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Film der Woche

Chernobyl Diaries

Marcus Wessel

Nichts scheint erschreckender als die Folgen eines atomaren Super-GAUs. Die Idee, am Ort der Atom-Katastrophe von Tschernobyl einen klassischen Horror-Schocker spielen zu lassen, klingt gewiss interessant. Sechs Abendteuertouristen erkunden mit ihrem Tour-Guide die im Jahr 1986 aufgegebene Geisterstadt Pripyat. Schnell stellen sie fest, dass sie nicht alleine sind.

Mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war das Märchen von der vermeintlich sicheren Atomtechnik urplötzlich auf brutalste Weise enttarnt. Bis zu uns waren seinerzeit die Auswirkungen spür- und messbar. Noch heute weisen viele Pilze deutlich überhöhte Belastungen mit Cäsium-137 auf.

Wie folgenschwer muss es dann erst für die Menschen gewesen, die nur wenige Kilometer von der Atomanlage entfernt lebten oder in dieser sogar arbeiteten? Die Stadt Pripyat gibt hierauf die traurige und zugleich erschreckende Antwort. Der Ort, an dem einst die meisten der Tschernobyl-Arbeiter mit ihren Familien wohnten, wurde nach dem Super-GAU kurzerhand aufgegeben und der Natur überlassen. Das, was zurückblieb, eignet sich bestens als Kulisse eines Horrorfilms. Zumindest für Oren Peli, Schöpfer der überaus erfolgreichen „Paranormal Activity“-Reihe, war dies ein naheliegender Gedanke.

Bildergalerie: Chernobyl Diaries

Peli erdachte eine recht vertraut klingende Geschichte um eine Gruppe junger Urlauber, die Europa erkunden und dabei nach etwas Abenteuer und Nervenkitzel suchen. Fündig werden sie – wie sollte es anders sein, hier grüßt ein beliebtes Horrorfilm-Klischee – in Osteuropa, genauer in der Ukraine. Dort lernen Chris (Jesse McCartney) und seine Freunde den geschäftstüchtigen Juri (Dimitri Diatchenko) kennen. Dieser war einst Mitglied einer Eliteeinheit der ukrainischen Armee. Inzwischen ist er Reiseleiter und organisiert für zahlungskräftige, vorzugsweise ausländische Touristen sogenannte „Extremtouren“. Obwohl der Name eigentlich schon Warnung genug sein sollte, lassen sich die vier Freunde zusammen mit einem weiteren Pärchen zu einem Ausflug überreden. Juri nimmt die Gruppe in seinem klapprigen Militär-Jeep mit nach Pripyat, wo sie dem Unglücksreaktor ganz nahe sein können und die beängstigende Stille der Geisterstadt erleben.

Ganz so still ist es dort dann aber doch nicht. Spätestens als sich die alte Klapperkiste weigert, nach zwei Stunden Sperrzonen-Sightseeing wieder anzuspringen, stecken die jungen Urlauber in einem kaum mehr zu kontrollierenden Schlamassel. Als Zuschauer ist man hingegen weit weniger überrascht von der Eskalation des zunächst so harmlosen Abenteuers. Jedes Mal, wenn Juri seiner Kundschaft wieder einmal versicherte, dass alles absolut sicher sei, wird bei uns das flaue Gefühl in der Magengrube nur noch stärker. Man ist beinahe dankbar für manche der recht offensichtlichen Schockmomente, die sich gerade zu Beginn selbst dem wenig Genre-erfahrenen Zuschauer überdeutlich ankündigen. Spannend ist es auch so, zumindest solange man nicht genau weiß, wer oder was sich in den verlassenen Häusern versteckt. Ist das Geheimnis erst einmal gelüftet, nimmt die Suspense merklich ab.

Für Peli, dem es vor allem darum ging, das besondere Ambiente dieses unwirklichen Ortes einzufangen – gedreht wurde in der Umgebung von Budapest und im serbischen Belgrad –, bedeutet der Film Weiterentwicklung und Stillstand zugleich. Zwar löste er sich von der sklavischen Heimvideo-Optik eines „Paranormal Activity“, stilistisch hiervon weit entfernt haben sich Regisseur Brad Parker und er am Ende aber dann doch nicht. So besitzt „Chernobyl Diaries“ ebenfalls einen recht dokumentarischen Touch, was neben den improvisierten Dialogen auf die Kameraführung und den nur sparsamen Musikeinsatz zurückzuführen ist. Dabei sorgt gerade die Stille des Ortes immer wieder für Gänsehaut.

Die Verortung des Horrors in Osteuropa ist kein neues Phänomen. Schon Bram Stokers Dracula stammte aus Transsylvanien. Auf die Spitze wurde dieses Spiel mit diffusen Urängsten und Vorurteilen vom Folterschocker „Hostel“ getrieben. Mit diesem teilt sich „Chernobyl Diaries“ ein ähnliches Bedrohungsszenario, wobei Pelis Films trotz seiner kompakten Laufzeit zum Ende hin mit ernsthaften Konditionsproblemen zu kämpfen hat. Die Hatz durch die meist dunklen Gemäuer mangelt es an Abwechslung und überraschenden Einfällen. An den Erfolg der paranormalen Aktivitäten dürfte die erstaunlich unpolitische Geschichte daher kaum anknüpfen können. Es bleibt bei solider Genrekost.


Bildergalerie: Chernobyl Diaries
"Chernobyl Diaries" in den Kölner Kinos
Die offizielle Homepage zum Film

Über den Autor

Marcus Wessel lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino, wobei er eine strikte Einteilung in Blockbuster und Arthaus ablehnt. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Filme.
http://marcus-filmseite.blogspot.com/

 

(Erstellt am 19. Juni 2012 - 10:35 Uhr; aktualisiert 21. Juni 2012 - 9:06 Uhr)


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