Film der Woche
This is love
Von Marcus Wessel
Immer wieder taucht die Liebe als zentrales Motiv in Geschichten und Erzählungen auf. Filme wie „Unterwegs nach Cold Mountain“ beschwören die Liebe sogar als den Antrieb aller Dinge. Doch es gibt auch die andere, zerstörerische Seite, die den Liebenden die Erfüllung ihres Glücks verweigert.
Von solch äußerst schmerzhaften Erfahrungen erzählt der neue Film von Matthias Glasner, dessen Titel bereits die Kernaussage der nachfolgenden 107 Minuten in drei einfachen Worten zusammenfasst.
Zur Bildergalerie von "This is Love"In „This is Love“ treffen Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen aufeinander und das permanent. Als die Polizeikommissarin Maggie (Corinna Harfouch) an einem verregneten Tag auf ihrer Dienststelle zum ersten Mal dem introvertierten, schüchternen Chris (Jens Albinus) begegnet, ist sie vollkommen aufgelöst. Den Grund dafür erfahren wir erst sehr viel später. Chris wiederum steht unter dringendem Mordverdacht, nachdem die Polizei einen Toten in seiner Wohnung fand. Maggie und ihr Kollege Roland (Devid Striesow) werden mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Dazu gehört es, dass sie Chris, den Hauptverdächtigen, zunächst einem intensiven Verhör unterziehen.
Nach anfänglichem Zögern erzählt er den Polizisten schließlich von Jenjira, einem 9-jährigen Mädchen, das er zusammen mit seinem besten Freund Holger (Jürgen Vogel) aus einem Bordell in Saigon befreit hat. In Deutschland sollte das Mädchen eigentlich an ein adoptionswilliges Paar vermittelt werden. Doch die Suche nach geeigneten Eltern gestaltete sich schwieriger als zunächst gedacht.
Dafür entwickelte sich mit der Zeit zwischen Chris und Jenjira ein echtes Vertrauensverhältnis. Schließlich weckt die enge Bindung zu dem Kind in Chris mehr als väterliche Gefühle. Es sind Gedanken und Vorstellungen, die er zunächst abzublocken versucht. Irgendwann werden aber auch sein Freund und das Jugendamt auf das besondere Verhältnis aufmerksam. Die Lage eskaliert.
Regisseur und Autor Matthias Glasner bleibt sich und der filmischen Rekonstruktion menschlicher Extrema treu. Nach dem quälend-intensiven Vergewaltiger-Porträt „Der freie Wille“, in der ein zwischen Angst, Verzweiflung und Aggressivität gefangener Jürgen Vogel in den Vorhof der Hölle hinabstieg, erforscht er in seinem neuen Film einmal mehr die düsteren, zerstörerischen Kräfte unerfüllter/verbotener Liebe.
Während Chris dabei noch gegen sich und sein Verlangen ankämpft, hat Maggie jeden Widerstand schon vor langer Zeit aufgegeben. Seitdem ihr Mann vor 16 Jahren ganz plötzlich und ohne Erklärung verschwand, ist die einst selbstbewusste Kommissarin ein anderer Mensch. Auf der Arbeit fällt es ihr zunehmend schwer, sich zu konzentrieren. Und über den Verlustschmerz hilft immer öfter nur noch der Alkohol hinweg.
Kein Zweifel, „This is Love“ ist ein vielschichtiger, alles andere als leicht goutierbarer Film. Mit anderen Worten: Schwere Kost. Die Komplexität betrifft Form wie Inhalt gleichermaßen. Ähnelte „Der freie Wille“ noch einem fast dokumentarischen Drei-Stunden-Experiment, so besticht Glasners jüngste Studie in Einsamkeit nicht zuletzt durch ihr elaboriertes Bild- und Sounddesign. Farb- und kontrastreiche Motive, ein sanftes, pittoreskes Licht sowie ein einprägsames musikalisches Leitthema lassen einen tief – vielleicht manchmal sogar zu tief – in Maggies und Chris’ Welt eindringen.
Glasner vermeidet es abermals, sich als moralische Instanz aufzuspielen und über seine Protagonisten womöglich vorschnell zu richten. Sein Blick ist vorurteilsfrei, womit er es uns überlässt, wie wir über Chris und Maggie denken. Selbst als Chris’ Neigung immer offensichtlicher wird, bleibt der Film seinem Neutralitätsprinzip treu. Dieses sollte allerdings nicht mit einer falschen Haltungslosigkeit verwechselt werden. Denn eine Haltung, eine Meinung, besitzt Glasner sehr wohl. Nur serviert er uns seine Sicht der Dinge nicht wie manch anderer Regisseur auf dem Silbertablett.
In den Schauspielern fand Glasner offenkundig starke Verbündete. Insbesondere der Däne Jens Albinus, der schon mehrmals für Lars Von Trier vor der Kamera stand, beeindruckt mit der Darstellung des in sich gekehrten Chris. Dass einen die Geschichte nachdenklich, aufgewühlt und irritiert zurücklässt, ist zu einem nicht unerheblichen Teil sein Verdienst. Weniger überzeugend klingen dagegen einige der Dialoge.
Chris’ Aussagen auf dem Revier erwecken den Eindruck, als habe der Autor sie 1-zu-1 einem Handbuch für Psychotherapeuten entnommen. Das erinnert fatal an steifes, altkluges Autoren-Kino, mit dem Glasners Film ansonsten glücklicherweise kaum etwas gemein hat. Aber vermutlich muss man einen solchen Missgriff tolerieren, wenn ein Regisseur insgesamt bereit ist, ein derart großes Wagnis einzugehen. „This is Love“ ist vor allem ein Drahtseilakt – ohne Netz und doppelten Boden.
Drama, Deutschland 2009
Regie: Matthias Glasner
Darsteller: Corinna Harfouch, Jens Albinus, Jürgen Vogel
107 Min.
Ab 16 Jahren
"This is Love" in den Kölner Kinos
"This is Love" in den Bonner Kinos
Weitere Neustarts
Über den Autor"Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/
(Erstellt am 16. November 2009 - 15:03 Uhr; aktualisiert 19. November 2009 - 15:43 Uhr)










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