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Premiere in der Halle Kalk

Viel Beifall für Kleists „Erdbeben in Chili“

Riesig und kahl ist die Bühne. Darauf drei Schauspieler: Gekleidet wie weiße Sportfechter sezieren sie Heinrich von Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chili“. Grob gesagt eine szenische Lesung mit ständig wechselnden Rollen, unterstützt von Musik. Das aber mit einer Intensität, die dem Publikum höchste Konzentration abverlangt. Es dankte in der Halle Kalk nach gut 100 Minuten auch dem Regisseur mit langem, begeistertem Premierenapplaus.

Von Jürgen Schön

Die Natur ist grausam. Beim Erdbeben von Santiago de Chile stirbt 1647 ein Drittel der Bevölkerung. Josephe und Jeronimo rettet es vor dem Tod: Sie sollte gerade enthauptet werden, er bereitete gerade im Gefängnis seinen Selbstmord vor. Die beiden hatten sich – welche Entweihung – ausgerechnet in einem Kloster geliebt und ein Kind gezeugt. Von der barmherzigen Natur verschont, wagen sie sich einen Tag nach ihrer Rettung in einen Dankgottesdienst.

Und geraten hier in die Unbarmherzigkeit der Menschen. Ein Dominikanermönch erklärt sie zu den Schuldigen des Erdbeben, mit denen Gott die sündigen Menschen bestraft hat. Das Liebespaar wird von der fanatisierten Menge erschlagen, dazu eine Freundin und – vermeintlich – auch ihr Kind Juan. Das aber ist tatsächlich Philippe, Sohn des aufgeklärten Don Fernando, der nun Juan als sein eigenes Kind aufnimmt.

Diese Geschichte erzählt Kleist wie eine erbauliche Kalendergeschichte. In einem sachlichen Kanzleistil, mit genauen Detailbeobachtungen. Genauso schlicht tragen auch Marie Rosa Tietjen, Jan-Peter Kampwirth und Philipp Gehmacher den Text vor. Verzichten auf dramatische Effekte, vertrauen eher auf dezente, Gefühle andeutende Modulation. Sie setzen lange Pausen, geben so dem Text Gelegenheit, sich zu entfalten, und den zuschauenden Zuhörern, den oft verwickelten Kleist‘schen Sätzen zu folgen.

Dabei bewegen sie sich unter der Regie von Laurent Chétouane äußerst diszipliniert über die leergeräumte Bühne in einer fast sakralen Choreografie mit sparsamen Gesten und Gebärden. Das allerdings schrammt manchmal hart an der Grenzen des Kitschig-Banalen, wenn Textpassagen und Worte wie Baum oder schützende Gewölbe „illustriert“ werden. Unverständlich allerdings bleiben die Regeln, nach denen sich das vollzieht.

Das aber passt zu den unscharfen Bildern, die im Hintergrund über eine Leinwand flimmern. Dort erscheint nur einmal ein klares Bild, als sich die beiden in Sicherheit wiegen: Eine idyllische Landschaft mit dem Regenbogen der Hoffnung – ein Trugbild, wie sich herausstellt. Ein Wirbel aus bunten Kirchenfenstern erscheint, als die Massen, von einem eifernden Dominikanermönch aufgehetzt, zur christlichen Lynchjustiz schreitet: Es braucht ein Opfer, um Gott mit den sündigen Menschen zu versöhnen.

Das nun wieder sind einfach, aber eindrückliche Bilder. Wie die ausgesägten Kulissenteile: Sie werden auf die Bühne getragen, um die schutzversprechende Kirche aufzubauen – und bald schon wieder umgestoßen. Schicksal und Vernunft, religiöser Wahn und Aufklärung, Natur und Zivilisation, Idylle und Chaos, Hilfsbereitschaft und Mordlust, Moral und Verrohung, Recht und Menschlichkeit, Worte und Wirklichkeit – hier prallt alles schier unversöhnlich aufeinander. Nur am Schluss blitzt Hoffnung auf. „Wenn Don Fernando Philippen (seinen erschlagenen Sohn) mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war ihm fast, als müsste er sich freuen“. So der Schlusssatz von Kleist.

In der Halle Kalk geht das Licht aus und nach einem kurzen Moment bricht der verdiente Beifall auf. Auch für den Gitarristen Leo Schmidthals, der die musikalischen Akzente setzt – ohrenbetäubend laut und romantisch leise.

„Das Erdbeben in Chili“ – weitere Termine: 30. und 31.1., 1.2., 4.2., 6. und 7.2., 9. bis 11.2., 22. bis 24.2., jeweils 19.30 Uhr, Halle Kalk, Neuerburgstraße, Köln-Kalk. Karten: in unserem KölnTicket-Shop oder im Kartenservice im Opernhaus, Offenbachplatz, 50677 Köln, Mo-Fr 10-18.30 Uhr, Sa 11-18.30 Uhr, Tel. 0221 / 22 12 84 00, tickets@buehnenkoeln.de, www.schauspielkoeln.de


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