Film der Woche
Liebe
Sie haben fast ihr ganzes Leben geteilt. Michael Haneke („Das weiße Band“) beobachtet zurückhaltend und mit großer Empathie in seinem Cannes-Erfolg „Liebe“ ein altes Professoren-Ehepaar, das durch die plötzliche Erkrankung eines Partners auf eine schmerzhafte, die Grenzen der Belastbarkeit berührende Zerreißprobe gestellt wird.
Von Marcus Wessel
Unsere Kultur, die Bilder, die wir in Magazinen, Zeitschriften, im Internet oder im TV sehen, zeigen zumeist jüngere, schöne Menschen. Krankheiten, das Alter und der Tod werden im Gegensatz dazu gerne versteckt, verschwiegen oder zu einer kleinen, scheinbar unwichtigen Randnotiz. Dabei ist jeder von uns von diesen Dingen früher oder später einmal betroffen – zunächst, wenn ein geliebter Familienangehöriger erkrankt oder stirbt, später dann, wenn man ganz einfach selber an der Reihe ist. Mit seinem neuen Film „Liebe“ rückt der österreichische Kinophilosoph Michael Haneke diese oft verdrängte Wahrheit in unser Bewusstsein. Gerade weil uns das, was er zeigt, wirklich alle etwas angeht, ist es nahezu ausgeschlossen, dass man zu seiner Geschichte keine Haltung oder Meinung entwickelt. Und es scheint praktisch unmöglich, dass man den Film am Ende emotions- und teilnahmslos verlässt.
„Liebe“ ist ein Zwei- bestenfalls Drei-Personen-Stück. Die beiden Protagonisten Georg (Jean-Louis Trintignant) und Anna (Emmanuelle Riva) sind beide um die 80, Musikprofessoren im Ruhestand und schon eine Ewigkeit miteinander verheiratet. Sie haben eine Tochter, Eva (Isabelle Huppert), die ihre Leidenschaft für die klassische Musik teilt. In ihrer chicen, überaus großzügigen Pariser Altbauwohnung, in der sich in jeder Ecke ein kleiner Schatz oder eine wertvolle Antiquität versteckt, genießen sie ihren Ruhestand. Trotz ihres Alters gehen beide noch gerne aus. Sie interessieren sich für die Welt und für das, was um sie herum geschieht. Doch dann erleidet Anna am Frühstückstisch einen unerklärlichen Anfall. Es ist ein Aussetzer von wenigen Minuten, währenddessen sie nicht ansprechbar und abwesend erscheint. Geradezu apathisch starrt sie ins Nichts.
Die besten Szenen aus "Liebe" in unserem Cinechannel
Bereits kurze Zeit später hat sich Annas Zustand deutlich verschlechtert. Immer öfter ist sie jetzt auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. Erst sitzt sie im Rollstuhl, später reichen ihre Kräfte selbst dafür nicht mehr aus. Schließlich muss sie gefüttert und gewaschen werden. Aus der stolzen, kultivierten Dame ist ein Pflegefall geworden. Sie wirkt so hilflos und ohnmächtig wie ein kleines Kind. Der rasante körperliche wie geistige Verfall ist beängstigend und wird von Haneke ohne die geringste Chance des Wegsehens oder Verdrängens festgehalten. Der Österreicher ist spätestens seit „Funny Games“ bekannt für seine unbequemen Geschichten. „Liebe“ ist eine weitere davon, wobei sein Film bei aller tief empfundenen Traurigkeit und Verzweiflung durchaus auch etwas Hoffnungsvolles besitzt.
Der Grund dafür liegt eigentlich bereits in seinem Titel und in dem unsichtbaren Band, das Anna und Georg verbindet. Einmal entgegnet Georg auf die Frage, warum er seine Frau nicht ins Krankenhaus oder ein Pflegeheim abgebe: „Das habe ich ihr versprochen.“ Es ist ein kleiner Satz mit großer Wirkung. Das Wesen der Liebe, von Partnerschaft und Nähe – so wie Haneke sie hier zeigt –, kennt keine Relativierungen, nur das Absolute. Gerade deshalb erschüttert es, wenn Georg Anna gegenüber plötzlich handgreiflich wird. Es ist ein Reflex, für den er sich noch in der gleichen Sekunde unendlich schämt. Die Schauspielurgesteine Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva – beide stehen seit über fünfzig Jahren vor der Kamera – agieren in ihren Rollen derart überzeugend und echt, dass die üblichen Kategorisierungen kaum ausreichen, um ihr mutiges, mitunter die Schmerzgrenze überschreitendes Spiel angemessen zu würdigen. Sie geben nicht bloß vor, ein altes, vertrautes Ehepaar zu sein, sie sind es.
Haneke lenkt unsere gesamte Konzentration und Aufmerksamkeit auf seine Darsteller. Seine auf den ersten Blick kühle, zurückgenommene Inszenierung, die bewusst auch Längen und Pausen zulässt, bringt das Beste aus Trintignant und Riva hervor. Er verzichtet auf jeden inszenatorischen Ballast, auf den Einsatz von Filmmusik und jede als falsch empfundene Dramatik. Dadurch bleibt „Liebe“ als das in Erinnerung, was es ist: Eine Meditation über das Leben, den Tod und über den Menschen, der uns am nächsten ist.
"Liebe" in den Kölner Kinos
Die offizielle Homepage zum Film
"Liebe" in unserem CineChannel
Über den AutorMarcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus
ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/
(Erstellt am 17. September 2012 - 15:06 Uhr; aktualisiert 20. September 2012 - 10:47 Uhr)





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