahnenkult. Knight ist der Meinung, dass die Menschheit sich von den Geistern der Vorfahren leiten lassen sollte. Das mag sich jetzt etwas verrückt anhören, aber für mich war die Spiritualität, die vom Erdboden ausgeht, die Beziehung zwischen Mensch und Erde, immer wichtig. Wir können nicht ohne die Erde, sie gibt uns Nahrung.

Hattest Du übernatürliche Erlebnisse?

Oh, so einige. Mit 14 oder 15 widmete ich mich dem Okkultismus, um herauszufinden, was es damit auf sich hat. Ich wollte Magie sehen – und ich sah sie. Mein letztes übersinnliches Erlebnis ist noch gar nicht lange her: Ich sah ein lebloses Objekt, wie es sich vor meinen Augen bewegte. Und vor zwei Jahren sah ich erstmals in meinem Leben jemanden schweben. Von Magie bist Du ein Leben lang umgeben.

Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, aber vor einem Killing-Joke-Konzert hielten wir ein Ritual ab. Und während unseres Auftrittes hörte plötzlich alles um uns herum auf, sich zu bewegen. Die Zeit stand förmlich still. Und das nicht nur für mich, sondern für alle vier Bandmitglieder, die wir uns in Zeitlupe auf der Bühne bewegen sahen. Dann, mit einem unglaublichen Knall, war wieder alles so wie vorher. Eine unglaubliche Erfahrung, als hätten wir unsere Körper verlassen.

Wenn Du als Tier wiedergeboren würdest, als welches?

Unbedingt als Adler! Ich bin ein Jäger (lacht).

Vor was fürchtest Du Dich?

Vor so einigen Frauen habe ich Angst (lacht). Nein, mir macht Angst, dass wir in Europa der Nato eine Heimstatt bieten. Denk nur an die Zeit nach dem 11. September 2001 – weil Europa fest in der Nato integriert ist, wurden wir in einen Krieg hineingezogen. Und wegen der Nato ist die europäische Außenpolitik fest mit der amerikanischen Außenpolitik verknüpft. Sieh Dir Leute wie Donald Rumsfeld oder Dick Cheney an, die sind doch wahnsinnig. Und wir können uns kaum vor solchen Leuten schützen. Schon alleine deswegen wäre es wichtig, eine rein europäische Marine, eine rein europäische Luftwaffe zu haben. Mir schwebt eine Europäische Union als feste politische Einheit vor – ohne England. Denn ich bin Europäer durch und durch.

Hast Du keine Angst davor, dass die EU sich zu einer Art USA entwickelt?

So blöd sind wir nicht; wir besitzen Kultur. Alle Mitgliedstaaten der EU haben eine starke kulturelle Identität und entwickeln diese weiter. Nimm als Beispiel nur die Cafés: So etwas existiert nicht in der angelsächsischen Gesellschaft – so etwas ist eine Besonderheit Festlandeuropas. Für mich ist ein Café eine Art heiliger Platz: es kann als Kunstgalerie dienen, man kann dort laute Alternativemusik hören, preiswertes Essen kaufen – ein Café ist ein kulturelles Zentrum. Und vor der Tür gibt es einen Bauernmarkt mit regionalen Produkten, die nicht durch die ganze Welt kutschiert wurden, mit Öl-Dollars bezahlt.

Warum bist Du kein Politiker geworden?

Hast Du jemals einen weltweit bekannten Musiker gesehen, der etwas Wertvolles als Politiker erreicht hat? So was klappt nicht.

Aber Du könntest etwas ändern!

Ich könnte mir gut vorstellen, ein Jahr lang als Parlamentsmitglied oder Mitglied der EU tätig zu sein. Aber ohne Lohn, denn meine Entlohnung käme meinem Wahlkreis zugute. So etwas nenne ich „öffentlichen Dienst“. Aber üblicherweise sind Politiker die falschen Leute für den Job. Politische Ämter sollten zum Beispiel wöchentlich von anderen Personen besetzt werden, die vom Volk bestimmt werden; damit vermeidet man, dass Entscheidungen durch persönlichen Stolz beeinflusst werden.

Viele Leute schielen auf die Verhältnisse in China. Diese aber sind von Sklaverei und Unterdrückung geprägt. Dort darfst Du nicht über Tibet sprechen, die Regierung kritisieren. Und ist es etwa anders in Amerika? Wenn Du abweichende Ansichten über den 11. September oder den Irakkrieg hast, ist das nicht sehr vorteilhaft für Dich. Ich bin der festen Überzeugung, dass all das, was über die Anschläge am 11. September verbreitet wird, nicht der Wahrheit entspricht.Da hatten die Amerikaner doch ihre Finger im Spiel!

Als ich 2008 in New York auf der Bühne über den 11. September sprach, sagte mir der Promoter nach dem Konzert, dass sich Regierungsagenten im Publikum befunden und alles aufgezeichnet hätten. In was für einer Demokratie leben wir eigentlich? Wenn ich nach Neuseeland fliege und in den USA zwischenlande, wollen die tatsächlich meine Fingerabdrücke und meinen Netzhautscan haben. Nur weil ich eine Stunde Aufenthalt habe?

Ein Ort ohne Freiheit sind die USA, die Menschen sind dumm. Ich bin ganz und gar antiamerikanisch, ganz und gar (echauffiert sich)! Und genau deswegen gab mit Gott eine amerikanische Freundin (lacht).

Jaz, vielen Dank für das interessante Gespräch.

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