Trotz fehlendem Stahl
Firmen beschwören Sicherheit der U-Bahn-Baustellen
Von Fabian Radix
Trotz fehlendem Stahl und gefälschten Protokollen seien die Kölner
Baustellen der Nord-Süd-Bahn sicher. Das bekräftigten Vertreter der
beteiligten Baufirmen am Freitagvormittag. koeln.de erklärt, was es mit Bewehrungshaken und Schlitzwandvermessungsprotokollen auf sich hat.
Bildergalerie: Bau der Nord-Süd-Bahn
Nach dem offenbar wenig geglückten Aufklärungsversuch am Mittwoch (koeln.de berichtete) nahm die Arbeitsgemeinschaft der am Bau der neuen Nord-Süd-Bahn beteiligten Bauunternehmen (Arge) am Freitag erneut Anlauf, um die Auswirkungen der an Weiberfastnacht enthüllten Mängel bei der Ausführung der Bauarbeiten zu erklären. Bei einer Pressekonferenz im Maritim Hotel stellten sich die Geschäftsführer Stefan Roth und Dr. Jochen Keysberg den Fragen der Journalisten.
Zwei Vorgänge erregen die Kölner Gemüter und sorgen für Angst bei Anwohnern: Zum einen steht ein Polier der Baufirma Bilfinger Berger unter Verdacht, sogenannte Bewehrungshaken von der Baustelle gestohlen zu haben, anstatt sie wie vorgesehen in den unterirdischen Schlitzwänden zu verbauen. Zum anderen sind bislang 26 offensichtlich gefälschte Schlitzwandvermessungsprotokolle aufgetaucht. Beide Vorgänge bewertet Arge-Geschäftsführer Dr. Jochen Keysberg als "kriminell", aber nicht als sicherheitsgefährdend für die Baustelle am Heumarkt.
Schlitzwände werden in schmalem Spalt gegossen
Ingenieur Stefan Roth, der nach dem Stadtarchiv-Einsturz als neuer Projektleiter eingesetzt wurde, erklärte den genauen Ablauf des U-Bahn-Baus. Demnach werde zunächst mit einem speziellen Bagger an beiden Seiten der Straße eine sehr schmale, etwa 40 Meter tiefe Baugrube ausgehoben. Aus diesem schmalen Spalt solle später eine sogenannte Schlitzwand, also eine Seitenwand der eigentlichen Baugrube - die es zu diesem Zeitpunkt noch garnicht gibt - werden. Zu diesem Zweck werde ein 40 Meter langes Geflecht aus Stahl in die schmale Grube hinuntergelassen und anschließend bis zur Oberkante der Grube Beton in das Loch gekippt. Sobald der Beton getrocknet sei, habe man eine fertige Wand für die spätere Baustelle geschaffen.
Wenn die gegenüberliegene Wand auf die gleiche Weise fertiggestellt sei, könne man das Erdreich zwischen den Wänden ausheben und mit den eigentlichen Bauarbeiten für die Haltestelle beginnen. Die Schlitzwände seien also für die Sicherheit der Baustelle entscheidend, solange der Rohbau der Haltestelle noch nicht abgeschlossen sei. Die eigentlichen Tunnelröhren für die U-Bahn würden von unterirdischen, riesigen Bohrmaschinen durch das Erdreich getrieben und stoßen schließlich auf die Haltestellen.
"Alle Schlitzwände sind gerade"
Der Spezialbagger, der die schmale Baugrube für die Schlitzwand aushebt, muss unbedingt gerade in die Tiefe vorstoßen. Schon bei einer kleinen Schrägstellung sind die Auswirkungen immens: Einmal losgebuddelt, kann der Winkel des Baggers nicht mehr geändert werden - die Wand wird schief. Roth erklärt: "Experten sehen das an den Seilen oben in der Baggerschaufel, die wie ein Lot nach unten fallen. Schrägstellungen würden also bemerkt." Um noch mehr Sicherheit zu haben, werde zusätzlich ein sogenanntes Schlitzwandvermessungsprotokoll geführt. Hierzu vermisst ein Computer die Bewegungen des Baggers und protokolliert diese. Anhand einer daraus generierten Zeichnung kann dann schon vor dem Aushub der Baugrube festgestellt werden, ob die Schlitzwände gerade gebaggert wurden.
Absolute Gewissheit habe die Baufirma erst, wenn zwischen den Schlitzwänden gegraben wird. Roth: "Dann sehen wir ja ob die Wand gerade geworden ist." Eine schiefe Schlitzwand wäre nach Angaben des Ingenieurs allerdings eher ein mit Kosten und Zeitverzug behaftetes Ärgernis für die Baufirma als eine Gefährdung der Sicherheit - denn zu diesem Zeitpunkt gibt es allenfalls den Beginn der eigentlichen Baugrube. "Da der Bagger den Winkel während des Aushubs gar nicht verändern kann, sehen wir also schon nach wenigen Metern, ob die ganze Wand gerade ist oder nicht." Alle Wände an sämtlichen Baustellen im Stadtgebiet seien gerade. Ohnehin seien Schlitzwände nur noch an der Baustelle am Heumarkt relevant, da die anderen Haltestellen nahezu fertig gebaut sind und eigene Betonwände im Erdreich haben.
"Bewehrungshaken" machen ein Prozent des Stahls aus
Das zweite Unwort, was den Kölnern Sorgen bereitet, ist der Bewehrungshaken. Ingenieur Roth erklärt: "Die 40 Meter tiefe Wand wird aus zwei Bauteilen aus jeweils 20 Metern zusammengesetzt, weil man ein 40 Meter Bauteil nicht durchs Wohngebiet transportieren kann". Diese Bauteile seien ein Geflecht aus Stahl, die so ineinandergesteckt werden, dass sie überlappen. Zusätzlich würden noch Bewehrungshaken in das Geflecht gesteckt, die die Sicherheit erhöhen sollen.
Diese wurden jedoch nur unzureichend eingebaut. Gegen einen Polier der Baustelle ermittelt die Staatsanwaltschaft und verdächtigt ihn, nur wenige Bewehrungshaken eingesetzt zu haben - den Rest hat er womöglich verkauft. Der Wert des geklauten Materials liege etwa bei 1.500 Euro.
Doch auch wenn, wie die Arge berechnete, 83% dieser Bewehrungshaken fehlen, so sei dies nicht gravierend. Bereits bei der Informationsveranstaltung am Mittwoch (koeln.de berichtete) hatte Keysberg vorgerechnet, dass der gestohlene Stahl nur einen Bruchteil der Gesamtmenge ausmache. Der Bewehrungshaken sei ein Prozent des Stahlanteils einer Schlitzwand. Keysberg: "Nicht eingebaut wurden 83 Prozent von einem Prozent, es fehlen also 0,83 Prozent des Stahls."
"Flutung am Heumarkt erhöht die Sicherheit"
Auch das stetig steigende Rhein-Hochwasser bereite den Ingenieuren wenig Sorgen. Stefan Roth erklärt: "Eine Flutung erhöht die Sicherheit der Baustelle, weil der Druck von den Seiten reduziert wird." Dies sei bei Baustellen in Gebieten mit hohem Grundwasserspiegel durchaus gängige Praxis. Geflutet würde nach Angaben Roths nur der untere Teil der Baugrube am Heumarkt bis zu einer Zwischendecke. Auch würden die Bauarbeiten ganz normal weitergehen, da nur der bereits fertiggestellte Teil der Baustelle geflutet würde.
In den vergangenen Tagen hatten die Baufirmen vier Schotts in die aus der Haltestelle herausführenden Tunnel eingebaut, damit das Wasser nicht durch die U-Bahn-Röhren wieder aus der Haltestelle läuft. Wie Stadt Köln und KVB am Freitag bekanntgaben, solle mit der Flutung am Samstag begonnen werden (koeln.de berichtete).
(Erstellt am 26. Februar 2010 - 14:27 Uhr; aktualisiert 26. Februar 2010 - 20:22 Uhr)
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