Umstrittene Premiere
"Wildschütz" zu frech für Kölner Operngänger?
Von EDGAR FRANZMANN
Mit seiner komischen Oper "Wildschütz" (1842) zielte Albert Lortzing gegen Moral und Doppelmoral seiner Zeit. 168 Jahre später kam das Werk in Köln mal wieder auf den Spielplan. Die Premierenbesucher reagierten verstört bis begeistert. Hat der aktualisierte "Wildschütz" daneben oder vielleicht zu gut getroffen?
Der Autor dieser Kritik ist voreingenommen. Er hat als 10-jähriger in Krefeld und Mönchengladbach selbst im "Wildschütz" auf der Bühne gestanden, als jüngstes Mitglied des Kinderchors im letzten Akt. "O du, der du die Tugend selber bist" sangen wir den Grafen an, der sich zuvor als alles andere als ein Tugendbold erwiesen hatte.
Ich war hingerissen von der Musik und bin es heute noch. Und ich war hingerissen von den Sängerinnen, die mich Knirps an ihren Busen drückten. Die Gräfin wollte mir sogar noch erklären, was das "ius primae noctis" war, das Recht des Herren, bei der Heirat von Personen, die seiner Herrschaft unterstehen, die erste Nacht mit der Braut verbringen zu dürfen. Damals habe ich diese extreme Form von Gewalt und Vergewaltigung nicht verstanden. Die Aufführung in Krefeld und Mönchengladbach war so heiter und altertümlich, sie blieb wohlgefällig an der Oberfläche - und allen gefiel es.
Später wurde mir der Kern des Stückes klar: Alles ist käuflich, sogar die Liebe. Und wer nicht nur Geld hat, sondern Macht, der kann sich alles nehmen, auch ohne zu bezahlen.
Lortzing demonstriert das am Beispiel des Schulmeisters Baculus, der bereits ist, seine Braut für 5000 Taler an den Baron zu verschachern und selbst zum Kapitalisten zu werden. Und der Graf nutzt derweil wohlgelaunt sein "ius primae noctis".
Nigel Lowery gelingt es in seiner Inszenierung, den Kern des Stückes zu visualisieren. Wer sind heute die Allmächtigen? Graf und Baron können es ja wohl nicht mehr sein. Also erscheinen Bilder totalitärer Diktaturen, das Fernsehen bekommt seine Rolle, Formel-1-Stars und Rocksänger werden angehimmelt wie einst die mächtigen Fürsten. Und am Ende regiert das Geld die Welt. Alles ist käuflich.
Eindrucksvoll, wie der Graf in der Rolle eines vergötterten Rockstars mit seinen Groupies das "ius primae noctis" wahrnimmt, dezent, nicht sichtbar im Hintergrund, und doch wird überdeutlich, dass es sich um eine Vergewaltigung handelt.
Die Aufführung hat weitere starke Szenen, ist durchgehend unterhaltsam und durchaus nicht vordergründig belehrend. Aber sie erlaubt es dem Publikum auch nicht, sich alleine den schönen Melodien hinzugeben. Das gefällt nicht jedem. Schon zur Pause verlässt ein Drittel des Publikums die Oper, nach der Aufführung bekommen die Sänger und das Gürzenich-Orchester verdienten Beifall, beim Auftritt des Regisseurs überwiegen die Buh-Rufe die vereinzelten "Bravos".
Das Stück ist eine Produktion der Staatsoper Stuttgart aus dem Jahre 2005.Die Neue Zürcher Zeitung schrieb von einem „virtuosen Balanceakt zwischen den Ebenen schierer Spiellust und politischen Hintersinns“ und die Süddeutsche Zeitung vermerkte begeistert: „Vielleicht muss man, wie der in London geborene Nigel Lowery, aus der sprichwörtlichen Heimat des schwarzen Humors stammen, um das satirische Moment von Lortzings Opern mit frischer Fantasie zur Geltung bringen zu können.“
Stückbrief:
Der Wildschütz oder die Stimme der Natur,
Komische Oper in drei Akten,
Text vom Komponisten nach dem Lustspiel "Der Rehbock oder Die schuldlos Schuldbewussten" von August Friedrich Ferdinand von Kotzebue
Musikalische Leitung: Enrico Dovico, Inszenierung und Bühne: Nigel Lowery, Szenische Einstudierung: Michaela Dicu, Kostüme: David König, Licht: Lothar Baumgarte, Chor: Irina Benkowski,
Besetung: Graf von Eberbach: Milenko Turk, Die Gräfin: Viola Zimmermann, Baron Kronthal: Hauke Möller, Baronin Freimann: Katharina Leyhe, Nenette: Hanna Larissa Naujoks, Baculus: Wilfied Staber, Gretchen: Claudia Rohrbach, Pankratius: Jochen Langner, Ein Gast: Nam_uk Baik;
Gürzenich-Orchester Köln, Chor der Oper Köln, Mädchen und Knaben der Vhöre am Kölner Fom, Einstudierung: Eberhard Metternich, Oliver Sperling; Statisterie der Bühnen Köln.
( Weitere Termine: 12./26. Februar - Rundfunkausstrahlungen am 7. 2. um 19.05 Uhr in Deutschlandradio Kultur und am 15.2. um 20.05 Uhr auf WDR 3)
(Erstellt am 25. Januar 2009 - 14:05 Uhr; aktualisiert 29. Januar 2009 - 23:27 Uhr)
Schon gelesen?
Vorheriger Artikel: Offenbachplatz: Stadt stellt Konzept vor









Kommentar hinzufügen