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Film der Woche

Das weisse Band

Michael Haneke zählt zweifelsfrei zu den profiliertesten und zugleich umstrittensten Filmemacher der Gegenwart. Filmlehrer und Moralist, Künstler und Kulturpessimist, es gibt viele Etiketten, die auf den 67-jährigen passen und die er sich dank kontroverser Arbeiten wie Funny Games und Caché auch redlich verdient hat. In "Das weisse Band", der in Cannes die „Goldene Palme" erhielt, seziert Haneke wieder einmal die menschliche Natur und kommt dabei dem Ursprung des Bösen auf die Spur. Ein gewaltiges Thema für einen in jeder Hinsicht gewaltigen Film.

Es ist oft so, dass sich das Spektakuläre gerade im Alltäglichen versteckt, dort, wo man es zunächst nicht erwartet oder sucht. Michael Hanekes in Schwarz-Weiss gehaltene Landpartie Das weisse Band eignet sich hervorragend zum Beleg dieser These. Denn die Inhaltsangabe dieser - gemäß Untertitel - „deutschen Kindergeschichte" klingt zugegeben nicht unbedingt nach einem Höhepunkt des Kinojahres 2009. Dass sich dahinter ein cineastisches Monster verbirgt, dessen Zähmung den Zuschauer noch lange nach Filmende beschäftigen wird, darauf mag allenfalls Hanekes Person hindeuten. Und selbst in diesem Fall ist man nicht wirklich vorbereitet auf das, was der Film im Laufe von 145 beängstigenden, aufreibenden, verstörenden Minuten zu erzählen hat.

Haneke führt uns zurück in das Jahr 1913, in ein auf den ersten Blick ganz normales norddeutsches Dorf, in dem jeder jeden kennt und in dem sich Fuchs und Hase allabendlich gute Nacht sagen. Ostern, Weihnachten und das vom Gutsherrn ausgerichtete Erntedankfest markieren die gesellschaftlichen Höhepunkte eines jeden Jahres.

Hier, mitten im Nirgendwo, diktieren die Feldarbeit und die Kirche den Alltag der meist frommen Menschen. Das hektische Großstadtleben kennen viele Einwohner jedenfalls nur vom Hörensagen. Mit der Politik verhält es sich ganz ähnlich. Dabei soll mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand schon in Kürze das erste dunkle Kapitel des 20. Jahrhunderts aufgeschlagen werden.

Nachdem sich der Dorfarzt (Rainer Bock) bei einem Reitunfall schwere Verletzungen zuzieht, machen in dem kleinen Ort wilde Spekulationen die Runde. Irgendwer hatte zuvor eine von weitem kaum sichtbare Schnur zwischen zwei Bäumen gespannt, über die das Pferd des Arztes zu Fall kam. Es soll nicht der einzige seltsame Zwischenfall bleiben. Nur kurze Zeit später kommt die Frau eines Bauern (Branko Samarovski) im örtlichen Sägewerk ums Leben.

Der Witwer macht den Gutsherrn (Ulrich Tukur) für den Tod seiner Frau verantwortlich. Beweise, die seine Anschuldigungen untermauern würden, hat er jedoch keine. Die beiden Vorfälle sind bereits fast vergessen, als das behinderte Kind der Hebamme (Susanne Lothar) von Unbekannten entführt und misshandelt wird. Der oder die Täter, soviel steht für die meisten Dorfbewohner schnell fest, tragen auch die Schuld am Unfall des Arztes und vermutlich sogar am Tod der Bäuerin.

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Der Zeitpunkt, gewissermaßen am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wurde ebenso wie der Ort von Haneke mit Bedacht gewählt. Mit jeder Szene verdichtet er das Portrait dieses kleinen, in Wahrheit alles andere als idyllischen Dorfs zu einer unbehaglichen Symphonie des Bösen. Die Natur des Menschen hat Haneke schon immer interessiert und schon immer nahm der studierte Philosoph ein für unsere Spezies nicht unbedingt schmeichelhafte Position ein, wobei sein Urteil dieses Mal besonders unbarmherzig und düster ausfällt.

Obwohl er die Mittel der Suspense nur sehr dezent einsetzt und auf einen klassischen Spannungsbogen fast gänzlich verzichtet - die Taten finden mit Ausnahme des Reitunfalls allesamt außerhalb unseres Blickfelds statt -, geht von seinem Film nichtsdestoweniger eine irritierende Sogwirkung aus.

Die Frage nach den Hintergründen für die bedrohlichen Ereignisse, die Suche nach dem Täter, steht dabei keineswegs im Mittelpunkt. Es sind vielmehr die stimmigen, präzisen Beobachtungen des Dorflebens und der familiären Gemeinschaft, aus der die Geschichte ihre Intensität bezieht. Mag Haneke die physischen Grausamkeiten auch fast vollständig ausblenden, die im Grunde viel zerstörerische psychische Gewalt ist dafür als diffuses Grundrauschen allgegenwärtig.

Es bereitet einem Unbehagen, die fortwährenden Erniedrigungen und Bestrafungen mitanzusehen. Vor allem eine Szene bleibt in schmerzhafter Erinnerung. Die „Aussprache" zwischen dem verunfallten Arzt und seiner Affäre, die eher einer verbalen Hinrichtung ähnelt, ist an seelischer Grausamkeit kaum mehr zu überbieten. Überdies sie ist jedoch gleichzeitig ein Fanal vollendeter Schauspielkunst.

Nach und nach deckt der Film ein institutionalisiertes, patriarchalisches System der Unterdrückung auf, wo Zucht und Ordnung jedes Gefühl, jede Menschlichkeit, jedes Glück zu ersticken drohen. Hanekes Grundthese, dass Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, in der Empathiefähigkeit durch Gehorsam ersetzt wurde, später einmal zu den schrecklichsten Dingen fähig sind, ist mehr als ein Fingerzeig in Richtung (deutscher) Geschichte.

Es ist zugleich ein schmerzhafter Weckruf gegen das Vergessen und ein beherztes Plädoyer für eine aufgeklärte, humanistische Gesellschaft. Die strenge, stilvolle Schwarz-Weiss-Fotographie wirkt hierbei als Verstärker, die unter ihrer oberflächlichen Eleganz das Grauen wie unter einem Brennglas enttarnt.

Drama/Horror, Deutschland/Frankreich 2009
Regie: Michael Haneke
Darsteller: Ulrich Tukur, Leonie Benesch, Christian Friedel
144 Min.
Ab 12 Jahren

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Über den Autor

"Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

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