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Premiere im Bauturm

Ismene bleibt in Anspruch und Technik stecken

Was zählt mehr: Widerstand und moralische Prinzipientreue bis zum Tod oder Anpassung und Überleben? Darum geht es im „Ismene-Komplex – Psychose 2011“, der überaus anspruchsvollen und höchst aktuellen Interpretation des antiken Sophokles-Klassikers von Hiltrud Kissel. >Doch bleibt sie in den Tücken der Technik stecken und kann den eigenen Ansprüchen nicht genügen.

Von Jürgen Schön

Zwei Brüder haben sich im Kampf um die Herrschaft über Theben gegenseitig erschlagen. Der eine erhält ein Staatsbegräbnis, der andere soll unbegabten bleiben. Wer dagegen verstößt, wird gesteinigt, so König Kren. Antiken lässt sich davon nicht abschrecken und begräbt ihren Bruder. Ihre Schwester Ismene dagegen plädiert für Gesetzestreue.

Wo beginnt Widerstand, wann wird er zum Heldentum, wann zum blinden, sich selbst erhöhenden Märtyrertum? Wann wird aus Zurückhaltung Anpassung oder gar Mitläufertum? Wie kann ein Einzelgänger die Massen auf seine Seite bringen? Wie sind Freiheit, Angst, Kos und Hass auf eine Reihe zu bringen, wie Vernunft und Gefühl? Kissel spielt die Möglichkeiten durch und greift dafür tief in die Zitatenkiste, ohne eine eindeutige Antwort geben zu wollen. Anspielungen auf aktuelles Tagesgeschehen („Pofalla geht‘s nicht“) sorgten zwar für Lacher, verpufften aber.

Publikum per Facebook mitten im Geschehen

Ein neuer Bühnentrend, um einen Klassiker zu modernisieren, scheint zu sein, das Publikum über eine Livekamera ins Geschehen „einzubeziehen“. Zwingend nötig ist das nicht. Per Facebook – eine Hommage an dessen Bedeutung bei den „arabischen Revolutionen“ – kann das Publikum, so die Konzeption, in die Aufführung eingreifen. Kann seine Meinung zum Geschehen abgeben, die dann im Theaterstück aufgegriffen werden soll. Doch klappte zumindest bei der Premiere diese Technik nicht.

Und auch das Publikum reagierte nicht zündend auf „Gesprächsangebote“ von der Bühne Auch einige wenige Zwischenrufe der Zuschauer – durchaus erwünscht – wurden nur zögerlich aufgegriffen. So blieb das Stück am Ende nicht „ergebnisoffen“, sondern eher verschwommen. Man scheint noch wenig Vertrauen in die eigene Kraft der Improvisation gehabt zu haben. Doch das kann sich ja noch einspielen.

Lob für die Akteure aus der Bühne

Bleibt die Leistung der drei Schauspielerinnen zu loben, die immer wieder Gelegenheit haben, sich auszuzeichnen. Allein schon mit seiner massiven Körperpräsenz beherrscht Till Brinkmann die Bühne, Gold auf der Glatze und ein goldener Kragen machen ihn zum König. Meisterhaft gelingt es ihm, sich die Argumente zum Machterhalt, für Recht und Ordnung zurechtzubiegen. Und wenn die Worte versagen, packt er sich Antigone wie eine Puppe.

Die wird mit oft grotesker Körpersprache gespielt von der zierlichen Regina Welz, die manchmal nicht weiß, wie ihr geschieht. Dann wirkt sie wie ein kleines, staunendes Kind – um gleich darauf energisch ihren Widerstand zu bekunden. Unentschlossen zwischen Anpassung und Unterstützung der Schwester schwankend Ana Bolena Ramirez als Ismene: Eine Freiheitskämpferin, die von Freiheit und Liebe träumt, aber nicht auf ihre Kraft vertraut.

„Der Ismene-Komplex – Psychose 2011“ – weitere Termine: 19.-21.1., 26.-28.1., 2.-4.2., jeweils 20 Uhr, Theater im Bauturm, Aachener Str. 24-26, 50674 Köln, www.theater-im-bauturm.de, Karten: Tel. 0221 / 52 42 42


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