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Film der Woche

Inglorious Basterds

Von Marcus Wessel

Köln. Quentin Tarantino, der ungekrönte Meister des (Selbst-)Zitats und kinobesessene Autodidakt, wechselt mit jedem neuen Film das Genre und bleibt dabei stets sich und seinem ganz eigenen Stil treu. Nach Gangsterstück, Pulp-Fantasie, Rache-Epos und 70er-Jahre-Trash-Hommage drehte er nun seinen ersten Kriegsfilm, der - wie sollte es anders auch sein - wiederum tief in der Tradition des Genres verankert ist.

Die besten Szenen aus "Inglorious Basterds" in unserem CineChannel

Lose basierend auf dem italienischen Exploitation-Klassiker „Ein Haufen verwegener Hunde" erzählt „Inglourious Basterds" von den Taten einer Gruppe unerschrockener Nazijäger und ihrem geradezu tollkühnen Plan.

Schon mit dem Vorspann (Once upon a Time...) verbeugt sich der bekennende Filmnerd Tarantino vor dem von ihm kultisch verehrten Genre des Spaghetti-Westerns und der Musik Ennio Morricones. Dessen Klänge untermalen auch das erste Duell des Films. Eigentlich ist es mehr eine perfide Machtdemonstration, denn von Waffengleichheit wie bei einem Schusswechsel auf offener Straße kann hier keine Rede sein. Der Bösewicht trägt SS-Uniform und ein süffisantes Lächeln. Hauptmann Hans Landa (Christoph Waltz), dem der Ruf voraus eilt, jeden untergetauchten Juden mit kriminalistischem Ehrgeiz aufspüren zu können, stattet der Familie des Bauern Perrier LaPedite (Denis Menochet) einen unerwarteten Besuch ab. Während der überaus gebildete, in sich selbst verliebte Muster-Nazi über die Vorzüge eines frischen Glases Milch doziert, ist sein Gegenüber versucht, sich die eigene Todesangst nicht anmerken zu lassen.

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Nur mittels messerscharfer Dialoge und eines grandiosen, zwischen Galanterie und den tiefsten menschlichen Abgründen changierenden Christoph Waltz gelingt es Tarantino, eine beunruhigende Suspense aufzubauen. Mit jedem Satz, jedem Blick zieht er uns tiefer in das Geschehen hinein. Vollkommen zu Recht wurde der multilinguale Österreicher Waltz deshalb in Cannes mit der Goldenen Palme als „Bester Hauptdarsteller" ausgezeichnet. Sein SS-Mann ist die heimliche Hauptfigur und das Bindeglied einer Geschichte, die ansonsten als demokratisches Ensemblestück konzipiert wurde. Gleich einem Dutzend unterschiedlicher Charaktere, darunter die im Titel verewigten „Basterds", schenkt Tarantino seine volle Aufmerksamkeit. Der von Brad Pitt verkörperte, eisenharte Nazijäger Aldo Raine erhält dabei nicht mehr Leinwandzeit als die vor Landa geflohene Jüdin Shosanna (Mélanie Laurant).
Ihr Schicksal nutzt Tarantino zudem gezielt als emotionalen Resonanzboden seiner gerade zum Ende hin eskapistischen Racheutopie. Bei der festlichen Premiere des Propagandafilms „Stolz der Nation" in einem Pariser Kino soll ein Sprengstoffanschlag die versammelte Nazi-Elite in Stücke reißen. Dass im letzten Moment sogar Hitler höchstpersönlich sein Kommen zugesagt hat, spornt Aldo Raine und seine Männer zusätzlich an. Mit Hilfe des deutschen Kinostars Bridget von Hammersmark (Diane Kruger), einer zu den Alliierten übergelaufenen Agentin, wollen sie sich Zutritt zu der überaus exklusiven Veranstaltung verschaffen.

 

Die zunächst eher losen Fäden des in Kapitel eingeteilten, im Grunde recht simplen Revenge-Plots - Kill Bill lässt grüßen - werden von Tarantino in den letzten gut 30 Minuten zu einem packenden, grausamen, trashigen, bewegenden und zugleich hochkomischen (ja, das ist kein Widerspruch) Finale miteinander verflochten. Wenn sich nach über zwei Stunden erstmals die Wege des charismatischen Psychopathen Landa und die der „Basterds" kreuzen, ist der große Knall längst vorprogrammiert. Obwohl Tarantino für seine bedingungslose Hingabe an das dreckige Exploitation-Genre bekannt ist, überrascht der Film doch mit der Konsequenz seiner zur Schau gestellten Rachefantasie. Zartbesaitete Gemüter dürften an des Meisters Gewalt-Grandezza mitunter Anstoß nehmen. Der genüsslich zelebrierte Akt des Skalpierens bereitet einem bereits beim Zusehen heftige (Phantom-)Schmerzen. 

So explizit sich „Inglourious Basterds" insbesondere im Finale als erbarmungsloses Nazi-Schlachfest präsentiert, so verspielt, liebevoll und emphatisch gibt er sich an anderer Stelle. Die Szene in der alten Dorfkneipe, in der Krugers Agentin auf ihre Kontaktleute wartet, nutzt Tarantino für ein anfangs banal erscheinendes Ratespiel unter den anwesenden deutschen Soldaten. Die provozierend langsam aufgebaute Pointe ist dann allerdings ein Schlag ins Gesicht aller Rassisten und ein weiterer Beleg für das dramaturgische Fingerspitzengefühl des Regie-Exzentrikers. Musste er sich von Kritikern in der Vergangenheit regelmäßig Geschwätzigkeit vorhalten lassen, wenn einer seiner Dialoge über popkulturelle Nichtigkeiten wieder einmal kein Ende zu nehmen schien, so wirkt sein neuer Film trotz einer Laufzeit von über zweieinhalb Stunden deutlich kompakter. Die wenigen, vorwiegend im Mittelteil vorhandenen Längen fallen in der Gesamtschau jedenfalls kaum ins Gewicht.

 

Vor allem tappt Tarantino nicht in die Falle eines „nur gut gemeint aber nicht gut gemacht". Er nimmt sich Dinge heraus, die unsere Wächter der „Political Correctness" - Michel Friedman, Claudia Roth, Peter Hahne - einem deutschen Regisseur vermutlich nie verzeihen würden. Seine bisweilen ungemein komische Demaskierung nationalsozialistischer Affektiertheit trägt die Handschrift eines filmbesessenen Träumers, für den das Kino die Macht besitzt, alles zu verändern. Und so kann es kaum verwundern, dass am Ende sogar die Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssen.

USA/Deutschland 2009
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Christoph Waltz, Brad Pitt, Eli Roth, Daniel Brühl, August Diehl, Diane Kruger
152 Min.

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Über den Autor

"Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

(Erstellt am 19. August 2009 - 13:37 Uhr; aktualisiert 20. August 2009 - 10:37 Uhr)


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Kommentare

Ixh finde den Film genial.

Ixh finde den Film genial. Die Charakterrollen sind hervorragend gespielt und in Szene gesetzt. Besonders sprachwissenschaftlich, finde ich die Akzente der multilingualen Schauspieler ausgezeichnet. DIe deutschsprachigen Schauspieler sind erstklassig in den DIalogen.
Dieser Film ist ein Muss fuer jeden Sprachstudenten. Bis hin zum schwarzen Humur, werden die Personen brilliant dargestellt. Der Film ist ein absolutes Meisterwerk. Sogar Herr Geobbels kommt gut hervor mit seinem pikanten Koelner Akzent.
DIejenigen, die den Film kritisieren aufgrund wiederholter Szenen von Gemetzel a la Pulp Fiction oder noch mehr aufgrund ueberzogener rassisischter Verachtung, haben den Film von Tarantino voellig misverstanden. Ich mag besonders Daniel Bruehl, der mit einem hervorragenden Franzoesisch beieindruckt und den angeblich guten deutschen Soldaten spielt.
Natuerlich kann man sich als Deutscher besonders politisch in die Enge getrieben fuehlen, aber das ist ja auch genau das geniale an diesem Film. Auch politisch gesehen, hat Tarantilo voll ins Schwarze getroffen, und es ist ihm gelungen, auch 60 Jahre nach Kriegsende auf subtile Art zu provozieren. Der Film wird auch in Deutschland viele Gefuehle wiedererwecken, besonders bei der neuen heranwachsenden Generation, die im multikulterellen, wiedervereinten Deutschland aufwaechst, und mit Sicherheit werden die rechtsgeneigten Werwoelfe der alten BRD Generation mit ihren Spruechen wie "Befehl war Befehl", "Ordnung muss sein" und "siehste, die Amis waren auch Schweine" aus ihrem Tiefschlaf gerissen.
Der Film ist eine Satire ohne Ende und sehr empfehlenswert fuer unsere junge Generation, damit die Debatte um den deutschen Beitrag zum 20. Jahrhundert nicht unter den Teppich gekehrt wird. 6 Millionen tote Juden haben es verdient, noch einmal eine provokative Nachricht an die Nachwelt zu schicken, besonders am Ende eines USA Feldzuges im Iraq und eines scheinheiigen NATO Einsatzes in Afghanistan und nochmal die verstaubten, boesen Geister der guten alten Zeit im wiedervereinten Deutschland aus dem Wandschrank zu holen.
Auf diesen Film werden Oskare regnen.

@ thomas d - jaja, 6 Mio.

@ thomas d - jaja, 6 Mio. Juden + x Mio. weitere Opfer abgeschlachtet hat natürlich nur die Nazi-Führungsclique, alles andere waren harmlose "Landsleute", die eine (fiktive!) Rache nicht verdient haben. Wer wurde hier umerzogen?

-ach ja, mit nazis reden... ich lass es besser und freu mich auf den film und über jedes einzelne skalp... hihi...

Ich glaube Deutschkand ist

Ich glaube Deutschkand ist das einzige Land der Welt, indem solch ein widerlicher Film protestfrei läuft, ja in dem das brutale Abschlachten der eigenen Landsleute (und eben nicht nur der Nazi-Fühungsclique !!!!) auch noch bejubelt wird.

Nun ja, 40 Jahre konsequente Umerziehung müssen sich ja irgendwie auswirken...

ich sage es mal so, Thomas,

ich sage es mal so, Thomas, die beiden arisch schoenen und ehrgeizigen Neffen meiner Mutter sind beide im Alter von 22 Jahren von Partisanen in Italien und Bolschewikis in Russland erschossen wurden. Ihr Schicksal ist schlicht tragisch.

Der Bruder meiner Grossmutter aus Koeln hingegen hat sich aus Angst vor dem Heldentod dem EInzug in die glorreiche Wehrmacht entzogen, und fuer die Briten spioniert. Nach dem Krieg, war er Anwalt fuer juedische Opfer in Israel, um aus der BRD Wiedergutmachungszahlungen rauszuholen, gegen deftige Kommission natuerlich.
Von vielen ist ihm das bis in den Tod uebel genommen worden. Natuerlich war auch er kein Bilderbuchheld.

Unser ehemaliger CDU Bundeskanzler Kiesinger in der letzten grossen Koalition war ab 1933 in der NSDAP und pflegte gute Kontake zu Goebbels, an die Gruebeltaten konnte es sich 1968 nicht mehr erinnern.

Wenn er es nicht kann, dann muss es der Film tun....

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