Film der Woche
Savages
Von Marcus Wessel
Der alte Provokateur ist zurück: Oliver Stone, Kino-Rebell und Hollywoods linkes Gewissen, legt mit seinem neuen Film einen rasanten, brutalen und exzellent bebilderten Drogen-Thriller vor, der souverän zwischen Pulp und Anspruch wandelt. Zwei Jung-Unternehmer im Marihuana-Geschäft legen sich darin mit einem mächtigen, mexikanischen Kartell an – mit unabsehbaren Folgen für alle Beteiligten.
Nicht die Niederlande oder Jamaika, Kalifornien ist der mit Abstand größte Markt für Marihuana und Cannabis weltweit. Dort, wo der Sommer niemals Pause macht und lässiges Abhängen an den Stränden, coole Surfer und alternative Lebensstile aus unserer Sicht praktisch zum Alltag gehören, wird mehr geraucht als irgendwo sonst. Auch wenn zuletzt ein Vorstoß zur Legalisierung des Kiffens knapp gescheitert war, bleibt der Sunny State das amerikanische Gras-Mekka. An dieser Tatsache verdienen vor allem mexikanische Kartelle, die den Nachbarn im Norden nicht nur mit harten Drogen sondern auch mit Gras in sämtlichen Varianten versorgen.
Es wundert nicht, dass die Kriminellen auf Konkurrenz nicht wirklich gut zu sprechen sind. Wer teilt schon gerne? Gerade im generalstabsmäßig organisierten Drogengeschäft zählt allein der eigene Profit. Die beiden „Jung-Unternehmer“ Ben (Aaron Johnson) und Chon (Taylor Kitsch) haben folglich nur wenige Freunde, als sie beschließen, mit aus Afghanistan eingeschmuggelten Samen ihre eigene Cannabis-Zucht aufzuziehen. Doch schon nach kurzer Zeit floriert ihr Geschäft – und das ist in diesem Fall durchaus wortwörtlich zu verstehen. Weil der THC-Gehalt ihres Grases den der Konkurrenz bei weitem übersteigt, verkauft es sich immer besser. Daran verdient schließlich auch ein korrupter Drogenfahnder (John Travolta), der den Jungs für eine angemessene Gewinnbeteiligung den Rücken freihält.
Fast hat es den Anschein, als schrieben Chon und Ben ihre ganz persönliche Erfolgsgeschichte des „American Dream“. Allerdings befinden wir uns hier in einem Film von Hollywood-Provokateur Oliver Stone, was per se bereits misstrauisch machen sollte. Auch wenn Stone bei seinen letzten Werken den Biss früherer Tage vermissen ließ, so muss man bei ihm doch immer wachsam sein. Im Fall von „Savages“ kündigt sich das Unheil trotz perfekter Urlaubskulisse und schöner Menschen schon mit den ersten Bildern an. Da berichtet Ben und Chons gemeinsame Freundin Ophelia (Blake Lively), dass die folgende Geschichte – ihre Geschichte – „total außer Kontrolle“ geraten wird. Am Ende muss man ihr Recht geben.
Der Ärger beginnt, als Ben und Chon die Forderungen des mexikanischen Baja-Kartells ausschlagen. Widerspruch ist etwas, was deren weiblicher Boss Elena (Salma Hayek) partout nicht ertragen kann. Also lässt sie Ophelia von Lado (Benicio del Toro), ihrem Mann für’s Grobe, kurzerhand entführen. Durchaus mit Freude an den kleineren bis größeren Grausamkeiten des im Autopilot-Modus auf eine Mauer zurasenden Plots läuft Stone hier endlich wieder zu Hochform auf.
Das zunehmend blutige Spiel um Macht, Geld und Einfluss gewinnt eine faszinierende Eigendynamik, bei dem die Spannungskurve nach einem noch etwas zurückhaltenden Einstieg konstant ansteigt. Bis zum Finale kann man eigentlich vor Nichts und Niemanden sicher sein. Sogar auf den letzten Metern überrascht uns Stone noch mit einem narrativen Ass, das er genüsslich aus dem Ärmel hervorzaubert.
Die besten Szenen aus Savages im CineChannel
Bisweilen mag man in „Savages“ den unberechenbaren Pulp-Zwilling von Steven Soderberghs ambitionierten Drogendrama „Traffic“ erkennen. Dort wo letzterer mit einer möglichst realistischen Milieuschilderung zu überzeugen wusste, steht bei Stone zunächst die Lust an der Unterhaltung und am Exzess. Manche der expressiven Bildkompositionen ähneln dem Clip-Feuerwerk aus „Natural Born Killers“ – wenngleich in einer deutlich abgemilderten Version. Natürlich besitzt auch „Savages“ eine Moral. Im Gegensatz zu vielen Stone-Filmen drängt sich diese aber nicht unangenehm in den Vordergrund. Sie bleibt eher verborgen unter bitterbösen Einfällen und einer ziemlich doppelbödigen Oberfläche, die eine Katalog-taugliche Urlaubsästhetik mit wiederholten Gewaltausbrüchen vermischt.
Die offizielle Homepage zum Film
Zu Stones Version eines rasanten Drogenthrillers gehört auch das bewusste Spiel mit Klischees. Während Chon – ein muskulöser Ex-Navy Seal, der nicht nur im Bett zum Tier wird – und Ben auf den ersten Blick typische Surfdudes verkörpern, rückt das mexikanische Killerkommando selbstredend in der Verkleidung einiger Gartenarbeiter zum Einsatz an.
Auch die alten Recken Benicio del Toro und John Travolta dürfen herrlich überziehen, womit sie Taylor Kitsch und Aaron Johnson glatt die Show stehlen. Für deren besondere Dreiecksbeziehung zur schönen Ophelia scheint sich der Film indes weniger zu interessieren. Die entführte Blondine dient „Savages“ vorrangig als Augenfutter und MacGuffin. Sie ist das Zentrum des Orkans den Oliver Stone vor unseren Augen entfesselt.
Savages in den Kölner Kinos
Bildergalerie: Savages
Die besten Szenen aus Savages im CineChannel
Die offizielle Homepage zum Film
Über den AutorMarcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus
ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/
(Erstellt am 9. Oktober 2012 - 11:49 Uhr; aktualisiert 25. Oktober 2012 - 8:40 Uhr)





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