Film der Woche

Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger

Von Marcus Wessel

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss und so endet das Kinojahr mit einem fantastisch erzählten Filmerlebnis. Erfolgsregisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain", "Tiger & Dragon") gelang es, den bislang als unverfilmbar geltenden Bestseller von Yann Martel in beeindruckendem 3D auf der großen Leinwand zu verewigen.

Eine Geschichte so zu erzählen, dass wir uns als Zuschauer ganz in ihr vergessen können, ist eine seltene Kunst, die nur wenige Filmemacher beherrschen. Der gebürtige Taiwanese und Oscar-Preisträger Ang Lee ist so einer. Ob mit dem poetischen Wuxia-Märchen "Tiger & Dragon", mit dem Liebesdrama "Brokeback Mountain" oder der Jane-Austen-Adaption "Sinn und Sinnlichkeit", immer zeichneten sich seine Arbeiten durch eine große Nähe zu den Figuren und ihren Anliegen aus. Lees einnehmende Art des Erzählens, seine besondere Hingabe an ganz unterschiedliche Geschichten, war auch bei seinem neuen Projekt "Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger" wieder einmal gefragt. Immerhin galt der spirituelle Roman des Kanadiers Yann Martel lange Zeit als unverfilmbar. Von diesem womöglich vorschnellen Urteil ließ sich Lee jedoch nicht entmutigen, zu sehr reizte ihn die Herausforderung, die geradezu magische Reise eines jungen Schiffsbrüchigen für das Kino und ein neues Publikum zu erzählen.

Die besten Szenen aus Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger im CineChannel

Dabei verweist bereits die Struktur des Films auf die von Lee perfektionierte Kunst des Geschichtenerzählens. Als Klammer für das große Abenteuer des jungen Pi (Suraj Sharma) dient nämlich eine Suche nach Inspiration. Auf dieser befindet sich ein Schriftsteller (Rafe Spall), der von Pis Schicksal eher zufällig auf einer Indien-Reise erfährt. Daraufhin sucht er den erwachsenen Pi (Irrfan Khan) im kanadischen Montréal auf. Dort lebt der Familienvater inzwischen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Was er seinem neugierigen Besucher zu berichten hat, dürfte nicht nur diesen in Erstaunen versetzen.

 

Wohlbehütet im indischen Pondicherry aufgewachsen, beschließen Pis Eltern eines Tages nach Kanada auszuwandern. Der Vater, der in Indien einen Zoo leitete, kann für sich, seine Familie und einige Zootiere eine Überfahrt auf einem japanischen Frachter organisieren. In einer stürmischen Nacht mitten auf dem Pazifik kommt es dann aber zur Katastrophe. Das Schiff sinkt, doch wie durch ein Wunder schafft es Pi gerade noch rechtzeitig in eines der wenigen Rettungsboote. Zunächst glaubt er, er sei der Einzige, der den Untergang überlebt hat. Umso erstaunter ist er, als "Richard Parker", ein ausgewachsener bengalischer Tiger aus dem Zoo seines Vaters, plötzlich unter der Bootsplane hervorspringt.

Die Interaktion zwischen Tiger und Mensch zieht, so wie Lee sie inszeniert, einen sofort in ihren Bann. Die herausragenden Computereffekte lassen dabei schnell vergessen, was echt und was nur animiert ist. Vom stürmischen Untergang des Frachters bis zu Pis Entdeckung einer paradiesischen Insel, auf der unzählige Erdmännchen leben, vollzieht das Abenteuer dieser ungewöhnlichen Schicksalsgemeinschaft immer neue, überraschende Wendungen. Vor allem die poetischen Bilder der rauen und dann mal wieder seltsam ruhigen See brennen sich unmittelbar ins Gedächtnis ein. Hier ist die dritte Dimension kein hübsches und überflüssiges Gimmick. Lees erster 3D-Film nutzt seine technischen Möglichkeiten, um uns fast schon physisch in die Geschichte eintauchen zu lassen. Anders als viele Kollegen versteht Lee es nämlich, die Vorteile der neuen Bildsprache richtig einzusetzen. Auf der großen Kinoleinwand entwickelt sich so ein magischer Wechsel zwischen Märchen und Wahrheit, welcher zugleich auf den philosophischen Kern des Romans verweist.

Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger in den Kölner Kinos - in 3D

Denn natürlich kann man Pis Schilderungen auch als spirituelle Parabel deuten. Pi selbst wurde als Hindu geboren und nahm in jungen Jahren zunächst die christliche und dann die islamische Religion an. Von dieser Universalität und Sinnsuche sind sowohl Buch als auch Film beseelt. Die Frage, was wir letztlich glauben sollen oder dürfen, beantwortet Pi mit einer zweiten, alternativen Fassung seiner Odyssee. Obwohl dabei stets Fragen des Glaubens mitschwingen, ist "Life of Pi" das Gegenteil eines dogmatischen Films. Wo ein Mel Gibson predigte, überlässt Ang Lee das letzte Urteil lieber seinem Publikum. Und so schließt sich ein Kreis aus Imagination und Poesie, für dessen Deutung es kein klares richtig oder falsch geben kann. Wahr ist vielmehr immer das, was sich zwischen uns und Leinwand nach Wahrheit anfühlt.

Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger in den Kölner Kinos - in 3D
Bildergalerie: Life of Pie - Schiffbruch mit Tiger
Die besten Szenen aus Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger im CineChannel 

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Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

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Kommentare

Obwohl alles stimmt was

Obwohl alles stimmt was Marcus Wessel über den Film schreibt, bin ich mit der Kritik nicht ganz glücklich, weil sie sich für mich zu intellektuell anhört.

Obwohl der Film echt clever ist und Cineasten begeistern wird, funktioniert er auch als spannender Abenteuerfilm, und erst recht als berauschender Bildertrip (nach dem Film war ich erstmal "geflasht").

Wie schon geschrieben: unbedingt die 3D-Version anschauen, weil es hier gelingt, die Technik dazu zu nutzen, dass man der Geschichte (und dem Tiger) körperlich näher kommt.

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