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Film der Woche

Mr. Nobody

Nemo Nobody ist der letzte Mensch, der eines natürlichen Todes sterben wird. Im Alter von 118 Jahren blickt er auf sein bewegtes Leben zurück, auf getroffene und nicht getroffene Entscheidungen und wie diese den Lauf der Dinge beeinflusst haben. Gegossen in eine mehr als außergewöhnliche Form ähnelt „Mr. Nobody“ einem philosophischen, beinahe traumgleichen Essay.

Von Marcus Wessel

Bildergalerie: "Mr. Nobody"
"Mr. Nobody" in den Kölner Kinos  

Die ersten Minuten von „Mr. Nobody“ sind ganz Science-Fiction. Wir befinden uns in der Zukunft, genauer im Jahre 2092. Der Wissenschaft ist es gelungen, den Alterungsprozess des menschlichen Körpers aufzuhalten, was jeden Einzelnen de facto unsterblich werden lässt. Der letzte Mensch, dem dieses nur begrenzt wünschenswerte Schicksal nicht vergönnt war, liegt auf dem Krankenbett einer futuristischen Klinik. Sein Name ist Nemo Nobody (Jared Leto). In therapeutischen Sitzungen wird er unter Hypnose dazu ermutigt, in der Zeit zurück zu reisen und sein langes, bewegtes Leben Revue passieren zu lassen.

Die besten Szenen aus "Mr. Nobody" in unserem CineChannel

Bei dieser Zeitreise erinnert er sich Dinge, die ihm im Alter von gerade einmal neun Jahren widerfahren sind. Damals trennten sich seine Eltern und er sah sich plötzlich mit der eigentlich unlösbaren Aufgabe konfrontiert, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Bleibt er bei seinem kranken Vater (Rhys Ifans) oder verlässt er zusammen mit seiner Mutter (Natasha Little) und deren neuen Freund die Stadt? Schon bald verwischen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen dem, was Nemo tatsächlich erlebt und was er sich lediglich als hypothetische Alternative erdacht hat.

Neben seiner Mutter spielten noch drei andere Frauen in seinem Leben eine entscheidende Rolle. Einem Reporter erzählt er von Anna (Diane Kruger), Elise (Sarah Polley) und Jean (Lihn-Dan Pham). Dass er dabei mal mit der einen, dann wieder mit der anderen zusammen ist, dass er in einer Version bei seinem Vater in England bleibt und in der anderen mit seiner Mutter in den USA lebt, all das lässt nicht nur Nemos Zuhörer sondern auch uns an seinen Aussagen zweifeln. „Welches dieser Leben ist denn nun das richtige?“ fragt der Journalist dann auch umgehend. Nemos Antwort fällt so unmissverständlich wie rätselhaft aus: „Jedes ist das richtige!“

Der Belgier Jaco Van Dormael scheint ebenfalls in längeren Zeiteinheiten zu denken, zumindest ließ er für seinen neuen Film dreizehn Jahre verstreichen. Angesichts des nun vorliegenden Resultats wird jedoch schnell klar, warum das Projekt nicht bereits früher fertig gestellt werden konnte. „Mr. Nobody“ ist visuell wie inhaltlich hochexplosiv, eine filmische Naturgewalt, die einen bisweilen mit ihrer Opulenz und Fülle an Fragen zu Erschlagen droht. Die narrative Puzzlestruktur ist hierbei noch vergleichsweise leicht zu entschlüsseln. Fortlaufend springen Film und Hauptfigur in der Zeit hin und her. Die Orte und Begebenheiten wechseln fast minütlich, wobei Zeit in diesem Universum generell eine eher flexible Größe zu sein scheint. Auf eine Episode im England der 1980er-Jahre folgt ein gedanklicher Flug über den Atlantik und ein kurzes Erwachen in der eingangs beschriebenen Zukunft.

Wenngleich sich allmählich ein Muster hinter dieser Anti-Chronologie herausschälen lässt, bleibt der Ausgang bis zuletzt offen. Gerade diese Ambivalenz hält die Spannung über 138 Minuten aufrecht, wobei schon vor dem Ende klar wird, dass der Film überhaupt keine eindeutige Auflösung anbieten will. Van Dormael belässt vieles im Vagen und Ungefähren, selbst dann, wenn der alte Nemo schlussendlich all seine Karten auf den Tisch gelegt hat, und er sich von uns mit einem breiten Grinsen verabschiedet. Es sind ohnehin Fragen, die zu beantworten, wir Menschen vielleicht niemals in der Lage sein werden. „Mr. Nobody“ leuchtet tief in die Schnittstelle von Zufall und Schicksal hinein, in das oftmals undurchschaubare Zusammenspiel von Aktion und Reaktion, das hier einmal mehr anhand des bekannten Schmetterlingseffektes von Van Dormael illustriert wird.

So komplex und vielschichtig das ist, was uns der Film in seiner philosophischen Reflektion der Conditio humana zu erzählen hat – Van Dormales Mitteilungsdrang übersteigt mitunter seine Möglichkeiten –, bleibt die Geschichte glücklicherweise keine reine, nur mit dem Verstand zu entschlüsselnde Versuchsanordnung. Nemos Schicksal berührt und appelliert gleichsam an unser Empathieempfinden. Jared Letos großartiges Spiel trägt hierzu maßgeblich bei. Weil Van Dormael darüber hinaus nicht auf Witz und Ironie verzichtet, ertrinkt sein Film anders als der inhaltlich ähnlich komplexe „The Fountain“ nicht an der eigenen Ernsthaftigkeit.

Wie dieser ist aber auch „Mr. Nobody“ nicht zuletzt optisch eine Wucht. Ein solcher Ideenreichtum findet sich im Kino nicht mehr oft. Van Dormaels Experimentierfreude kennt offenkundig keine Grenzen und vereint Science-Fiction mit strenger Geometrie, malerischen Postkartenmotiven und spektakulären Kamerafahrten, die dank intelligenter Computertricks für so manchen Aha-Effekt sorgen dürften. Hinzu kommt eine kluge Songauswahl, bei der der „Chordettes“-Klassiker „Mister Sandman“ als musikalisches Leitmotiv und Bindglied fungiert.

Bemerkenswert ist, dass der Film, obwohl er so viele große Fragen verhandelt, sich einen faszinierenden Blick für fast schon mikroskopische Details bewahrt. So schenkt Van Dormael der ersten, schüchternen Berührung zwischen Nemo und Anna nicht weniger Aufmerksamkeit als den ewigen Fragen nach dem Sinn unserer Existenz. Vermutlich deshalb, weil am Ende doch beides miteinander zusammenhängt.

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Über den Autor

"Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

 

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