Film der Woche
Madagascar 3 - Flucht durch Europa
Löwe Alex, Giraffe Melvin, Zebra Marty und Flusspferd Gloria sind wieder los: In Madagascar 3 versucht die schräge Tiertruppe, den Heimweg nach New York anzutreten, landet aber in Europa. Und macht dort den nahezu gesamten Kontinent unsicher.
Von Marcus Wessel
Der Himmel über Afrika verliert für unsere tierische Großstadtgang allmählich seinen Reiz und so beschließen Alex, Marty, Gloria und Melvin erneut die Anstrengungen einer gewaltigen Reise auf sich zu nehmen. Diese führt sie zunächst nach Europa, wo sie sich nicht ganz freiwillig einer bunten Zirkustruppe anschließen.
Manchmal ist der Weg das Ziel und manchmal ist das Ziel nicht auf direktem Wege erreichbar. Löwe Alex (im Original gesprochen von Ben Stiller), in seinem Herzen ein echter New Yorker, kennt dieses Problem. Auch wenn er zusammen mit seinen besten Freunden – der hypochondrischen Giraffe Melvin, dem extrovertierten Zebra Marty und dem schönheitsbewussten Flusspferd Gloria – unter der Sonne Afrikas tagein, tagaus seine Freiheit genießen kann, sehnt er sich doch immer öfter nach der Heimat und seinem überschaubaren Zuhause im Central Park-Zoo. Um dahin zu gelangen, benötigt die Truppe jedoch das passende Flugutensil. Also beschließen die Vier, den zuvor nach Monaco (!) ausgewanderten Pinguinen und ihrem selbstkonstruierten Luftschiff hinterher zu reisen.
Dass der Empfang im Jet-Set-Mekka für unsere aus Afrika ausgewanderten Exil-New Yorker dann aber wenig freundlich ausfällt, ist ein böser, durchaus politisch zu deutender Gag der Dreamworks-Crew. Es mag zudem nicht der einzige Querverweis sein, der sich weniger an das junge als an ein erwachsenes Publikum richtet. Insbesondere die Figur der geradezu besessenen Löwenjägerin Chantel DuBois erscheint als wilder Mix aus französischen Stereotypen, alten Kolonialklischees und einer herrlich überdrehten Edith-Piaf-Parodie. Ihr mit martialischer Hingabe geschmettertes „Je ne regrette rien“ ist Animationskunst im besten Sinn – liebevoll, augenzwinkernd und von großartigem Timing. Von eher peinlichen Song-Einlagen wie zuletzt in der Dr. Suess-Verfilmung „Der Lorax“ bleibt das Publikum hier dankenswerter Weise verschont.
Wenn in „Madagascar 3“ bekannte Melodien zum Einsatz kommen, dann wurden diese nahezu perfekt in den durchweg unterhaltsamen Handlungsrahmen eingebaut. Sogar Katy Perrys Pop-Langweiler „Fireworks“ entlocken die Animateure in Kombination mit einer wilden, quietschbunten Zirkusshow ungeahnte Qualitäten. Für besondere Lacher dürfte neben der Pinguin-Gang erneut Lemuren-König Maurice sorgen, der gleich ein halbes Dutzend bekannte Dance-Nummern ekstatisch und mit vollem Körpereinsatz neu interpretiert. Die Geschichte der turbulenten Heimreise wiederum verläuft ganz so, wie man es erwarten konnte. Auf die etwas missglückte Ankunft an der mondänen Côte d’Azur folgt eine abenteuerliche Reise quer durch Europa. Dabei eröffnet das Zirkusumfeld, in das Alex, Marty, Melvin und Gloria Hals über Kopf geschleudert werden, den Dreamworks-Animateuren eine neue Spielwiese und uns die Bekanntschaft gleich mit einer Vielzahl neuer, liebenswerter Figuren.
Da wäre der stolze russische Tiger Vitali oder der tollpatschige Seehund Stefano, dem man auf der Stelle mehr Mut und Selbstvertrauen zusprechen möchte. Dahinter steckt natürlich eine pädagogische Absicht, welche aber weniger aufdringlich als in anderen Familienfilmen in die quietschbunte Präsentation eingebaut wurde. Und noch in einem anderen Punkt unterscheidet sich die „Madagascar“-Reihe von den meisten, ansonsten eher braven Animationsstücken. Anarchie und Chaos sind für die früheren Zoobewohner keineswegs Fremdwörter. Wenn die Pinguine bei ihren Beutezügen so richtig aufdrehen, dann hat die gern als unfähig karikierte Ordnungsmacht zu Freude des Publikums in aller Regel das Nachsehen. Alex und seine Mitstreiter halten sich nicht so gerne an geltende Gesetze und Regeln. Sie stellen vielmehr ihre eigenen auf.
Hinzu kommt ein leidenschaftliches, wenngleich verstecktes Plädoyer für Vielfalt und Toleranz. Mit Blick auf den in den USA andauernden Kulturkampf zwischen Liberalen und Konservativen bezieht der Film eindeutig Stellung, was ihn nur noch sympathischer macht. Nach dem eher enttäuschenden vierten „Ice Age“-Abenteuer und dem allzu didaktischen „Lorax“ landen Dreamworks Party-Animals endlich wieder im Herzen eines jeden Animationsfans. Dort und nirgendwo anders gehören die vier chaotischen Lebenskünstler schließlich auch hin.
Bildergalerie: Madagascar 3
"Madagascar 3" in den Kölner Kinos
"Madagascar 3 3D" in den Kölner Kinos
Die offizielle Homepage zum Film
Über den AutorMarcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus
ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/
(Erstellt am 28. September 2012 - 13:13 Uhr; aktualisiert 2. Oktober 2012 - 9:23 Uhr)





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