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Tatort-Kommissar liest

Von Spechts Geheimnissen und kotzenden Albatrossen

Mehr als 50 Jahre fuhr Kapitän Hans Peter Jürgens zur See, erstmals als 15-jähriger Schiffsjunge. Vom Beginn seines Lebens auf dem Meer, von der Weite des Ozeans, von Gefahr und Abenteuer las Axel Prahl aus dem Buch "Sturmkap", das die Geschichte des Seebären erzählt. Passend zum Thema fand die Lit.COLOGNE-Lesung am Donnerstagabend auf der MS Rheinenergie statt.

Von Helmut Löwe

Hans Peter Jürgens kann im wahrsten Sinne des Wortes auf ein bewegtes Leben zurückblicken: Der Kapitän aus Cuxhafen verbrachte mehr als 50 Jahre auf hoher See, wo er auf den Schiffen, auf denen er anheuerte, durch die raue Dünnung rollte und von Orkanböen hin-und hergeschleudert wurde. Seine Karriere als Seebär begann 1939, als er als 15-jähriger Schiffsjunge auf dem Großsegler "Priwall" anheuerte und zu einer Reise aufbrach, die ihn erst nach sieben Jahren wieder zurück in die Heimat kehren ließ.

Die Geschichte dieser siebenjährigen Reise hat Autor Stefan Krücken im Buch "Sturmkap" niedergeschrieben, aus dem der als Tatort-Kommissar Frank Thiel bekannte Schauspieler Axel Prahl am Donnerstagabend stimmungsvoll las. Passenderweise auf der MS Rheinenergie, die auf dem Rhein zwischen Rodenkirchen und dem Rheinpark kreuzte.

Ein Legende zur See

Schon zur Zeit, als Jürgens auf der 98 Meter langen und gut 14 Meter breiten Viermastbark anheuerte, war die"Priwall" unter Seefahrern eine Legende. Und das ist sie für diese auch heute noch, selbst wenn das Schiff 1945 bei einem Brand in Chile zerstört wurde. Denn die "Priwall" war das letzte Handelssegelschiff, das die gefährliche Passage um Kap Hoorn von Ost nach West im Winter 1939 umsegelte. Doch von all dem Legendentum spürte Jürgens auf seiner ersten Reise nur wenig - der Schiffsalltag war alles andere als legendär.

Zu essen gab es für die 70 Mann starke Besatzung wenig und oft Ungenießbares: Auf dem Speisenplan standen unter anderem Hülsenfrüchte, Pökelfleisch oder getrocknete Kartoffeln, die den Magen mehr schlecht als recht füllten. Zu trinken gab es dünne Plörre, die als Kaffee durchging, von den Matrosen aber aufgrund ihrer undefinierbaren Herkunft schlicht Spechts Geheimnis genannt wurde. Frisches kam lediglich auf den Tisch, wenn fliegende Fische von Deck gesammelt wurden oder ein Delfin oder Hai erfolgreich auf den Köder ging.

Leichennetze retten Leben 

Die Arbeit war anstrengend und gefährlich: wie oft standen Jürgens und seine Kollegen vor einem Absturz von den 56 Meter hohen Masten, wie oft retteten sogenannte "Leichennetze" von Orkanwellen weggerissenen Matrosen davor, über Bord gespült zu werden und jämmerlich zu ertrinken. Doch zwischen all der Pein und Mühe brachten der weite Blick übers endlose Blau des Ozeans oder das vollkommen stille Dahingleiten des Seglers durchs Meer Jürgens ein ums andere Mal Momente der Zufriedenheit, des Glücks, ja sogar der Ehrfurcht. Und manchmal gab's sogar Grund zu Lachen: Ein auf dem Schiff umhertorkelnder Albatross, dem vor lauter Schaukeln übel wird und der quer übers Deck kotzt, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Die Szenerien zwischen Glück und Leid, zwischen mühevollem Arbeitsalltag und entspannter Erholung, zwischen größter Gefahr und fröhlicher Heiterkeit verpackte Prahl gekonnt in gesprochenes Wort. Der 49-Jährige ließ die Erinnerungen Kapitän Jürgens' spannend und authentisch aufleben, das junge Seebärenleben nach über 70 Jahren erneut real werden. Als Zuhörer konnte man sich selbst beinahe auf dem Deck der "Priwall" wiederfinden, das Salz der meterhohen Gischt schmecken.

In der Lesung machte sich die Meer-Erfahrung Prahls bezahlt: Geboren im schleswig-holsteinischen Eutin verbrachte er seine Jugend in der Hafenstadt Neustadt, sein Stiefvater war Obermaat auf einem Marine-U-Boot. Da ist es kein Wunder, dass sich der Schauspieler Prahl und der Seebär Jürgens bestens vertehen.

(Erstellt am 12. März 2010 - 12:46 Uhr; aktualisiert 12. März 2010 - 18:12 Uhr)


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