Film der Woche
Our Idiot Brother
Als der stets etwas zu gutmütige, zu ehrliche und zu naive Bruder stellt Ned das Leben seiner drei Schwestern ziemlich auf den Kopf. Das mitzuerleben ist amüsant, bisweilen anrührend und immer sehr sympathisch. Für Paul Rudd bringt die Rolle vieles mit, was seinen Qualitäten als Schauspieler entspricht.
Von Marcus Wessel
„Es braucht immer einen Mutigen, der die Wahrheit ausspricht“. Mit diesem Slogan warb ausgerechnet eine große Boulevard-Zeitung vor einiger Zeit für sich und ihre journalistisch durchaus zweifelhaften Arbeitsmethoden. Den Mut zur Wahrheit besitzt auch Ned (Paul Rudd), was ihm allerdings gar nicht so recht bewusst ist. Vielmehr sagt er nur das, was ihm gerade auf dem Herzen liegt und richtig vorkommt. Eigentlich ist er viel zu gut für diese Welt und in seiner Haltung zwischen Öko-Bauer, Alltagsphilosoph und Slacker ein echtes Unikat. Das müssen auch seine drei Schwestern feststellen, als sie Ned nach dessen gescheiterter Beziehung zeitweilig bei sich aufnehmen.
Der vermeintlich idiotische Bruder bringt das Leben von Miranda (Elizabeth Banks), Natalie (Zooey Deschanel) und Liz (Emily Mortimer) nämlich gewaltig durcheinander. Das fängt schon damit an, dass er sich regelmäßig in durchaus heikle Situationen begibt. So erfährt er, dass Liz’ Mann Dylan (Steve Coogan) seine Frau augenscheinlich mit einer jungen, osteuropäischen Tänzerin betrügt. Miranda, die Karriere-Frau des Trios, hat wiederum mit ihrem Nachbar Jeremy (Adam Scott) einen heimlichen Verehrer. Das wissen beide und doch trauen sie sich nicht, es auszusprechen – bis Ned diesen Job übernimmt. Die lesbische Natalie ist die Dritte im Schwesternbunde. Eigentlich könnte sie mit ihrer großen Liebe Cindy (Rashida Jones) ganz einfach glücklich sein, wäre da nicht ein folgenschwerer One Night Stand mit einem Mann.
Bildergalerie: Our Idiot Brother
„Our Idiot Brother“ ist zweifellos eine eher kleine, bescheidene Komödie, die gleichwohl mit einigen großen Namen und bekannten Gesichtern aufwarten kann. Bereits die Besetzung des Schwestern-Trios mit Zooey Deschanel – vielen bekannt aus der Erfolgsserie „New Girl“ –, Emily Mortimer und Elizabeth Banks sorgt für einige schauspielerische wie komödiantische Höhepunkte. Während Emily Mortimer ihre Rolle als brave, biedere Ehefrau beneidenswert uneitel angeht, dürfen Banks und Deschanel ihren weiblichen Charme ausspielen. Und sie beweisen, dass komische Figuren auch verdammt sexy sein können.
Inmitten so vieler Frauen wandelt Paul Rudds Ned wie ein Außerirdischer, der auf eine beruhigende Weise über den Dingen zu schweben scheint. Dafür benötigt er noch nicht einmal verbotene Substanzen. Ned ist so wie er ist – ein echtes Unikat. Glaubt man den Autoren Jesse und Evgenia Peretz, so haben sie die Figur speziell für Paul Rudd entwickelt.
"Our Idiot Brother" in den Kölner Kinos
"Our Idiot Brother" in unserem CineChannel
Unterhaltsam ist es jedoch immer, was neben den großartigen Leistungen der Darsteller dem einnehmenden Charme des Films zuzuschreiben ist. Liebevolle Details wie die durchaus selbstironische Betrachtung der alternativen Künstlerszene oder des New Yorker Lifestyles liefern den stimmigen Background für Neds etwas andere Verwandtschaftsreise. Dass diese wie die meisten amerikanischen Indie-Komödien recht berechenbar und brav bleibt, gehört zu den kleineren Schwächen von „Our Idiot Brother“.
Im direkten Vergleich mit Sacha Baron Cohens Krawall-Satire „Der Diktator“ dürfte es diese ruhige und wenig spektakuläre Geschichte nicht gerade leicht haben, ein Publikum zu finden. Zu wünschen wäre es ihr. Vor allem Paul Rudd hat man noch nie so gut gesehen. Sein Ned mag ein naiver Träumer sein, doch ist es nicht gerade das, was uns „Normalos“ gelegentlich fehlt? Die Antwort, die „Our Idiot Brother“ gibt, ist ziemlich eindeutig.
Bildergalerie: Our Idiot Brother
"Our Idiot Brother" in den Kölner Kinos
Die offizielle Homepage zum Film
"Our Idiot Brother" in unserem CineChannel
Über den AutorMarcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt
dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus
ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/
(Erstellt am 16. Mai 2012 - 9:44 Uhr; aktualisiert 17. Mai 2012 - 12:06 Uhr)





Kommentar hinzufügen