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Film der Woche

Spieglein, Spieglein

Von Marcus Wessel

Die Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen ist ein echter Klassiker und eines der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm. Nicht minder populär erscheint Disneys Zeichentrickversion. Für die nun startende Neuauflage sind das allesamt große Fußstapfen, die der Film des visionären Regisseurs Tarsem Singh jedoch überraschend souverän ausfüllt.

Die besten Szenen aus "Spieglein, Spieglein" in unserem CineChannel 

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Allein dieser Satz genügt, um in den meisten von uns ganz bestimmte Assoziationen und Erinnerungen auszulösen. Die einen verbinden ihn mit einem Kinobesuch in den Kindertagen, die anderen mit einem Disney-Filmabend oder einer Gutenachtgeschichte, die sie von ihren Eltern vorgelesen bekamen. Selbstverständlich darf das berühmte Spieglein auch bei der Neuauflage des Märchenklassikers nicht fehlen. Gleichzeitig geht Regisseur Tarsem Singh („The Fall“, „Krieg der Götter“) bei seiner Interpretation von Schneewitchen aber auch neue Wege. Und das keineswegs zum Nachteil seines Films oder der berühmten Vorlage.

Bildergalerie: Spieglein Spieglein

Schneewittchen als Figur benötigt wohl kaum eine Einführung. Vielmehr leidet die heranwachsende Prinzessin (Lily Collins) auch in dieser Umsetzung unter ihrer herrschsüchtigen Stiefmutter (Julian Roberts), die ihren Gemahlen, den König, unter mysteriösen Umständen verschwinden lässt. Als eines Tages ein junger Prinz (Armie Hammer) den Palast besucht und sich Hals über Kopf in die bildhübsche Königstochter verliebt, kennt die eifersüchtige Stiefmama kein Pardon. Kurzerhand verbannt sie Schneewittchen in den angrenzenden Wald, wo diese schon bald die Bekanntschaft sieben kleiner, tapferer Männer macht. Auch wenn die erste Begegnung ein wenig ruppig ausfällt, entwickelt sich zwischen ihnen recht schnell eine echte Freundschaft. Unterdessen arbeitet die böse Monarchin im Schloss mit allen Mitteln an der Verführung des jungen Prinzen.

Kunterbunte Schneewittchen-Variante

Wer bislang nur Tarsem Singhs letzte Regiearbeit „Krieg der Götter“ kannte, wird sich vermutlich wundern, dass der gebürtige Inder nun ausgerechnet einen klassischen Märchenstoff verfilmte. Schließlich war die antike Götterschlacht, in der menschliche Schädel in Zeitlupe gespalten worden, nur sehr eingeschränkt familientauglich. Doch die Wahl der Produzenten lässt sich nachvollziehbar begründen. Tarsems Filme waren nämlich schon immer hochästhetische, visuelle Gebilde. Ein Märchen, das vor allem von seinen Bildern und berühmten Motiven lebt, dürfte seinem Verständnis von Film und Kino sehr nahe kommen. In der Tat scheint er keinerlei Berührungsängste gehabt zu haben. Seine „Schneewittchen“-Variante ist kunterbunt, wunderbar verspielt und geradezu emanzipatorisch. Beispielhaft für Tarsems unverwechselbaren, opulenten Stil stehen die prächtigen, farbenfrohen Kostüme der Japanerin Eiko Ishioka. Ihr ist dieser Film gewidmet. Im Alter von 73 Jahren starb sie vergangenen Januar in ihrer Heimatstadt Tokio.

Zunächst erweckt „Spieglein Spieglein“ aber mit seinem Besetzungscoup unsere Aufmerksamkeit. Ausgerechnet „America’s Sweetheart“ Julia Roberts, die Frau mit dem markantesten Lächeln Hollywoods, schlüpfte in die Rolle der bösen, machtbesessenen Stiefmutter. Die frühere „Pretty Woman“ ist derart überzeugend, dass sich alle Zweifel an dieser Besetzung innerhalb kürzester Zeit auflösen. Sogar notorische Roberts-Hasser werden zugeben müssen, dass der Hollywoodstar hier für ein Höchstmaß an Unterhaltung sorgt. Ihr grandioses Overacting sowie die selbstironischen Kommentare zum allgegenwärtigen Schönheits- und Jugendwahn erinnern an Glenn Closes Auftritt als Cruelle De Vil in Disneys „101 Dalmatiner“. Dabei zeigt sich die Roberts von einer ganz anderen Seite. Wunderbar fies, sarkastisch, schlagfertig, berechnend – es ist der komplette Gegenentwurf zu den Herzschmerz-Rollen, auf die sie viel zu lange abonniert war.

Ganz auf Frauenpower setzen

Es dauert eine Weile bis die junge Lily Collins aus dem Schatten des Superstars heraustritt. Doch ab diesem Moment ist es auch ihr Film. Die Anlaufzeit scheint indes gewollt. Es ist Teil ihrer Rolle, in der sich die erst schüchterne, brave Königstochter zu einer zunehmend selbstbewussten, kampfeslustigen jungen Frau wandelt, welche es am Ende nicht nur mit Roberts Faltenopfer aufnimmt, sondern – und das ist neu im konservativen Familiengenre – gleichzeitig dem Mann ihres Herzens aus der Patsche helfen darf. „Spieglein Spieglein“ setzt ganz auf Frauenpower, aber das mit ausgesprochen charmanten Mitteln. Lily Collins ist mehr Audrey Hepburn als Laura Croft. Die Ähnlichkeit zur Stilikone der fünfziger und sechziger Jahre mag in der Tat verblüffend sein, noch erstaunlicher ist aber, mit welcher Eleganz und Sicherheit die erst 22-jährige durch die bunten Sets wirbelt.

Die jüngste, voraussichtlich aber nicht letzte Umsetzung des „Schneewittchen“-Themas beginnt flott und hält ihr hohes Tempo bis zum Ende bei. Wortwitz, schlagfertige Dialoge und manchmal sogar richtige Albernheiten lassen hier eine eigentlich alte und scheinbar auserzählte Geschichte plötzlich unerwartet modern erscheinen. Für Nostalgiegefühle sorgt hingegen der Score aus der Feder von Disneys Stammkomponist Alan Menken. Aber selbst in diesen mischen sich bei der finalen Tanzeinlage unüberhörbar neue Klänge (Bollywood meets Disney) ein. Insgesamt sollte es „Spieglein Spieglein“ gelingen, sowohl junge als auch erwachsene Kinogänger zu unterhalten. Schon das ist ein kleines Kunststück, für das Tarsems Film im Gegensatz zur bösen Schwiegermama keinerlei faulen Zauber benötigt.

Die besten Szenen aus "Spieglein, Spieglein" in unserem CineChannel
Bildergalerie: Spieglein, Spieglein
"Spieglein, Spieglein" in den Kölner Kinos
Die offizielle Homepage zum Film

Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

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