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Film der Woche

Shame

Von Marcus Wessel

Im Job erfolgreich, gutaussehend, weltgewandt und doch einsam, allein, kaputt. Ein Mittdreißiger geht in Steve McQueens Kritikererfolg „Shame“ durch die Hölle. Der Grund ist seine Sexsucht und damit verbunden seine Beziehungsunfähigkeit. Michael Fassbender spielt den Mann, für den aus Lust längt Qualen geworden sind, mit einer bemerkenswerten Kompromisslosigkeit – zeitweilig bis zur Selbstaufgabe.

New York, Weltmetropole, Ort unzähliger Hoffnungen und zerplatzter Träume. "If I can make it there, I'll make it anywhere" heißt an einer Stelle in Frank Sinatras weltberühmter Liebeserklärung an die Hauptstadt der Welt. Für den Mittdreißiger Brandon (Michael Fassbender) müssen diese Zeilen wie Hohn klingen. Schließlich lebt er dort, wo so viele andere gerne leben würden – in einem schicken Appartement in Downtown Manhattan – und doch ist er dabei, innerlich vor die Hunde zu gehen.

Brandon ist sexsüchtig. Jede Minute, ja beinahe jede Sekunde kreisen seine Gedanken nur um diese eine Sache. Egal ob er eine junge Frau in der U-Bahn betrachtet und beide sich in Gedanken gerade voreinander ausziehen, oder ob er im Büro seinen Arbeitsplatz einmal schnell verlässt, um auf der Toilette zu masturbieren, alles dreht sich nur um das Eine.

Bildergalerie: Shame

Was vielleicht zunächst halbwegs amüsant klingt – lieber sex- als drogen- oder alkoholsüchtig mag sich manch einer jetzt denken –, wirft Brandon immer öfter aus der Bahn. Er fühlt sich leer, einsam, emotional verkrüppelt. Der seelische Druck baut sich langsam, peu á peu in ihm auf bis er am Ende von "Shame" beinahe physisch zu greifen ist. In diesem Moment streift Brandon längst wie ein Zombie durch die Straßen und dunklen Ecken der Stadt. Er wirkt wie eine leere Hülle, auch körperlich schwer gezeichnet von seiner unkontrollierbaren wie unstillbaren Sucht. Dabei gäbe es gerade jetzt einen Menschen, der eigentlich seine Hilfe bräuchte. Seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) tourt als Sängerin durch Bars und Clubs. Vor ihrem Freund flieht sie zu Brandon, der sie jedoch nur widerwillig bei sich wohnen lässt. Auch sie kämpft gegen innere Dämonen, welche sich tief in ihrer Seele festgebissen zu haben scheinen.

Unnahbarkeit und Coolness

Die Figur der Schwester ist zunächst einmal ein Katalysator für die Handlung. Sie soll die Geschichte vorantreiben und Brandon aus seinem Alltagstrott herausreißen. Tatsächlich stellt sie das Leben ihres Bruders, des sexsüchtigen Dauersingles, gewaltig auf den Kopf. Vielleicht zum ersten Mal wird sich Brandon seiner Defizite und Schwächen bewusst. In einem der eindringlichsten Momente des Films singt Sissy Frank Sinatras Welthit – quälend langsam, dabei aber mit so viel Gefühl und Schmerz, dass Brandon für einen kurzen Augenblick seine antrainierte Unnahbarkeit und Coolness vergisst und uns in sein Innerstes schauen lässt. Was wir dort erblicken, ist alles andere als schön oder cool.

Die besten Szenen aus "Shame" in unserem CineChannel

Bereits zum zweiten Mal nach dem viel gelobten und mit Preisen geradezu überschütteten IRA-Drama "Hunger" arbeiteten der in Heidelberg geborene Fassbender und Regisseur Steve McQueen zusammen. Dabei herausgekommen ist ein Film, den man nur schwer wirklich lieben kann, gleichzeitig aber jede erdenkliche Bewunderung entgegen bringen muss. Das Problem bei "Shame" ist sein distanzierter, fast schon unterkühlter Blick auf einen Charakter, der es einem als Zuschauer nicht gerade leicht macht, sich in seine Lage hineinzuversetzen. Brandon, dessen Name nicht ganz zufällig an Marlon Brando ("Der letzte Tango in Paris") angelehnt sein dürfte, erinnert bisweilen stark an Christian Bales Rolle in "American Psycho". Der einzige Unterschied ist, dass Brandon die dort gezeigten Gewaltexzesse durch Sexfantasien ersetzt. Beide Männer bewegen sich wie Geister durch eine Welt des schönen Scheins.

Viel nackte Haut

Fassbender spielt diesen schwierigen, durchaus widersprüchlichen Charakter als Getriebenen seiner Triebe, der längst jede echte Lust an Sex verloren hat. Ohne Rücksicht auf Eitelkeiten oder sittsame Befindlichkeiten verschwindet er schon bald ganz in der Rolle. Fassbender verleiht "Shame" nicht nur seine besondere Körperlichkeit – das Nacktsein ist hier praktisch ein durchgängiges Motiv –, er lässt uns Brandons unaufhaltsamen Verfall trotz aller emotionalen Schranken mit Nachdruck spüren. Seine Filmpartnerin Carey Mulligan war noch nie so gut wie in der Rolle der zerbrechlichen Sissy. Sie setzt das zweite schauspielerische Glanzlicht, welches zeitweilig sogar Michael Fassbenders kompromisslose Darbietung überstrahlt.

Immer wieder setzt McQueen seine Protagonisten in einen irritierenden Kontrast zu ihrer Umwelt. Sein Film ist durchzogen von moderner Architektur und strengen Bildkompositionen, in deren Ausschnitte Brandon und Sissy sich wie Gefangene bewegen. New York scheint die perfekte Kulisse für diese Geschichte, die von Isolation und inneren Zwängen handelt. Welche Rolle das Internet in diesem Zusammenhang spielt, deutet „Shame“ mehrmals an. Wenn jede erotische Spielart plötzlich nur noch einen Mausklick entfernt ist, geht der Kontakt zur Wirklichkeit allzu leicht verloren. Mit der ganzen Welt vernetzt und doch so allein. Es ist die eigentliche Tragödie unserer Zeit, von der "Shame" hinter seiner sexualisierten Oberfläche erzählt. (Fotos: Prokino)

Die besten Szenen aus "Shame" in unserem CineChannel
Bildergalerie: Shame

"Shame" in den Kölner Kinos
Die offizielle Homepage zum Film

Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

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