"Remembering Forward"
Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Kunst australischer Aborigines
Vor 25 Jahren wurden sie noch aus der Kölner Kunstmesse aussortiert: Keine Kunst, so die Experten. Jetzt dürfen sie im Triumph zurück: Das Museum Ludwig zeigt ausgewählte zeitgenössische Arbeiten australischer Aborigines-Künstler. Die Werke der Ureinwohner sind heute anerkannt, auch auf dem Kunstmarkt. Für den Ausstellungsbesucher eine spannungsreiche Begegnung: So nah und doch so fern.
Von Jürgen Schön
Hausherr Kasper König und sein Team wollen die Werke vorrangig unter dem Kunstaspekt zeigen, als eigenständigen, zeitgemäßen künstlerischen Ausdruck. Und so erlebt der Betrachter ein Aha-Erlebnis nach dem anderen. Nicht nur, weil ihn – und solche Vergleiche sind immer ungerecht – viele Bilder an moderne europäische Künstler erinnern, an die Meister der Op-Art etwa, an die Zero-Gruppe oder Vertreter der geometrischen Abstraktion. Zu sehen sind flirrende Linien, buntes Tupfengewimmel, monochrome Formen, kräftige Erdfarben. Großformatige Bilder, die an Landkarten erinnern, mit Pfeilen und Fußabdrücken, Explosionen und Wegegewirr. Ja, es ist hervorragende Malerei. Um die Konzentration auf diese Sichtweise zu verstärken, wird auf jede inhaltliche Erklärung verzichtet.
Doch der Inhalt ist wichtig. Auch wenn die Bilder im Rahmen des modernen Kunstgeschäfts entstanden, so sind sie doch nicht ohne das traditionelle Umfeld denkbar. Die neun Künstler und Künstlerinnen, die als beispiele ausgesucht wurden, stehen als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft, worauf sich auch der Ausstellungstitel „Remembering Forward“ bezieht.
Die Kultur der Aborigines kennt keine Schrift, Traditionen wurde allein mündlich überliefert. Bilder, in den Sand gemalt, spielten eine wichtige rituelle Rolle. Von den weißen Eroberern bis in die jüngste Zeit verfolgt und unterdrückt, konnten sich die Aborigines erst in den letzten Jahrzehnten wieder auf ihre Traditionen besinnen. Jedes Bild bezieht sich auf einen Ort, eine Landschaft von einem bestimmten Ort, von Geschichten, die sich aus den Mythen begründen – wenn man so viel, wieder eine Parallele zur modernen „westlichen“ Kunst, in diesem Falle zur Konzept-Kunst.
Ein einziges figuratives Bild gibt es in dieser Ausstellung. Es erzählt von einem Lynchmord, den weiße Siedler vor über 100 Jahren an den Aborigines verübten. Was hier konkret zu sehen ist, ist aber auch Aufgabe der in unseren Augen abstrakten Bilder: Eben die alten Mythen, Rituale und Traditionen für die Zukunft zu überliefern, statt in Sand oder auf nackter Haut auf Leinwand oder Sperrholz. Für diese Hintergründe gibt es den informativen Katalog, der auch auf die Problematik der Vermarktung dieser Kunst eingeht.
„Remembering Forward – Malerei der australischen Aborigines seit 1960“ – von 20.12.2010 bis 20.3.2011, Museum Ludwig, Di-So 10-18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 10-22 Uhr, Eintritt 10/7 Euro, Katalog 39,90 Euro
Mehr Informationen zum Museum Ludwig
(Erstellt am 18. November 2010 - 13:44 Uhr; aktualisiert 18. November 2010 - 16:41 Uhr)
Schon gelesen?
Vorheriger Artikel: Feuerwehr birgt Auto mit Leiche aus dem Rhein









Kommentar hinzufügen