Erfolgsautor liest aus Ruhm
Daniel Kehlmann eröffnet lit.COLOGNE
"Woher nehmen Sie Ihre Ideen?", lautete die erste Frage an einen der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren. Noch bevor Daniel Kehlmann antworten konnte, lachten die meisten der rund 500 Zuschauer im Theater am Tanzbrunnen. "In der Badewanne natürlich."Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Saal am Donnerstagabend, als Kehlmann die Bühne betrat, um aus seinem neuen Roman "Ruhm - ein Roman in neun Geschichten" vorzulesen. Gerade einmal 34 Jahre alt ist der in Berlin und Wien lebende Schriftsteller. Sein 2005 erschienenes Werk "Die Vermessung der Welt" - eine Geschichte über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Weltentdecker Alexander von Humboldt - wurde mit Preisen und Lob überhäuft. Seitdem wird Kehlmann wie eine Lichtgestalt von Kritikern und Befürwortern durch den Literaturbetrieb getrieben. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an das Nachfolgewerk "Ruhm".
"Antwort an die Äbtissin" ist die erste Geschichte, die Kehlmann an diesem Abend aus seinem Roman vorträgt. Erzählt wird die Geschichte des lateinamerikanischen Erfolgsautors Miguel Auristos Blancos, der seinen Leser mit esoterischen Parolen einen Sinn im Leben zu geben versteht und auf die Frage eines Äbtissin, warum es Leid, Einsamkeit und Gottesferne gebe und die Welt dennoch auf's Beste eingerichtet sei, aus dem Tritt gerät. In einer einzigen Nacht revidiert er am Rechner seine Ansichten und steht schließlich mit dem Pistolenlauf im Mund vor der Frage, ob er die Nachwelt daran teilhaben lassen soll - indem er jetzt abdrückt. Hier endet die Geschichte.
Ob es für Miguel Auristos Blancos ein reales Vorbild gebe, wollte im anschließenden Gespräch Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch von Kehlmann wissen. Ja, aber der Mann habe gute Anwälte, weshalb er den Namen lieber nicht nennen wollte, entgegnete der 34-Jährige lachend. Kehlmann weiß zu unterhalten. Sein leichter Wiener Schmäh und seine Fähigkeit zur Selbstironie nehmen das Publikum gefangen. Schnell wird klar: Dort oben in dem Ledersessel sitzt niemand, dem sein Ruhm zu Kopf gestiegen ist. Über Kehlmann selbst erfährt man an dem Abend wenig. Sein Vater war Regisseur, sein Großvater hat zwei expressionistische Romane geschrieben, die allerdings schnell in Vergessenheit geraten sind. Generationen übergreifend ist jedoch das Interesse der Kehlmanns für Technik. Und so zieht Lörisch auch gleich Parallelen zu Johann Wolfgang von Goethe und Thomas Mann - ein Vergleich, über den "man durchaus reden könne", wie Kehlmann geschmeichelt, was er offen zugibt, kommentiert.
Die Tücke der Technik ist das übergreifende Thema seines Romans "Ruhm". Die Abhängigkeit des Menschen von modernen Kommunikationsmitteln und seine Folgen interessieren Kehlmann. So handelt auch seine zweite Lesung an diesem Abend von einem Internetbenutzer, der in Foren großmäulig agiert und in Wahrheit ein armseliges Leben führt. Als er auf einem Kongress sein Vorbild Leo Richter trifft, von dem er weiß, dass dieser gerne reale Personen in seine Handlungen aufnimmmt, unternimmmt er alles, um die nächste Romanfigur zu werden - und scheitert.
Leo Richter ist das Alter Ego von Daniel Kehlmann. Die Figur tritt gleich in mehreren der neun Kurzgeschichten des Romans auf, die alle kunstvoll miteinander verwebt sind. Diesem Leo Richter wird immer wieder die gleiche Frage gestellt. Es ärgert ihn und er revanchiert sich mit der immer gleichen Antwort. "Woher nehmen Sie ihre Ideen?". In der Badewanne natürlich. Eine Pointe, die sich inzwischen verselbständigt hat, wie die Reaktionen in Köln zeigten. (sp)
(Erstellt am 14. März 2009 - 22:50 Uhr; aktualisiert 14. März 2009 - 23:03 Uhr)
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