Kölner Professor sieht generelles Problem
Olympia-Talente nur durch Zufall entdeckt
Von Sebastian A. ReichertLONDON/KÖLN. Während 15- und 16-Jährige für andere Nationen Olympia-Gold holen, gilt der 23-jährige Jan-Philipp Glania im deutschen Schwimmteam als Newcomer. Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse erkennt ein generelles Problem.
„Dass Jan-Philipp Glania bei uns als Newcomer gilt, während für andere Nationen 15-Jährige Olympiasieger werden, spiegelt schon eine Tendenz wider“, erklärt Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „In Deutschland entdecken wir Talente nur durch Zufall. Da gehen andere Länder schon deutlich standardisierter und wissenschaftlich fundierter vor.“
Die Konsequenz laut dem früheren Sprinter (Deutscher Vizemeister 1981 über 100 und 200 Meter): „Die Athleten kommen dann im Vergleich zu anderen Ländern bei uns wesentlich später in den Genuss der Betreuung. Zwangsläufig haben wir die Sportler dann später in den Wettkämpfen.“ Für den 23-jährigen Glania sind es in London die ersten Olympischen Spiele. Ye Shiwen wurde 2010 als 14-Jährige Vize-Weltmeisterin. Ein Jahr später holte sie WM-Gold. Glania gibt dagegen in London sein internationales Debüt, bei einer EM oder WM war er zuvor noch nie.
Wobei der Professor auch eingesteht: Nicht alle bei Olympia gezeigten Leistungen seien nur mit Talent und frühem Training ab dem Alter von drei Jahren erklärbar. „Das ist sicherlich noch irgendwas im Köcher gewesen, was wir nicht wissen“, sagt er in Bezug auf Ruta Meilutyte und Ye Shiwen, die beide zuletzt innerhalb weniger Monate ihre Bestzeiten gleich um mehrere Sekunden unterboten hatten.
Laut Froböse ist im chinesischen Schwimmsport eben nicht als Gold, was glänzt. „Dort gibt es eine extremste Auslese. Es findet ohne Rücksicht auf das Individuum eine maximale Ausschöpfung aller körperlichen Merkmale statt.“ Hochachtung hat der Uni-Professor aber vor dem „hervorragenden Sportsystem“ in China. Woran liegt es, dass neben Glania noch nicht so viele deutsche Schwimmer im Aquatics Center überzeugen konnten? „Unsere Athleten müssen teilweise einfach wieder mehr Biss und Hunger kriegen.“
ZUR PERSON: Ingo Froböse (55) ist Professor für Prävention und Rehabilitation an der Sporthochschule in Köln. 1981 war er als Sprinter Deutscher Vizemeister über 100 Meter (Bestzeit:10,40 s) sowie Deutscher Meister über 200 Meter (Bestzeit: 21,08 s). Froböse ist einem breiten Fernsehpublikum durch das ARD-Morgenmagazin bekannt, in dem er in der Rubrik „Sportschlau“ als Experte fungiert.
(Erstellt am 4. August 2012 - 9:20 Uhr; aktualisiert 4. August 2012 - 9:54 Uhr)






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