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Premiere

„Kölner Prozess“: Kein Urteil über Leni Riefenstahl

Von Jürgen Schön

Sie war Hitlers Lieblingsregisseurin. Doch nach 1945 wollte Leni Riefenstahl nichts von ihrer Verstrickung mit dem Nazi-Regime wissen. Wie umgehen mit ihrer Schuld, wie mit Verantwortung überhaupt? Die Köln-Düsseldorfer Theatergruppe „Analog“ verarbeitet dieses Thema in ihrem facettenreichen Stück „Leni Riefenstahl – Die Kölner Prozesse“.

Es beginnt mit der Biografie von Leni Riefenstahl (1902-2003). Begleitet von historischen Fotos und Filmen erzählt eine Kinderstimme ihr Leben. Bezeichnungen wie „Ausdruckskletterin“, „Reichsgletscherspalte“ erzeugen dabei eine notwendige naiv-ironische Distanz zum Objekt des Stückes. Denn Leni Riefenstahl ist nicht so einfach beizukommen.

Sie war eine schillernde, widersprüchliche Persönlichkeit. Ebenso schillernd und widersprüchlich ist die Auseinandersetzung mit ihr und ihrem künstlerischen Werk. So überhöhte sie mit ihren Filmen über die Reichsparteitage der NSDAP und die Olympischen Spiele 1936 in Berlin Macht und Kraft, und wurde so zur idealen Propagandistin der faschistischen Rassenideologie und dem damit verbundenen Körperkult. Doch ihre Ästhetik findet auch heute durchaus ernstzunehmende Zustimmung.

Regisseur Daniel Schüßler nähert sich der Persönlichkeit Riefenstahls von mehreren Seiten. Was etwa hat die Regisseurin an Hitler fasziniert? Zu den bombastischen Klängen der Hindemith-Kokoschka-Oper „Mörder, die Hoffnung der Frauen“, gesungen vom „Analog-Vollplayback-Opernchor“, lässt er vier Schauspieler dramatisch grimassieren. In einer anderen Szene dürfen sie die „Reinigung“ traditioneller Symbole fordern, die von den Nazis zu ihren Zwecken missbraucht wurden.

Auf einer zweiten Ebene hinterfragt das Stück die Möglichkeiten des Theaters, überhaupt als moralische Instanz in Sachen Schuld und Sühne aufzutreten. Die Oper wird zur Nutte erklärt und das Leben der Riefenstahl als zu vielschichtig für eine Behandlung im Theater. Dann doch lieber bairische Volks-Liebeslieder? Oder besser Polit-Theater im Stil der 70er Jahre mit sich wiederholenden rhythmischen Wortkaskaden und Fußgestampfe, mit Selbstkritik und Publikumseinbeziehung?

Das führt zu einer weiteren Problem: Wo bleibt in dieser Diskussion die Frauenfrage, wo die Globalisierung und der Klimaschutz? Alles hängt eben irgendwie mit allem zusammen. Und wenn sich das Publikum zum Schluss Brillen aufsetzen darf, die das Bühnengeschehen in bunt oszillierenden Farben sehen lässt, ist die Verunsicherung perfekt und die Versuchung nah, sich eine heile Welt zu erträumen.

Viel Stoff für 90 Minuten. Dieser „Kölner Prozess“ jedenfalls entzieht sich gewollt und geschickt einem endgültigen Urteil über Leni Riefenstahl. Stattdessen schlägt er einen (zu) weiten selbstreferentiellen Bogen. Das Theater muss sich in regelmäßigen Abständen immer wieder neu erfinden. Die Erfahrung, dass sich die Antworten – auch die unbefriedigenden – manchmal wiederholen, bleibt dem jungen Publikum erspart. Es spendete langen Beifall. Das energiegeladene Schauspielerquartett Dorothe Förtsch, Mirco Monshausen, Ingmar Skrinjar und Rabea Wyrwich hat ihn sich reichlich verdient.

„Leni Riefenstahl - Die Kölner Prozesse“ – weitere Termine: 7. bis 10.1., 21. bis 25.3., jeweils 20 Uhr, Studiobühne, Universitätsstr. 16 a, 50937, Köln, Karten: 0221 / 470 45 13, www.studiobuehnekoeln.de

(Erstellt am 8. Januar 2012 - 17:42 Uhr; aktualisiert 9. Januar 2012 - 12:10 Uhr)


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