lit.COLOGNE
Benjamin v. Stuckrad-Barre und die Bratwurst der Kanzlerin
Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn, heißt es häufig über Benjamin von Stuckrad-Barre. Auf dem ausverkauften Literaturschiff der lit.COLOGNE las er gemeinsam mit Schauspieler Christian Ulmen und zeigte, was er besonders gut kann: sich inszenieren.
von Julia Schmitz
Die Bühne ist kahl und ganz in schwarz gehalten, keine lit.COLOGNE-Fahnen hängen im Sichtfeld, die Aufmerksamkeit soll sich ganz auf den Mittelpunkt des heutigen Abend richten: Benjamin von Stuckrad-Barre. Der nämlich liebt die Inszenierung seiner Person als nikotinabhängiger, scharf beobachtender Popliterat, als den ihn die Presse in den letzten zehn Jahren beharrlich abzustempeln versuchte.
Auf einer Leinwand im Hintergrund werden Fotos gezeigt von seiner Deutschlandreise, auf der sein neuestes Buch "Auch Deutsche unter den Opfern" beruht: man sieht schäbige Frittenbuden, dauergrinsende Politiker, Volksfeste. Zu lauter Musik von den Chemical Brothers - einer Lieblingsband Stuckrad-Barres - schlendert der Autor lässig auf die Bühne, im Schlepptau Schauspieler Christian Ulmen. Zusammen ergeben die beiden ein unschlagbar lustiges Duo, denn auch Stuckrad-Barre besitzt eine ganze Menge - wenn auch sarkastischen und nicht immer politisch korrekten - Humor.
"Das war wie bei der Mauereröffnung, äh, Maueröffnung"
Das Publikum wird deshalb auch nicht geschont. Gleich der erste Text handelt von unangenehmen Zahnarztbesuchen und Wurzelbehandlungen, Ulmen und Stuckrad-Barre lesen die Szenen abwechselnd, dabei energisch eine Zigarette nach der anderen rauchend. Stuckrad-Barre ist ganz in seinem Element mit seinem kritisch-sarkastischen Rundumschlag der deutschen Gesellschaft.
Protestierende Attac-"Empörungsschwestern" kriegen hier ebenso ihr Fett weg wie die Masse von Menschen, die sich in Berlin zu einer mitternächtlichen Eröffung einer Saturn-Filiale in der Kälte versammelte: "Das hätte auch ein Bushido-Ähnlichkeitswettbewerb sein können", lacht Stuckrad-Barre. Und Christian Ulmen steuert einen unabsichtlichen Versprecher hinzu: "Ja, das war wie bei der Mauereröffnung. Äh, Maueröffnung natürlich."
Anderthalb Stunden Lesung auf dem Literaturschiff gehen wie im Flug vorbei, gerne möchte man den Beiden noch weiter zu hören wenn sie erzählen, wie Stuckrad-Barre für ein paar Tage den jetzigen Außenminister "Gu-i-do" Westerwelle auf seinem Wahlkampf begleitete, mit Udo Lindenberg in seinem Hotel wohnte oder nur vier Minuten für das Interview mit der Bundeskanzlerin bekam: "Frau Merkel, wie hat Ihnen denn die Thüringer Wurst geschmeckt?" Als Stuckrad-Barre seine Lesung mit einer Liste "90 Dinge, die uns am Literaturbetrieb nerven", beendet, gibt es tosenden Applaus.
(Erstellt am 19. März 2010 - 7:53 Uhr; aktualisiert 19. März 2010 - 14:53 Uhr)
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Kommentare
Hamburger unter Qualm
Hamburger unter Qualm gesetzt - aktuelle Stuckrad-Barre-Lesung in der Hamburger Markthalle:
Ich bin ein riesiger Bewunderer seiner Schreibkunst, kaufte die Karten für diesen Abend mit Vorfreude, aber was aus dem Mensch Stuckrad-Barre geworden ist, hat mich tatsächlich sehr erschreckt. In den vorderen Reihen sitzend konnte man dem Schreibakrobaten sehr gut auf die dauerhaft zitternden Hände sehen, wenn mal kein Glimmstengel zwischen ihnen steckte. Ein Ausschank von der Wasserflasche in ein Glas wurde scheinbar zum Kraftakt. Nur mit dem Aufsetzen des Flaschenhalses am Glasrand war dies unfallfrei möglich. Oder war es nur das Lampenfieber?
Die Schweißausbrüche hatte er schon vor dem Auftritt, während der "Ulmen" ruhig und trocken blieb.
Nur die Mimik und Gestik verrieten einem geschulten Betrachter, wie es in einem Stuckrad-Barre tatsächlich aussieht. Darüber konnten auch die Scheinwerfer und der Überraschungsauftritt von Udo Lindenberg nicht hinwegtrösten. Schade, glaubte ich doch an eine endlich gute Wendung und an ein Stuckrad-Barre-Happyend. Ich hätte es ihm sehr gewünscht.
Von wegen "tosender Applaus"
Von wegen "tosender Applaus" - eher schneller Abschied und so schnell wie möglich runter vom Schiff. Obwohl der Abend wirklich gut war!
Ja okay, vielleicht war das
Ja okay, vielleicht war das etwas übertrieben. Obwohl es sich zumindest in den ersten Reihen so anhörte :)









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