Film der Woche

Les Misérables

Von Marcus Wessel

Seit seiner Uraufführung im Jahr 1980 hat das Musical „Les Misérables“ nichts von seiner Popularität eingebüßt. Die aufwändige, mit Hollywood-Stars besetzte Kinofassung von „The King’s Speech“-Regisseur Tom Hooper dürfte nun sogar für einen neuerlichen Boom der Elenden und ihrer großartigen Musik sorgen.

Musicals sind zugegeben nicht jedermanns Geschmack. Wenn Menschen unvermittelt in Gesang ausbrechen und dazu exaltierte, einstudierte Gesten vortragen, mag man dies zumindest befremdlich wenn nicht gar absurd finden. Diesen Einwand vorangestellt, macht die Kinoumsetzung des weltweit erfolgreichsten Musicals „Les Misérables“ jedoch einen verdammt guten Job. Dabei profitiert Regisseur Tom Hooper („The King’s Speech“) aber auch von einer erstklassigen Vorlage, die nicht zufällig bereits von über 60 Mio. Zuschauern weltweit gesehen wurde. Denn das, wovon Musical wie Film verpackt in großen Bildern und noch größeren Emotionen erzählen, sind letztlich zeitlose Themen, die uns alle beschäftigen und erreichen. Es geht um soziale Ungerechtigkeiten, um Ausbeutung, unerfüllte Träume und die wahre Liebe.

Bildergalerie: Les Misérables

Ausgangspunkt ist das Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts. Die französische Revolution hat Jahre zuvor zwar den Adel fortgejagt, die Missstände und Ungerechtigkeiten für das einfach Volk haben sich seitdem jedoch keineswegs verbessert. Dafür sind Korruption und Vorteilsnahme der neuen Machthaber allgegenwärtig. In dieser Zeit schuftet der wegen Diebstahls zu mehreren Jahren verurteilte Gefangene Nr. 24601 Jean Valjean (Hugh Jackman) in einem Arbeitslager unter Aufsicht des strengen Polizeiinspektors Javert (Russell Crowe). Als dieser Valjean auf freien Fuß setzt, hofft der auf einen Neuanfang. Doch als ehemaliger Häftling ist es praktisch unmöglich, Arbeit und Unterkunft zu finden. Erst der Bischof von Digne nimmt ihn schließlich bei sich auf. Anstatt dem Kirchenmann zu danken, stiehlt Valjean das wertvolle Silberinventar der Kirche. Er taucht unter und hofft, sich mit dem Verkauf des Silbers eine neue Identität aufzubauen.

Die besten Szenen aus Les Misérables in unserem CineChannel

Damit beginnt der zweite Akt, in dem Valjean nicht nur der verzweifelten Fabrikarbeiterin Fantine (Anne Hathaway) begegnet, sondern ihr auch aus höchster Not hilft und verspricht, sich um ihre uneheliche Tochter Cosette (Isabelle Allen) zu kümmern. Mit Fantines voller Verzweiflung vorgetragenem Solo „I Dreamed a Dream“, das längst zur inoffiziellen Erkennungsmelodie von „Les Misérables“ geworden ist, steuert Hoopers Filmversion auf ihren ersten emotionalen Höhepunkt zu. Es folgen weitere, beinahe zahllose. Überhaupt wird in Musical wie Film praktisch unablässig gelitten, gefleht, unglücklich geliebt oder gestorben, was sich in dieser Anhäufung und verteilt auf gut zweieinhalb Stunden mitunter schon etwas abnutzen kann. Doch dann wechselt Hooper zum nächsten nicht minder beeindruckenden Set, zu einer neuen Choreografie und einem neuen Song, der die Handlung vorantreibt, kommentiert und gleichzeitig wie bei Valjeans „What have I done?“ als eine Art innerer Monolog dient.

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Die gesprochenen Dialogzeilen wurden hingegen auf ein Mindestmaß reduziert. Meist sind es nur einige Worte zwischen zwei Stücken, in denen die Musik kurz stoppt und der Film für wenige Augenblicke einmal durchatmet. Damit bietet „Les Misérables“ Musical-Freunden exakt das, was sie sich von einer Kinoumsetzung vermutlich erwartet haben. Die Qualität der dargebotenen Sangeskünste schwankt hingegen je nach Schauspieler stark. Während Anne Hathaway und Hugh Jackman ihre schwierigen Gesangparts mit Bravour meistern – Jackman ist seit seiner Oscar-Moderation als Multitalent bekannt –, scheint Russell Crowe selbst am besten zu wissen, dass er kein Sänger ist und auch nicht wirklich singen kann. Letzteres macht ihn aber auf eine gewisse Art sehr sympathisch. Amanda Seyfrieds Stimme hat besonders mit den hohen Tönen zu kämpfen, wobei dies dank exzellenter Tontechnik nicht allzu sehr auffällt. Anne Hathaway darf mit Blick auf die Oscars schon mal ihre Dankesrede üben. Sie gilt spätestens seit dem Gewinn des „Golden Globe“ als große Favoritin, was nicht verwundert, bietet ihr Part doch alles, was bei der Academy für gewöhnlich gut ankommt (inklusive Gewichts- und Haarverlust).

Les Misérables in den Kölner Kinos

Ansonsten prahlt der Film nur zu gerne mit seinen Stars und Schauwerten, die wie nicht anders zu erwarten opulent und monumental ausfallen. Beim Aufstand auf den Barrikaden mit der klassenkämpferischen Overtüre „One Day more“ und der anschließenden Schlacht in den schlammigen Strassen von Paris ziehen Hooper und sein Team alle Register. Ein solches bildgewaltiges Spektakel kann am Ende nur eine 60 Mio.-Dollar-Produktion bieten. Auf der Bühne, wo das Erleben der Live-Performance im Vordergrund steht, liegt der Fokus hingegen auf den Stimmen. Egal ob Kino oder Bühne, was bleibt und beide Fassungen verbindet, sind die großartigen Kompositionen von Claude-Michel Schönberg und Alain Boublil. In ihnen steckt die Kraft einer Naturgewalt.

Les Misérables in den Kölner Kinos
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Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.

 

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Film der Woche
Filmkritik: Les Misérables
Seit seiner Uraufführung im Jahr 1980 hat das Musical „Les Misérables“ nichts von seiner Popularität eingebüßt. Die aufwändige, mit Hollywood-Stars besetzte Kinofassung von „The King’s Speech“-Regisseur Tom Hooper dürfte nun sogar für einen neuerlichen Boom der Elenden und ihrer großartigen Musik sorgen.
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