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Film der Woche

Der Geschmack von Rost und Knochen

Von Marcus Wessel

Nur wenige Filme dürften beim Publikum derart intensive Reaktionen hervorrufen wie Jacques Audiards kompromisslose Liebesgeschichte. Zwei verlorene Seelen finden darin nach schweren persönlichen Schicksalsschlägen zueinander. Eine Romanze, die mit allen Regeln von Kitsch und Gefühl bricht.

Ali (Matthias Schoenaerts) und sein kleiner Sohn Sam (Armand Verdure) befinden sich zu Beginn von Jacques Audiards „Der Geschmack von Rost und Knochen“ auf der Flucht – nicht vor der Polizei oder in einem wörtlichen Sinn. Es ist vielmehr die schwierige familiäre Situation, über die wir nicht allzu viel erfahren, die den Vater dazu zwingt, mit nur wenigen Habseligkeiten seine belgische Heimat zu verlassen.

Sein Ziel ist die französische Mittelmeerküste. Dort will er zunächst bei seiner Schwester Anna (Corinne Masiero), die er im übrigen fünf Jahre nicht gesehen oder besucht hat, unterkommen. Er findet rasch einen nicht gerade gut bezahlten Job als Türsteher in einer Diskothek, wo er eines Abends auf die temperamentvolle Stéphanie (Marion Cotillard) aufmerksam wird. Die erste Begegnung der beiden fällt insgesamt wenig erfreulich aus, auch weil Ali ziemlich direkt ist und das sagt, was er denkt.

Was dann folgt, ist ein schrecklicher Unfall, der Stéphanies Leben für immer verändern soll und ein Sprung um einige Monate. Plötzlich klingelt Alis Handy, es ist Stéphanie. Ali hatte ihr damals seine Nummer zugesteckt und zwischenzeitlich nicht mehr damit gerechnet, dass sie sich noch einmal bei ihm melden würde. Als sich beide das zweite Mal begegnen, ist die Welt eine andere. Man verrät nicht zu viel, wenn man die sichtbaren Folgen des Unfalls beschreibt. Stéphanie, die früher so gerne mit Männern flirtete und ihre weiblichen Reize genau einzusetzen wusste, sitzt nun im Rollstuhl. Die Ärzte mussten ihr beide Unterschenkel amputieren. Es ist ein anderer Mensch, auf den Ali nach all dieser Zeit trifft.

Bildergalerie: Der Geschmack von Rost und Knochen

Jacques Audiard erzählt dies und noch viel mehr mit einer bemerkenswerten und kompromisslosen Haltung. So bleibt es nicht bei diesem ersten Schlag in die Magengrube. Wie schon Audiards letzter Film, das für den Oscar nominierte Gangster-Epos „Ein Prophet“, zeichnet auch sein neuestes Werk eine emotionale Achterbahnfahrt aus. Nie kann man als Zuschauer wirklich sicher sein, welche Richtung die Geschichte bereits im nächsten Moment einschlagen wird. Und auch wenn wir uns in einem Liebesfilm befinden – einem ganz und gar untypischen, weit entfernt von Hollywood mitsamt seiner rührseligen Klischees –, scheint das Glück zu keiner Zeit garantiert. 

Ali und Stéphanie verbringen viel Zeit miteinander, haben später sogar regelmäßig Sex und sind doch kein Paar. Vor allem für Ali ist der Gedanke an eine ganz normale Beziehung zunächst weit weg. „Wenn wir weitermachen, dann nicht mehr wie Tiere“ redet Stéphanie in einer der vielen denkwürdigen Schlüsselszenen des Films auf ihn ein. Das sitzt und bleibt nicht ohne Wirkung.

Die besten Szenen aus Der Geschmack von Rost und Knochen im CineChannel

Hier begegnen sich zwei Menschen, die aus verschiedenen Welten stammen, eine unterschiedliche Sozialisation erfahren haben und sich am Ende trotz aller Widrigkeiten füreinander entscheiden. Alis physische Präsenz, seine beeindruckende Körperlichkeit, die in den von ihm besuchten illegalen Strassenkämpfen und im Sex mit Stéphanie zum Ausdruck kommt, trifft auf einen scheinbar zerbrechlichen Menschen, der sich aber schon bald auf seine Art in das Leben zurückkämpft. Dabei fordert der Film für Stéphanie nie Mitleid oder die üblichen Beileidsreflexe ein. Audiard geht es um Empathie, um Respekt und darum den Umgang mit einer solchen Behinderung zu entkrampfen. Wie zum Trotz lässt sich Stéphanie später in großen, schwarzen Lettern „Droite“ und „Gauche“ – also „rechts“ und „links“ – auf ihre Oberschenkel tätowieren. Es ist ihr stummer Schrei nach Normalität und Akzeptanz.

Jeder gute Film muss Wagnisse eingehen. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ tut dies, wobei Audiard auf manche Befindlichkeiten ganz bewusst keine Rücksicht nimmt. Dass er in manchen Augenblicken vielleicht über das Ziel hinausschießt, ist Teil dieses Konzept und sicherlich gewollt. Filmisch bewegt sich Audiard indes auf dem Niveau seines umjubelten Vorgängers. Zur gefühlvollen, atmosphärischen Musik Alexanders Desplats lässt er immer wieder unvergessliche Bilder entstehen. Seien es die in Zeitlupe gefilmten, brutalen und äußerst blutigen Strassenkämpfe oder die eher leisen Momente wie der als Stéphanie an den Ort ihres Unfalls zurückkehrt, Audiard arbeitet nicht mit den Mitteln eines Handwerkers sondern mit denen eines großen Künstlers, der genau weiß, wie er den Zuschauer in seinen Film hineinzieht.

Dazu kommen mit Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts zwei Ausnahmeschauspieler, die ihre Rollen uneitel und zugleich ohne Berührungsängste ausfüllen. Stéphanies stille Verzweiflung und Rebellion bleibt ebenso wie Alis unbeholfener Umgang mit seinem Sohn in Erinnerung. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist ein Rohdiamant von Film, den man trotz aller Anstrengungen tief in sein Herz einschließt.

Der Geschmack von Rost und Knochen in den Kölner Kinos
Der Geschmack von Rost und Knochen in der Originalfassung in den Kölner Kinos
Bildergalerie: Der Geschmack von Rost und Knochen
Die besten Szenen aus Der Geschmack von Rost und Knochen im CineChannel
Die offizielle Homepage zum Film

Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

 

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