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"König Lear"

Nackte Tatsachen im Schauspielhaus Köln

Zerstörend, verwirrend, provokant: Mit der Inszenierung des Shakespeare-Klassikers "König Lear" gelingt Intendantin Karin Beier ein erfrischend modernes und authentische Theaterstück - das nicht bei allen auf Gegenliebe stößt.

von Julia Schmitz

Am Ende gleicht die Bühne im wahrsten Sinne des Wortes einem Schlachtfeld: Der Boden mit Lehmziegeln, Schlamm, Wasser und Farbe bedeckt, die Frisuren der Schauspieler zerzaust, die Kleidung zerfetzt, der Blick irr. Es ist nicht immer leicht verdaulich, was Karin Beier aus der Tragödie des großen englischen Barden herausholt. 

Doch das liegt in erster Linie am Inhalt des Stückes: König Lear, ergrauter Monarch, möchte abdanken und sein Reich unter den drei Töchtern Cordelia, Goneril und Regan aufteilen. Um sie auf ihre Absichten zu testen, sollen sie ihm sagen, wie sehr sie ihn lieben. Doch während die älteren Töchter Goneril und Reagan ihrem Vater bereitwillig Honig um den Bart schmieren, weigert sich Cordelia der Heuchelei.

Unfähig, die Aufrichtigkeit seiner jüngsten Tochter zu erkennen, verbannt Lear Cordelia und besiegelt damit sein eigenes Schicksal: Von Goneril und Reagan in die Wüste verbannt, verliert Lear den Verstand, es folgen Zerstörung, Chaos und Tod. 

Den Wahnsinn schmecken

Es ist ein gewaltiges Szenario, welches hier im Schauspielhaus veranstaltet wird. Das anfangs so spartanisch wirkende Bühnenbild mit nichts als einer Mauer aus Lehmziegeln, wird zum Sinnbild für die innere Zerrüttung der Darsteller und ihrer Beziehungen zueinander. Es wird ohne Rücksicht verletzt, geheuchelt, hintergangen und gemordet bis die Bühne nur noch ein einziges Schlachtfeld ist. 

Herausragend agieren dabei die sechs Schauspielerinnen, denen es gelingt, in sekundenschnelle in ein anderes Kostüm und dadurch in einen anderen Charakter zu schlüpfen, die ihren Körper nicht schonen, um fast schon manisch ihre Rolle zu verkörpern. Anja Lais, Angelika Richter und Kathrin Wehlisch brillieren als zickige, überdrehte und hinterhältige Schwestern, doch es ist Barbara Nüsse, die den König Lear mit einer bedrückenden Authentizität verkörpert, dass man den Wahnsinn fast schon schmecken kann.

Nicht alle Besucher konnten etwas anfangen mit der Tragödie um Moral, Logik und Vernunft, am Ende gab es vereinzelte Buh-Rufe, die letztendlich aber im Applaus untergingen. Doch wer sich begeistern kann für modernes, provokantes und abwechslungsreiches Theater, sollte sich den "König Lear" nicht entgehen lassen. 

Weitere Termine am 4., 10., 12., 18. und 27. Dezember 2009

 

Stückbrief:

Lear: Barbara Nüsse
Goneril/ Edgar/Narr: Anja Laïs
Regan/ Narr: Angelika Richter
Cordelia/ Edmund/ Narr: Kathrin Wehlisch
Gloucester: Julia Wieninger
Kent: Anja Herden

Musikerinnen: Silvia Bauer / Yuko Suzuki
Regie: Karin Beier
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Greta Goiris
Musik: Jörg Gollasch
Choreografie: Valenti Rocamora i Tora
Dramaturgie: Ursula Rühle
Dramaturgische Mitarbeit: Jan Hein

(Erstellt am 9. November 2009 - 11:20 Uhr; aktualisiert 9. November 2009 - 14:28 Uhr)


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