Film der Woche

Hugo Cabret

Von Marcus Wessel

Für Oscar-Preisträger Martin Scorsese war der Familienfilm bislang unbekanntes Terrain. Und doch sieht seine nostalgische Zeitreise in das Paris der 1930er Jahre danach aus, als hätte das Genie hinter „Taxi Driver“ und „Goodfellas“ nie in einem anderen Genre gearbeitet. Scorsese erzählt mit großem Aufwand und Liebe zum Detail eine Geschichte, die sich am Ende doch mehr an die großen als an die kleinen Kinobesucher richtet.

Schon die Eröffnung ist grandios und lässt erahnen, warum Martin Scorsese erstmals in 3D drehen wollte. Eine scheinbar nicht enden wollende Kamerafahrt lenkt unseren Blick vom bekannten Paris-Panorama samt Arc de Triomphe und Eiffelturm in die Hallen des berühmten Pariser Bahnhofes Montparnasse. Dort geht es weiter, vorbei an Zügen, Reisenden und französischem Lokalkolorit. Schließlich findet die Kamera zumindest kurzzeitig einen Ruhepunkt. Hinter der mächtigen Uhr in der Bahnhofshalle schauen uns zwei Augen an. Sie gehören Hugo Cabret (Asa Butterfield), einem Jungen, der hinter den Kulissen und in den Katakomben des Bahnhofes lebt.

Die besten Szenen aus "Hugo Cabret" in unserem CineChannel

Seit dem tragischen Tod seines Vaters (Jude Law) und seines Onkels (Ray Winstone) ist Hugo ganz auf sich alleine gestellt. Um nicht in ein Waisenhaus zu müssen, versteckt er sich in dem Labyrinth aus Gängen und kleinen Zimmern vor den neugierigen Blicken des ordnungsliebenden Bahnhofsvorstehers (Sacha Baron Cohen). Von seinem Vater ist Hugo außer einigen Erinnerungen nur ein seltsamer Apparat geblieben. Das roboterähnliche Gebilde, ein Automoton, scheint eine geheime Botschaft in sich zu tragen. Doch um diese entschlüsseln zu können, muss er den Apparat erst einmal reparieren. Einige dafür notwendige Kleinteile besorgt sich Hugo auf nicht ganz legale Weise beim Spielzeugmacher Georges (Ben Kingsley). Als dieser den Jungen schließlich auf frischer Tat ertappt, droht diesem nicht nur das Waisenhaus. Hugo könnte auch als Dieb enttarnt werden. Glücklicherweise findet er in Georges Enkelin Isabelle (Chloë Grace Moretz) eine begeisterungsfähige Verbündete.

Bildergalerie: "Hugo Cabret"

Paris und speziell der eindrucksvoll nachgebaute Bahnhof Montparnasse sind die perfekte Bühne für eine zunächst nur schwer einzuordnende Geschichte, die als Kinder- und Jugendfilm beginnt, um schließlich doch ganz woanders zu enden. Dabei unternimmt „Hugo Cabret“ gleich zwei Zeitreisen, eine in das Europa zwischen den Weltkriegen, in die Stadt der Lichter und der Liebe, die andere zu den Anfängen des Kinos und der bewegten Bilder. Selbst bei Jean-Pierre Jeunet sah Paris nie französischer aus als nun bei Scorsese, der ganz bewusst Klischees am laufenden Band zitiert und sie wahrhaft opulent bebildert. Es ist der sehnsuchtsvolle, verklärte Blick eines Ausländers auf die Metropole an der Seine, die erst kürzlich auch von Woody Allen als Filmkulisse ausgewählt wurde.

Scorsese verknüpft die besondere Magie des Ortes mit einer ebenso magischen Geschichte. Er lässt uns lange rätseln, wohin die Reise in diesem Abenteuer geht und auch wenn alle Karten schließlich auf dem Tisch liegen, behält der Film ein gewisses Geheimnis. Das ist bemerkenswert und im modernen Kino, das sonst alles bis ins Detail ausformulieren muss, eine angenehme Rarität. Ohne zuviel zu verraten – immerhin ist das selbstständige Entdecken eines der zentralen Elemente des Films – sei der Hinweis erlaubt, dass Hugo einem echten Pionier des Kinos begegnen wird. Damit beginnt eine Erzählung, gewissermaßen ein Film-im-Film, der Scorseses ganzes Herzblut spüren lässt. Plötzlich ahnt man, warum „Hugo Cabret“ den Umweg über den Familienfilm und seine lange, anfangs etwas ungeordnet erscheinende Exposition überhaupt gewählt hat. Anders hätte Scorsese sein 170 Mio. Dollar teures Projekt wohl kaum finanziert bekommen. So vermarktet Paramount den Stoff als klassischen Familienfilm, wobei fraglich sein dürfte, inwieweit Kinder der Handlung folgen können und wollen.

"Hugo Cabret 3D" in den Kölner Kinos

Scorsese gelingt aber nicht nur ein fantasie- und zitatereiches Filmmärchen, er nutzt die inzwischen inflationär gebrauchte 3D-Technik endlich so, dass man sie nicht als überflüssiges oder gar störendes Beiwerk empfindet. Hierfür sorgen neben den hellen, kontrastreichen Bildern auch immer wieder die mitreißenden Kamerafahrten durch den Bahnhof, den wir zusammen mit Hugo wie einen riesigen, labyrinthartigen Abenteuerspielplatz entdecken. Der Dampf der einfahrenden Loks oder das Sonnenlicht, das durch die Fenster der Bahnhofshalle dringt, verleihen den Aufnahmen ihre besondere Textur. Vieles scheint zum Greifen nah, was die Illusion des 3D-Kinos zusätzlich befeuert.

Scorseses Arbeiten waren schon immer ausgesprochen plastisch, visuell und detailverliebt. „Hugo Cabret“ bildet da keine Ausnahme. Auch spielt die Mechanik des Kinos hier eine überaus bedeutsame Rolle. Wie aus Tüfteleien und mühsamer Kleinarbeit letztlich große Träume entstehen, erzählt dieser Film verpackt in eine geradezu unschuldige Abenteuergeschichte. Dabei erleben wir durch Hugos Augen die viel beschriebene Magie des Kinos. Und das ist in diesem Fall einmal durchaus wörtlich zu verstehen.

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Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

 

 

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Für Oscar-Preisträger Scorsese erzählt in "Hugo Cabret" mit großem Aufwand und Liebe zum Detail eine Familiengeschichte, die sich am Ende doch mehr an die großen als an die kleinen Kinobesucher richtet.
http://www.koeln.de/koeln/was_ist_los/kino/hugo_cabret_564892.html
http://www.koeln.de/files/koeln/cabret225.jpg

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