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Viel Beifall für den neuen Intendanten

Kölns "Meistersinger" als Casting-Show

Von EDGAR FRANZMANN

Fast sechs Stunden "Meistersinger": Mit Wagners Mammut-Oper leitete Kölns neuer Intendant Uwe Eric Laufenberg seine erste Spielzeit ein. Das Publikum lohnte es mit sehr großem Beifall.

Laufenbergs Konzept, der Intendant führte in seiner ersten Premiere auch Regie, ist klar erkennbar: Er will die Kölner zurück in die Oper holen, nicht nur irgendwohin, sondern zurück in den Riphan-Bau am Offenbach-Platz, der nach dieser Spielzeit renoviert werden und drei Jahre später in neuem Glanz auferstehen soll. Er will zeigen, dass Oper nicht nur ein Relikt aus alter Zeit für konservative Eliten sein muss, sondern dass Oper auch heute etwas zu sagen hat und "Oper für alle" sein kann. Das vermittelt er zum Glück nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern schlüssig und teilweise sogar humorvoll.

Den 1. Akt lässt Laufenberg im Mittelalter spielen, in der Zeit also, in der der Stoff angesiedelt ist. Aber den Stolzing, der als Fremder in die Gilde der Meistersänger eindringt, lässt Laufenberg in der Kleidung des 20. Jahrhunderts aus dem Parkett auf die Bühne steigen, das Foto-Handy immer griffbereit. Die Darstellung auf der Bühne bleibt aber ganz konservativ, dass sogar alte Bayreuth-Besucher in der Pause schwärmen: "Endlich mal keine Mätzchen."

Den 2. Akt siedelt Laufenberg im 19. Jahrhundert an, in der Zeit, in der Wagner die Oper geschrieben hat. Eine Prügelei endet als Blutbad hinter Barrikaden, eine Anspielung auf die Revolution von 1848.

Den 3. Akt verlegt Laufenberg ins 20. Jahrhundert nach Köln, zunächst in die 50er-Jahre mit Video- und Foto-Rückblicken auf die kriegszerstörte Stadt Köln und die Nazi-Zeit (die "Meistersinger" gehörten zur Inszenierung der NS-Reichsparteitage in Nürnberg).

Die Schlussszene spielt im heutigen Köln mitten auf dem Offenbachplatz zwischen 4711-Haus und Opernbau beim Public Viewing einer Casting-Show wie "Deutschland sucht den Superstar" gemischt mit Elementen von Linus "Talentprobe". Gekrönt wird die Szenerie - wie bei solchen Anlässen üblich - von einer großen Video-Wand, auf der mal das aktuelle Programm, mal historische Aufnahmen, mal auch ganz profan Werbeeinblendungen gezeigt werden (die sich die Oper nicht bezahlen lässt).

Dieses letzte Bühnenbild überrascht besonders, denn die Zuschauer in der Oper sehen aus der Oper hinaus auf den Platz vor der Oper, wo das Volk auf die Auftritte der Meistersinger wartet, während die Honoratioren vom typischen Opernhaus-Balkon ganz wörtlich auf das Treiben da unten hinabblicken.

Die Fülle der Video-Anspielungen versteht vielleicht nur, wer den historischen Hintergrund kennt (oder das sehr informative Programmheft gelesen hat), die Schluss-Inszenierung aber der "Meistersinger" als manipulative "Casting-Show" wird sofort einsichtig, vor allem in der "Medienstadt Köln", in der ja solche Formate wie "Deutschland sucht den Superstar" produziert werden.

Wenn am Schluss Stolzing, der es nur durch freundliche Manipulation auf die Bühne geschafft hat, sein Meisterlied singt, dann flimmert über ihm gleich das fertig produzierte Kitsch-Video über die Leinwand. Dieter Bohlen könnte neidisch werden. In diesen Szenen spürt jeder im Saal aber auch, wie stark solche neuen Medien vom Live-Gesang auf der Bühne ablenken.

Ist das der Grund, warum Marco Jentzsch, der Sänger des Stolzing, am Ende nicht ganz so gefeiert wurde wie die anderen? Robert Holl als Hans Sachs - die Rolle singt er seit zehn Jahren auch in Bayreuth - wurde geradezu frenetisch bejubelt, aber auch die anderen "Meistersinger" wie Bjarni Thor Kristinsson (als Pogner) und Johannes Martin Kränzle(als Beckmesser) wurden minutenlang beklatscht - wie verdientermaßen das gesamte Ensemble.

Das Gürzenich-Orchester unter Generalmusikdirektor Markus Stenz war ein brillanter Begleiter, Chor und Extra-Chor der Oper überzeugten von der ersten bis zur letzten Szene. 

Intendant Laufenberg wartete einige Minuten, bis er mit seinem Team (Tobias Hoheisel, Bühne & Kostüme, Wolfgang Göbbel, Licht), auf die Bühne kam, wohl weil er Sängern und Orchester den Beifall gönnen wollte, ehe er selbst vielleicht den Unmut des Publikums abbekäme, aber auch der Intendant wurde in den allgemeinen Jubel mit einbezogen. 

Fazit: Ein sehr gelungener Auftakt einer neuen Spielzeit. Vielleicht wird das ja noch was in Köln mit dem Ziel: Oper für alle!

 

 

(Erstellt am 21. September 2009 - 13:10 Uhr; aktualisiert 23. September 2009 - 9:22 Uhr)

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Kommentare

Ja merkt den keiner, dass

Ja merkt den keiner, dass der neue Intendant Unsinn auf der Bühne treiben lässt?

Ihre Lobhudeleien ist mir Unverständlich.
Ich war gestern (4.9.09) in dieser Aufführung. Es war grotesk.
Zum Schluss gab es dann auch etliche Buh-Rufe. Mit Recht!
Auffallen, mit allen Mittel, auch wenn die Oper dabei auf der Strecke bleibt.
Schade um das Geld.
Wir haben hier im Großraum Köln Gott sein Dank nicht nur dieses Opernhaus.
Grüße aus Rösrath
Nikolaus Wiedenfeld

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