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Film der Woche

Die Entführung der U-Bahn Pelham 123

Von Marcus Wessel

Nicht nur im Horror-Fach wird munter drauf los kopiert, reproduziert und neu arrangiert. Dahinter steckt das immergleiche Kalkül: Was bereits einmal funktioniert hat, sollte schließlich auch ein zweites Mal für eine neue Generation von Kinogängern funktionieren.

Die besten Szenen aus "Die Entführung der U-Bahn Pelham 123" in unserem CineChannel

35 Jahre ist es inzwischen her, seitdem sich Walter Matthau und Robert Shaw in Joseph Sargents Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 ein schweißtreibendes Katz-und-Maus-Spiel in und um die New Yorker Metro lieferten. Praktisch in Echtzeit beschrieb der inzwischen längst in den Kanon großer Thriller aufgenommene Post-Katastrophenfilm-Reißer das titelgebende Verbrechen, bei dem die gerissenen Entführer sehr zum Leidwesen der Fahrgäste wahrlich keinen Spaß verstanden.

ADS-Filmer Tony Scott schnappte sich für die mit Spannung erwartete Neuauflage seinen Lieblingsdarsteller Denzel Washington, mit dem er zuletzt den Zeitreise-Thriller Déjà vu abgedreht hatte. Als Washingtons Gegenspieler wurde John Travolta verpflichtet. Mit bösen Typen hat der bekanntlich im Verlauf seiner Filmkarriere schon desöfteren so seine Erfahrungen gemacht.

Die besten Bilder aus "Die Entführung der U-Bahn Pelham 123"

Drehbuchautor Brian Helgeland unternahm glücklicherweise erst gar nicht den Versuch, an der Grundkonstellation des Plots größere Änderungen vorzunehmen. Noch immer spielt sich ein Großteil des Films in der entführten U-Bahn und der Leitstelle der New Yorker Verkehresbetriebe ab. Zwischen beiden Schauplätzen wechselt der Film in seiner Ping-Pong-Dramaturgie fortlaufend hin und her, woraus sich auch in dem auf Hochglanz polierten Remake eine bisweilen klaustrophobische Grundstimmung entwickelt.

Hinzu kommt der Zeit-Faktor, der den Pulsschlag beschleunigt. Travoltas Erpresser ist in seinen Forderungen ähnlich kompromisslos wie seinerzeit Robert Shaw. Nur eine Stunde haben die Behörden Zeit, um - an diesem Punkt macht sich die Inflation doch deutlich bemerkbar - 10 Mio. Dollar Lösegeld aufzutreiben. Jede Minute, die das Geld zu spät eintrifft, wird für die Geiseln andernfalls zu einer Exklusiv-Aufführung in russischem Roulette.

Nicht wenige Vergleiche zwischen Original und Kopie leiden unter fast schon pathologischen Wahrnehmungsstörungen des Rezipienten. Da werden Defizite der Vorlage generös übersehen, während die Neuverfilmung gleichzeitig - und oftmals sogar in ein und demselben Satz - mit geradezu lächerlicher Detailkritik überzogen wird. Das ist weder fair noch zeugt es von gutem Stil. Zu den wenigen Ausfällen in Sargents 74er-Version zählte die Figur des vollkommen verweichlichten, linkischen Bürgermeisters, der höchstens noch als Karikatur gängiger Politiker-Klischees durchging.

Die Szenen mit ihm wirkten wie ein störender Fremdkörper. Zwar bringt auch in der Neuauflage Sopranos-Star James Gandolfini gewisse satirische Qualitäten mit ein (in Erinnerung bleibt der Satz: „I left my Rudy Giuliani suit at home"), im Unterschied zum Original macht Scott hieraus jedoch keine Film-im-Film-Klamotte.

Am Ende lässt Helgeland dann doch die Vorlage links liegen. Der anti-klimatischen Auflösung bei Sargent setzt er einen Hollywood-reifen Showdown zwischen Washington und Travolta entgegen, der insbesondere Erstgenanntem die Möglichkeit schenkt, die eigene Star-Persona genüsslich auszukosten.

Ohnehin ist es Washington, der dem Film seinen Stempel aufdrückt. Dass seinem Saubermann-Charakter von Helgeland allerdings eine überflüssige Bestechungsaffäre angedichtet wurde, gehört zu den eher unglücklichen Drehbuchentscheidungen. Travolta wiederum nimmt man nie wirklich den gerissenen Schurken ab. Da kann dieser auch noch so oft „fuck" in sein Funkgerät brüllen. Sein durchgeknallter Wall-Street-Banker bleibt bis zuletzt mehr eine Karikatur denn eine echte Bedrohung.

Tony Scott, der König des „Style-over-Substance", lässt sich indes von solchen Schönheitsfehlern nicht irritieren. Wie ein Uhrwerk spult er den für ihn so typischen Mix aus verwackelten Handkamera-Shots, Freeze Frames und bildgewaltigen Panoramaaufnahmen ab. Das ist jederzeit hübsch anzusehen, mitunter aber auch ein bisschen langweilig und reaktionär.

Action, USA 2009
Regie: Tony Scott
Darsteller: John Travolta, Denzel Washington, John Turturro
106 Min.
Ab 16 Jahren

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Über den Autor

"Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

(Erstellt am 22. September 2009 - 13:44 Uhr; aktualisiert 23. September 2009 - 15:32 Uhr)


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