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Film der Woche

Die Vermessung der Welt

Von Marcus Wessel

Ausgerechnet Komödienspezialist Detlev Buck („Rubbeldiekatz“) wagte sich an Daniel Kehlmanns internationalen Bestseller über das Mathematik-Genie Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt – eine angesichts der Popularität des Romans durchaus heikle Aufgabe. Das Ergebnis ist eine charmante Historien-Komödie, die wie schon die Vorlage erfrischend unverkrampft zwei deutschen Ausnahmewissenschaftlern begegnet.

Den Einen zog es raus in die Welt, der Andere blieb meist daheim. Der Eine wuchs wohlbehütet in den höchsten Adelskreisen auf, der Andere war der Sohn einfacher Leute, die nichts als ihre harte Arbeit kannten. Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß waren zweifellos recht unterschiedliche Charaktere mit ganz unterschiedlichen Ansichten, die aus ihrer Erziehung und Sozialisation resultierten. Und doch verband beide Männer der Wunsch, Ordnung in unsere bisweilen unordentliche Welt zu bringen. Gauß, indem er mittels mathematischer Formeln und komplexer geometrischer Abhandlungen die Erde vermaß, von Humboldt, indem er auf seinen Forschungsreisen bis dato unbekannte Pflanzen- und Tierarten erfasste und beschrieb. Als herausragende Persönlichkeiten der deutschen Wissenschaftsgeschichte trafen sie sich erstmals im fortgeschrittenen Alter, als Gauß eher widerwillig eine Einladung von Humboldts zu einem Forscherkongress annahm und nach Berlin reiste.

Die besten Szenen aus Die Vermessung der Welt im CineChannel

Diese Begegnung bildete in Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ den Rahmen für die durchaus ironische Auseinandersetzung mit zwei nationalen Heiligen, deren Werk weltweit Anerkennung und Beachtung fand. In der mit Spannung erwarteten Verfilmung des Welt-Bestsellers treffen Gauß und von Humboldt erstmals in der letzten halben Stunde aufeinander. Bis dahin haben sich beide bereits durch sämtliche Höhen und Tiefen eines Forscherlebens geschlagen. Während der sozial eher schwierige Gauß (Florian David Fitz) an seinen mathematischen Theorien arbeitete, zog es Adelssohn von Humboldt (Albrecht Abraham Schuch) mit seinem Assistenten Aimé Bonpland (Jérémy Kapone) in den südamerikanischen Regenwald, wo er nicht nur auf eine faszinierende Natur sondern auch auf geheimnisvolle Indianerstämme und europäische Missionare traf.

Dass ausgerechnet Komödienspezialist Detlev Buck nun also einen Forscher - und Naturfilm drehte, mag zunächst überraschen. Dabei war der Schöpfer von „Männerpension“ und „Rubbeldiekatz“ eigentlich eine recht nahe liegende Wahl. Wie Kehlmann versteht es der Norddeutsche, mit Ironie und einem mitunter recht spröden, kauzigen Humor Geschichten zu erzählen. Andere Regisseure hätten vermutlich versucht, Gauß und von Humboldt auf ein Podest zu stellen, bei Buck und Kehlmann hat eine solche Art der Heldenverehrung keinen Platz. Ohne jemals die Leistungen der beiden Männer anzuzweifeln, begegnen sie ihnen auf Augenhöhe und auf eine angenehm unverkrampfte Art. Vor allem bei von Humboldt und dessen adeliger Verwandtschaft droht Bucks Ansatz sogar bisweilen, von der Komödie in die Klamotte zu kippen. Rechtzeitig fangen die allesamt großartigen Darsteller (Sunnyi Melles, Michael Maertens) diesen kleinen Misston aber gekonnt wieder auf.

Weil man als Zuschauer auf die erste Begegnung von Gauß und von Humboldt derart lange hinfiebern muss – fast könnte man glauben, Buck halte uns bewusst eine kleine Ewigkeit hin –, können sich durchaus gewisse Längen einschleichen. Immer wieder verschleppt Buck das Tempo, weshalb sein Film nie den erhofften Vorwärtsdrang entwickelt. Von Humboldts rastloser Charakter und sein gewaltiger Tatendrang lassen sich so allenfalls erahnen. Stattdessen karikiert der Film ihn auf eine zugegeben liebevolle Art nur zu gerne als preußischen Spießer und Spielverderber, womit wir wieder bei der Komödie und ihrem Regisseur wären. Ziemlich lieblos handelt dieser indes die schwierige Beziehung zwischen Gauß und dessen Sohn Eugen (David Kross) in den letzten zehn Minuten ab. Ohne Vorkenntnisse lässt sich ihr (Nicht-)Verhältnis nur erahnen und auch sonst fragt man sich, wie es dieses Fragment überhaupt in den fertigen Film schaffen konnte.

Überraschenderweise bietet die Expedition rund um Amazonas und Orinoco nur selten wirklich große Bilder und so erscheint Humboldts Begeisterung für diese seinerzeit noch weitgehend unberührte Welt eher wie eine Behauptung, die man glauben oder auch anzweifeln darf. An diesem Gefühl ändert selbst der von Buck als „Fenster in die Vergangenheit“ eingesetzte 3D-Effekt nichts. Wo bei Werner Herzogs und Klaus Kinskis gemeinsamen Dschungeltrips Wahnsinn und Anarchie wüteten, findet sich hier nur wenig Aufregendes. „Die Vermessung der Welt“ funktioniert somit weder als Abenteuer- oder gar Geschichtsfilm, dafür aber als charmante Komödie mit historischem Personal. Wer darin nicht mehr entdecken möchte, wird nicht enttäuscht.

Die Vermessung der Welt in den Kölner Kinos
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Die besten Szenen aus Die Vermessung der Welt im CineChannel
Die offizielle Homepage zum Film

Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

(Erstellt am 18. Oktober 2012 - 15:25 Uhr; aktualisiert 25. Oktober 2012 - 11:09 Uhr)


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