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lit.COLOGNE

Martin Walser und die Unschuld der Tagebücher

"Tagebücher dürfen gekürzt, aber niemals korrigiert werden": Im Rahmen der lit.COLOGNE diskutierte am Freitagabend Literaturkritiker Dennis Scheck mit Autor Martin Walser über ungefiltertes Schreiben, negative Rezensionen - und Walsers ewigen Feind Marcel Reich-Ranicki.

von Julia Schmitz

Seine in Leinen gebundenen Tagebücher, eigentlich Büchlein, hat Martin Walser immer dabei. Notiert wird darin alles, was ihm vor die Nase kommt, Aphorismen, literarische Sätze, Gedankenfetzen. Auch ganze Vorträge hat Walser bereits mitgeschrieben - für ihn eine Möglichkeit, der Langeweile zu entgehen: "Gewisse Situationen habe ich nur durch mitschreiben überlebt", lächelt der längst ergraute Romancier, der zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwartsliteratur gehört. Seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1974 bis 1978 sind nun als Buch erschienen.

Absolut ungefiltert kann hier nachgelesen werden, was den Autor während dieser Jahre beschäftigte, denn Walser legt penibel Wert darauf, dass auch im Nachhinein nichts an seinen Aufzeichnungen korrigiert wird: "Das ist die Unschuld des Tagebuchs. Manches klingt im Nachhinein vielleicht komisch, aber so habe ich mich damals nunmal gefühlt."

"Ich würde Sie gerne ohrfeigen"

Selbstverständlich kommt an diesem Abend auch der augenscheinlich noch immer aktuelle Hahnenkampf zwischen Martin Walser und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zur Sprache. Dieser hatte Walsers 1976 erschienenen Roman "Jenseits der Liebe" ziemlich unwirsch zerrissen und dem Autor jegliche Fähigkeit zu literarischer Produktion abgesprochen. Anstatt Reich-Ranicki zu verklagen - "Dafür hatte ich nunmal kein Geld" - brachte Walser daraufhin seine gesamte Wut in einer glühenden Hassrede zu Papier, auch wenn er den Kritiker viel lieber "beherzt geohrfeigt" hätte.

Dass er sich die Kritik damals so zu Herzen genommen hat, darüber kann Walser mittlerweile lächeln. Sein Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt zeige ihm, dass es auch andere Meinungen als die des Herrn Reich-Ranicki gebe. Seine Abneigung gegen ihn habe er sich jedoch beibehalten: "Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!"

(Erstellt am 13. März 2010 - 10:38 Uhr; aktualisiert 13. März 2010 - 17:17 Uhr)


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