Uraufführung im Freien Werkstatt-Theater
Orlandos Leben als begeisternde One-Woman-Show
36 Jahre alt ist der englische Edelmann Orlando geworden – und hat in dieser Zeit 350 Jahre durchlebt. Nicht genug der Wunder: Mittendrin ist er auch noch zur Frau geworden. Der phantastische Roman „Orlando“ von Virginia Woolf reizt immer wieder Theater- und Filmemacher zur dramatischen Umsetzung. Die Kölner Schauspielerin Barbara Kratz machte daraus jetzt für das Freie Werkstatt-Theater eine begeisternde Ein-Frau-Show.
Von Jürgen Schön
Auf der Bühne steht ein Paravent aus silbergrauem Metall. Er wird zur zentralen Wundertüte, zur Welt des Orlando. Ausgeklappt ist er sein Landsitz, er wird zum Auto, zum Kino, er ist London und Konstantinopel, über ihm geht der Mond auf und die Sterne funkeln. Ein kleines Meisterwerk der Variabilität und Phantasie mit einfachsten Mitteln, das Franz Joseph Völlmecke da gebaut hat.
Von dieser Trutzburg aus beobachtet Kratz die Welt. Hierin verschwindet sie, wenn sie sich in die vielen Zeitzeugen verwandelt, die vom Leben Orlandos und seinem Traum, Schriftsteller zu werden, berichten können. Ganz in Schwarz ist sie Elisabeth I., die dem jungen Mann die Liebe beibringt und ihn dann verstößt. Sie ist die Haushälterin mit steifer Haube und leicht schwäbischem Zungenschlag, mal jung, mal alt. Ob als russische Prinzessin, versoffener Dichter, kapriziöser Seemann oder verarmter Zigeuner: Die Schauspielerin gibt jeder Rolle einen eigenen Charakter mit individueller Stimme, Gestik, Bewegung, Mimik. Und natürlich mit phantasievollen Kostümen (Hedi Kratz und Christiane von Gizycki).
Frauenhassender Dichter als Zwerg
Der Roman „Orlando“ – geschrieben 1928 – wird oft gedeutet als Spiel mit den Geschlechterrollen, speziell auch als Auseinandersetzung mit der Bewertung der Frau als Schriftstellerin in der Literaturwelt. Ein Aspekt, der auch hier nicht zu kurz kommt. Köstlich auf die Spitze getrieben, wenn die Schauspielerin den frauenhassenden Dichter Alexander Pope als Zwerg auf die Bühne bringt und ihn Sprüche sagen lässt wie „Frauen sind nichts anderes als Kinder von größerem Wuchs“.
Dieser „Orlando“ ist zumindest vor der Pause ein wunderbarer, appetitlich servierter Theaterabend. Danach lässt er ein klein wenig nach. Die Zeitzeugen nicht als Person auf der Bühne, sondern „zeitgemäß“ in Film und Radio-Interview nehmen der Inszenierung (Regie: Diana Anders) etwas den Schwung. Trotzdem: Den langen Premierenbeifall gab es zu Recht.
„Orlando“ – weitere Termine: 23., 26., 28.10., 2. bis 5.11., Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, www.fwt-koeln.de, Karten: Tel. 02 21 / 32 78 17, E-Mail: fwt-koeln@t-online.de
(Erstellt am 23. Oktober 2011 - 13:13 Uhr; aktualisiert 14. November 2011 - 15:50 Uhr)
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