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Film der Woche

Taking Woodstock

Von Marcus Wessel

Rock'n'Roll, kiffende Hippies und eine glückselige Stimmung voller Love, Peace & Happiness. Vier Jahrzehnte nach Woodstock reduziert sich unser Blick auf das Kult-Festival zunehmend auf diese Insignien der Flower-Power-Ära. Befeuert durch die immer gleichen Archivaufnahmen sind die damaligen Ereignisse längst Teil eines generationenübergreifenden, kollektiven Gedächtnisses. In „Taking Woodstock" spielt nun Meisterregisseur Ang Lee mit unseren Vorstellungen und Erinnerungen an das vielleicht einflussreichste Musikevent aller Zeiten. Manche Bilder widerlegt seine durch und durch sympathische Coming-of-Age-Geschichte, andere wiederum überzeichnet er bis zur Karikatur.

Die besten Szenen aus "Taking Woodstock" in unserem CineChannel

Mehr noch als ein Woodstock-Film ist Lees Adaption des gleichnamigen Tatsachen-Romans jedoch ein Film, der nur rein zufällig in Woodstock spielt, wobei selbst das streng genommen nicht den Tatsachen entspricht. In Wahrheit wurde das verschlafene Kaff Bethel im US-Bundesstaat New York Schauplatz des größten, verbürgten Hippie-Get-togethers. (Der inzwischen weltbekannte Name leitete sich - wie einfallslos - vielmehr vom Sitz der Firma ab, die das Konzert organisierte.) In dieser wenig aufregenden oder gar revolutionären Umgebung wächst der junge Elliot (Demetri Martin) als Sohn russischer Einwanderer auf. Seine Eltern, Sonia (Imelda Staunton) und Jake (Harry Goodman) Teichberg, betreiben in Bethel ein in die Jahre gekommenes Motel, dem eine Generalsanierung gut zu Gesicht stünde. Doch dafür fehlt das Geld. Weil immer öfter die Gäste ausbleiben, droht die Bank mit der Zwangsvollstreckung.

Festival als Geldquelle

Es muss sich dringend etwas ändern, will Elliot das Schlimmste noch verhindern. Als er aus der Zeitung erfährt, dass ein in der Nähe geplantes Rockkonzert nach Anwohnerprotesten abgesagt werden musste, kommt ihm die rettende Idee. Kurzerhand bietet er den Veranstaltern die Kuhwiese neben dem elterlichen Motel als neuen Austragungsort an. Auch der benachbarte Milchfarmer Max Yasgur wittert mit dem Konzert das große Geschäft. Was dann allerdings geschieht, damit hat wohl keiner der Dorfbewohner gerechnet. Heerscharen von Organisatoren, Künstlern, Hippies und Musikfans pilgern in den nächsten Tagen in die ansonsten beschauliche Kleinstadt, in der für gewöhnlich jeder jeden kennt. Der Ansturm stellt schon bald nicht nur Elliot und seine Eltern vor kaum lösbare Probleme.

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Über die bis ins Detail liebevolle Ausstattung, die originalgetreuen Kostüme und einen nostalgischen Rock'n'Roll-Soundtrack etablieren Ang Lee und sein Team das Maximum an Woodstock-Feeling. Insbesondere die logistisch herausfordernden Massenszenen - darunter eine mehrere Hundert Meter lange Kamerafahrt entlang unzähliger Oldtimer und Festivalbesucher - lassen die Dimensionen des Ausnahmezustandes in und um Bethel in Ansätzen erahnen. Die friedvolle Stimmung und „Good Vibrations" jener Tage schweben analog zur weltgrößten Marihuana-Wolke auch in Lees Film über dem Gelände am White Lake, wo Elliot im Laufe des Festivals so seine ganz eigenen Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Drogen, Sexualität und allerlei schrägen Typen macht.

Mythos mit Klischee

„Taking Woodstock" funktioniert vornehmlich als grundehrlicher, feinfühliger Coming-of-Age-Trip, der sich Zeit für die Entwicklung seines adoleszenten Helden nimmt. Über die Begegnung mit einem für ihn bis dahin unbekannten Milieu erfährt Elliot mehr über sich und wie er sein Leben letztlich leben will. Obwohl er kein Hippie ist, weiß er nämlich nur zu gut, was es heißt, anders zu sein. Der hierzulande nur wenig bekannte Demetri Martin ist die eigentliche Entdeckung dieser Produktion und einer der Gründe, warum man sich Lees Film trotz mancher Längen und einer mitunter recht betulichen Inszenierung nicht entgehen lassen sollte. Sensibel, mit offenen Augen und einer einnehmenden Unbekümmertheit verkörpert Martin den Grenzgänger zwischen zwei gegensätzlichen Welten, die im August 1969 auf den Wiesen und Wegen rund um Bethel unvorbereitet aufeinander treffen.

Der Mythos Woodstock lebt bis heute von ganz bestimmten Klischees und teils wahren, teils idealisierten Anekdoten. Das Festival ist eben nüchtern betrachtet auch eine Marke und als solche will sie sorgsam gepflegt werden. Um diese nur bedingt romantische Logik wissen selbstverständlich auch Lee und sein Co-Autor James Schamus, die alles dafür tun, dass der Mythos möglichst unangetastet bleibt. Und so kleiden sie ihre Zeitreise in den „Sommer of Love" mit den bekannten Bildern von freier Liebe, Drogenexperimenten, Schlammexzessen und esoterischem Selbstfindungstheater aus. Passend dazu zitiert „Taking Woodstock" bestimmte, konsensfähige Hippie-Stereotypen. Aber solange sich die Macher nicht an Musik-Legenden wie Jimi Hendrix oder Janis Joplin vergreifen - das eigentliche Treiben auf der Bühne bleibt unsichtbar, für uns und für Elliot -, ist man versucht, über solche Lappalien hinwegzusehen. Man will ja schließlich hinterher nicht als Spießer dastehen.

Komödie, USA 2009
Regie: Ang Lee
Darsteller: Demetri Martin, Imelda Staunton, Henry Goodman
121 Min.
Ab 6 Jahren

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Über den Autor

"Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

(Erstellt am 1. September 2009 - 15:39 Uhr; aktualisiert 3. September 2009 - 11:51 Uhr)


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