Film der Woche
The Descendants
Von Marcus WesselSelbst das Paradies hat seine Schattenseiten. Nach einem schweren Unfall seiner Frau wird ein erfolgreicher Anwalt auf Hawaii in eine für ihn bislang ungewohnte Vaterrolle gezwungen. Feinfühlig, geistreich, humorvoll und mit einem brillanten George Clooney inszenierte „Sideways“-Regisseur Alexander Payne eine in jeder Beziehung starke Tragikomödie.
Wenn der Name Hawaii fällt, so denken die meisten von uns vermutlich an weiße Strände, Wellenreiten, den Hula Hula und malerische Landschaften. Dort, wo andere nur zu gerne Urlaub machen, lebt der erfolgreiche Anwalt Matt King (George Clooney) mit seiner Familie, seiner Frau Elizabeth (Patricia Hastie) und den beiden Töchtern Alex (Shailene Woodley) und Scottie (Amara Miller). Schon in seinem Eingangmonolog thematisiert Matt das idealisierte Bild Hawaiis. Für ihn ist dieses nicht mehr als eine Wunschvorstellung. Schließlich leben auch dort Menschen, deren Probleme sich am Ende nicht von denen anderer unterscheiden.
Für die Kings wird diese Erkenntnis plötzlich schmerzhafte Realität. Als Elizabeth bei einem Sportunfall schwerste Kopfverletzungen erleidet und in ein Koma fällt, bricht für Matt sein gesamtes bisheriges Leben in sich zusammen. Er, der eigentlich immer nur so eine Art Ersatzelternteil war, muss sich auf einmal ganz alleine um seine Kinder kümmern. Vor allem die 10-jährige Scottie braucht ihn jetzt. Alex wiederum versucht, ihren Vater auf Distanz zu halten und die Rolle des rebellischen Teenagers zu spielen. Als allmählich klar wird, dass Elizabeth aus dem Koma nie mehr aufwachen wird, entscheidet Matt, den zuvor festgelegten Wunsch seiner Frau zu respektieren und die Geräte abschalten zu lassen. Die Familie und gute Freunde sollen noch die Gelegenheit erhalten, sich von Elizabeth in Würde zu verabschieden.
Filmemacher Alexander Payne greift nach „About Schmidt“ erneut eine Geschichte auf, in der das Sterben und der Tod als Leitmotiv einer sensiblen und dabei zugleich bittersüßen Charakterstudie allgegenwärtig sind. In beiden Filmen werden die männlichen Hauptfiguren ihrem Alltag schlagartig entrissen. Sowohl für Warren Schmidt als auch für Matt King beginnt dadurch eine Reise mit ungewissem Ausgang, mit Konflikten und Widersprüchen, aber auch mit Momenten, die wieder Hoffnung und Mut machen. Man verrät nicht zuviel, wenn man auf eine besondere Wendung der Geschichte hinweist, die den Charakter des Films noch einmal grundlegend verändert und die Handlung in eine neue Richtung lenkt. Matt erfährt, dass seine Frau eine Affäre hatte. Sie wollte sich sogar von ihm trennen, weil sie statt ihn einen anderen Mann liebte.
Es ist der zweite und keineswegs letzte Paukenschlag, den „The Descendants“ bereithält. In Matt löst diese Nachricht ein Gefühlschaos aus. Eigentlich sollte er um Elizabeth trauern und doch empfindet er innerlich auch Wut. Viel schlimmer als die Nachricht ist aber, dass er sich mit ihr nicht mehr streiten und aussprechen kann. Stattdessen muss er die Situation mit sich und seinem Gewissen ausmachen. Er beschließt, den Liebhaber seiner Frau aufzusuchen. Dabei will er ihn keineswegs nur zu Rede stellen. Auch Brian (Matthew Lillard), so der Name des Nebenbuhlers, soll sich von Elizabeth verabschieden können.
Die besten Szenen aus "The Descendants" in unserem CineChannel
So wie es hier kein als falsch empfundenes Wort oder keine als falsch empfundene Geste zu geben scheint, so wurde von Payne keine einzige Rolle falsch besetzt. Allen voran George Clooney liefert als Ehemann und Vater im freien Fall eine grandiose Vorstellung ab. In modisch zumindest fragwürdigen Hawaii-Hemden, Plastik-Flip-Flops und mit keineswegs makelloser Frisur widerspricht er komplett seinem Image als Womanzier und „Sexiest Man alive“. Bereits Clooneys Blick kündet von all den gegensätzlichen Gefühlen und Fragen, die Matt mit sich herumträgt. Es ist Clooneys bislang überzeugendster Auftritt vor der Kamera und ein Glanzstück in subtiler Schauspielkunst (die Betonung liegt dabei auf „Kunst“). Mindestens so wichtig wie das, was tatsächlich gesagt wird, scheint bei Payne jedoch immer auch das, was letztlich unausgesprochen bleibt. Und das ist eine ganze Menge.
Man sollte allerdings nicht den Fehler begehen und „The Descendants“ auf seinen Oscar-Preisträger reduzieren, schließlich ist die sensibel beobachtete Tragikomödie bis in die Nebenrollen exzellent besetzt. Besondere Erwähnung verdient Newcomerin Shailene Woodley, der es gelingt, Alex nicht bloß als den rebellischen Teenager darzustellen. Die Auftritte von Robert Forster als Matts dominanter Schwiegervater und Judy Greers letzter Auftritt zählen zu den weiteren Höhepunkten in einem an leisen Höhepunkten ungemein reichen Film.
"The Descendants" in den Kölner Kinos
Es sind überaus komplexe Gefühle und Situationen, aus denen sich Paynes Geschichte zusammensetzt. Freude und Leid, Lachen und Weinen liegen hier ganz nah beieinander. Oftmals wechselt sich beides sogar in einer einzelnen Szene mehrmals ab. Dabei nutzt Payne seinen unverwechselbaren Humor immer wieder zum Zwecke der Auflockerung und Entspannung. Dass Lachen eine befreiende Wirkung haben kann, ist bekannt. „The Descendants“ hätte überdies nur zu leicht als manipulatives Taschentuch-Melodram enden können. Paynes Verdienst ist es, all diese viel zu naheliegenden Ideen konsequent zu ignorieren und seine Figuren vielmehr mit großer Würde und Respekt ihre eigenen Wege gehen zu lassen. Dadurch erhält sein Film eine unverwechselbare Ausstrahlung, zerbrechlich, zart und bittersüß – ganz so wie das Leben, das er beschreibt und auf eine stille Art feiert.
Die besten Szenen aus "The Descendants" in unserem CineChannel
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Bildergalerie: "The Descendants"
"The Descendants" in den Kölner Kinos
Über den AutorMarcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt
dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus
ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/
(Erstellt am 23. Januar 2012 - 16:47 Uhr; aktualisiert 26. Januar 2012 - 11:43 Uhr)









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