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Premiere

Im Theater der Keller wird Othello zum "Schokocrispie"

Die anderen Männer sind für ihn „Schwuchteln“, Frauen bezeichnet er am liebsten als „Fotzen“: Doch nicht nur Intrigant Jago darf so sprechen, wie es heutzutage für manche Jugendkreise sicher typisch ist. Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Erfinder der Kanak- Sprach, hat Shakespeares „Othello“ konsequent und gründlich in die heutige Zeit versetzt und dabei gleich noch ein bisschen gestrafft. Dem Premienpublikum im Theater der Keller hat es jedenfalls gefallen.

Von Jürgen Schön

Und so ist die eingedampfte Geschichte: Der siegreiche General Othello hat Desdemona geheiratet und Cassio zum Leutnant ernannt. Auf diesen Posten hat Jago gehofft. Er spinnt, zusammen mit dem ihm ergebenen Rodrigo eine Intrige, behauptet Cassio und Desdemona hätten ein Verhältnis. Othello will es zuerst nicht glauben, doch Zweifel nisten sich ein. Jago ermordet zuerst Rodrigo, der ihm lästig wird, und dann – auf Befehl Othellos – Cassio. Der General glaubt den Unschuldsbeteuerungen seiner Frau nicht und bringt sie um.

Im Original ist Othello ein Schwarzer. Hier sind alle Darsteller Weiße. Trotzdem ist Othello ein Außenseiter, vor allem durch seine bedachte Sprache. Reden die anderen von ihm, ist er der „Schoko“, der Kosename seiner Frau für ihn „Schokocrispie“. Mit der Liebe zu ihm hat sich auch Desdemona aus der Gesellschaft der anderen entfernt. Dort ist – wie zwischen Jago und Emilia – die Liebe erkaltet, was zählt, ist der reine „Fick“.

Das alles wirkt reichlich aufgesetzt und künstlich, Zoten und Schlüpfrigkeiten sorgen für Lacher – und doch, das Stück (es wurde vor fast zehn Jahren erstmals gespielt, sein Ko-Autor ist Günter Senkel) entwickelt seine ganz eigene Atmosphäre. Das liegt nicht zuletzt an den Schauspielern, die Regisseur Stefan Nagel an kurzer Leine führt und ihnen trotzdem alle Möglichkeiten lässt, dem Affen Zucker zu geben.

Da ist allen voran Makke Schneider als Jago: schleimig und glitschig, durchtrieben, hinterhältig, nur auf die eigene Karriere bedacht, in sich selbst verliebt, buchstäblich über Leichen gehend. In einer grandiosen Doppelrolle, die er auch in einem Solo blitzschnell wechseln kann, Emanuel Fleischhacker: Mal der tumbe Rodrigo, seinem Vorbild Jago verfallen, mal die ehrliche Haut Cassio, der seinem General Othello gefallen will.

Sarah Härtling als Desdemona spielt eine junge Frau, zierlich, angezogen von alten und mächtigen Männern und bis zum Schluss an die echte Liebe glaubend. Gleichsam als ruhender Pol des Ganzen Josef Tratnik als Othello, ein Bild von einem Mann, groß, statutarisch, erfolgreicher General mit Prinzipien, der an die Liebe seiner Frau glaubt, dann aber den von Jago gepflanzten Zweifeln erliegt. Langsam baut sich seine Eifersucht auf, die schließlich in der Ermordung Desdemonas gipfelt. Gegen diese starken Rollen hat es Viktoria Klimmeck schwer, sich als Jagos Frau Emilia zu behaupten.

Das alles spielt sich in einem leeren schwarzen Bühnenkasten ab. Im Hintergrund eine Tür, die in ein kleines Zimmer führt. Von hier aus verfolgen die Protagonisten das Bühnengeschehen, wenn sie nicht gerade selber ins Rampenlicht müssen. Einzige Requisiten sind Dutzende silbrig glänzende, gasgefüllte Luftballons. Anfangs schweben sie hoch in den Himmel der Liebe. Immer wieder müssen sie als Punchingball die Wut der Akteure aushalten. Und im Laufe des Spiels sinken immer mehr zu Boden – ein wunderschönes Bild für Verletzlichkeit und Vergänglichkeit der Liebe. Es entschädigt für manche Plattheit.

„Othello“ – weitere Termine: 23.12., 28. bis 30.12., 11. bis 13.1.2012, jeweils 20 Uhr, Theater der Keller, Kleingedankstr. 6, 50677 Köln, Karten: Tel. 02 21 / 31 80 59 (Mo-Fr 10-17 Uhr)

(Erstellt am 18. Dezember 2011 - 12:32 Uhr; aktualisiert 18. Dezember 2011 - 12:43 Uhr)


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