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Film der Woche

12 Years a Slave

Quentin Tarantino begeisterte zuletzt mit seiner filmischen Aufarbeitung eines heiklen Themas: der Sklaverei in den Südstaaten während des 19. Jahrhunderts. Obwohl nun auch Multitalent Steve McQueen ("Shame") eine Sklaven-Geschichte erzählt, könnte sein Ansatz kaum unterschiedlicher sein.

"12 Years a Slave" in den Kölner Kinos 
Bildergalerie: 12 Years a Slave
Website zum Film

In "Django Unchained" galten die Gesetze des Genrefilms. Eine klare Logik aus Gewalt und Rache, garniert mit den für Quentin Tarantino typischen Zutaten aus cineastischer Reizüberflutung, anspielungsreichen Dialogen und noch skurrileren Charakteren. Fertig war mal wieder ein neuer Geniestreich. Nicht minder überzeugend fällt nun Steve McQueens Annäherung ein nach wie vor heikles Kapitel der US-Geschichte aus. Die Sklaverei, deren Abschaffung durch die Nordstaaten schließlich zu einem verlustreichen und blutigen Bürgerkrieg führte, ist bislang mit filmischen Mitteln eher brav und zurückhaltend behandelt worden. Ausnahmen wie "Django Unchained" bestätigen nur die Regel.

McQueen hält indes wenig von faulen Kompromissen und Political Correctness. Das hat er sowohl bei seinen gefeierten Kunstinstallationen als auch bei seinen bisherigen Regiearbeiten bewiesen. "Hunger" war die schonungslose Studie eines Mannes, der in der Gefangenschaft seinen Körper rücksichtslos als Waffe einsetzte. "Shame" beobachtete wiederum den sichtbaren Verfall eines sexsüchtigen Großstadthedonisten - ohne in den besonders expliziten Augenblicken plötzlich schamhaft wegzuschauen. Dieser geradlinigen, unangepassten Erzählweise bleibt McQueen auch in "12 Years a Slave" treu, wobei seine neue, bereits als heißer Oscar-Anwärter gehandelte Arbeit sicherlich leichter zugänglich ist.

Bildergalerie: 12 Years a Slave

Erzählt wird darin der wahre Leidensweg eines eigentlich freien Mannes, der von Sklavenhändler in die Gefangenschaft verschleppt wird. Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) ist ein respektiertes Gemeindemitglied, Familienvater und Musiker. Als er von Männern angesprochen wird, die für ihren Zirkus angeblich noch Künstler suchen, schmeichelt ihn das natürlich. Er fasst Vertrauen und willigt ein, mit der Truppe auf Reisen zu gehen. Doch statt in der Manege wacht Solomon in einem Albtraum auf. Er wird in den Süden entführt, verkauft und mit dem Tode bedroht, sollte er jemals erwähnen, dass er bereits ein freier Mann war. Sogar seinen Namen nimmt man ihn. Solomon heißt fortan Platt. Unter diesem Namen arbeitet er in den darauf folgenden Jahren für mehrere Plantagenbesitzer (Benedict Cumberbatch, Michael Fassbender) die sich ihm gegenüber höchst unterschiedlich verhalten.

Steve McQueen mutet seinem Publikum viel zu

Bereits die ersten Szenen sind McQueen pur. Wir sehen Solomon wie er nackt, zusammengekauert mit vielen anderen Sklaven auf einem kargen Holzboden die Nacht verbringen muss. So geht das, tagein tagaus. Eine Frau ergreift plötzlich seine Hand, führt diese an ihre Brust und zwischen ihre Beine. Ihr Interesse ist nicht Sex sondern Nähe. Sie will sich als Mensch fühlen, da treffen sich ihre und Solomons Blicke. Es ist der erste von unzähligen intimen und deshalb so aufwühlenden Momenten, aus denen sich "12 Years a Slave" zusammensetzt. Eine viel diskutierte Auspeitschszene und Solomons fast unerträgliche Todeskampf, als er nur mit den Zehenspitzen das Leben festzuhalten und dem tödlichen Strang zu entkommen scheint, zählen zu den weiteren Schlägen, die McQueen seinem Publikum zumutet. Sein Film tut weh, was gut ist, entgeht er so doch der Falle eines geglätteten Historien(bei)spiels. Solomons Schicksal ist echt und anders als das von Django zu keiner Zeit wie ein Katharsis versprechendes Rachestück inszeniert.

Die Frage, ob und wann Solomon die Flucht gelingt, spielt ebenso wenig eine Rolle, schließlich liefert bereits der Titel die passenden Antworten. In McQueens düsterem, von Schwüle und Südstaaten-Melancholie durchzogenem Zeitgemälde richten sich alle Blicke auf die Hauptfigur. Diese will leben und nicht bloß überleben wie es einmal heißt. In der starken, kompromisslosen Bebilderung dieser Tragödie finden sich aber auch immer Zeichen einer unzerstörbaren Hoffnung. So verweigert sich der Film einer allzu simplen Gut-Böse-Einteilung nach Schwarzen und Weißen. Während Solomons erster "Besitzer" ihn nicht als Sache erkennen will, muss sich der Familienvater später wie ein nutzloses Arbeitsvieh behandeln lassen. Bei dem von McQueens Lieblingsschauspieler Michael Fassbender verkörperten Plantagenbesitzer zählt allein, wieviele Kilo Baumwolle ein Sklave am Tag erntet. Wer darin moderne Systemkritik zu erkennen glaubt, dürfte der Regisseur vermutlich nicht widersprechen.

Kino mit Seele und einer noch größeren Haltung

Mit Chiwetel Ejiofor besitzt "12 Years a Slave" einen weiteren Ausnahmeschauspieler, dessen Klasse sich gerade in den stillen Augenblicken offenbart. Ejiofors Ding sind nicht die großen Gesten oder dramatischen Ausbrüche, er haucht Solomon stattdessen mit wenigen Blicken und einer sehr reduziertem Körpersprache soviel Leben und Gefühl ein, dass es mitunter schwer fällt, als Zuschauer nicht aus Ergriffenheit den Atem anzuhalten. Dann spürt man, dass egal wie viele Preise auf Ejiofor und McQueen in den nächsten Monaten noch zukommen mögen, "12 Years a Slave" für Kino mit Seele und einer noch größeren Haltung steht.

"12 Years a Slave" in den Kölner Kinos 
Bildergalerie: 12 Years a Slave
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Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.

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