Germaniacgroup inszeniert Klassiker
Goethes "Faust" im Schleudergang
Was kann uns die Tragödie des lebensmüden Doktor Faust im Jahr 2009 noch sagen? Am vergangenen Mittwoch feierte die Inszenierung "Faust 1.0" der Germaniacgroup im kleinen Hinterhoftheater Raketenclub Premiere - und bot einige gepfefferte Antworten.
Von Julia Schmitz
200 Jahre ist es bereits her, dass der große deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe die Tragödie des vom Leben ermüdeten Doktor Faust zu Papier brachte. Generationen von Schülern haben sich seit seitdem durch seitenlangen Knittelvers gearbeitet und die Monologe auswendig gelernt. Doch seit geraumer Zeit wird diskutiert: Was kann dieser Text der Jugend von heute überhaupt noch bieten?
Die Germaniacgroup bietet Antworten. Regisseur Tom Martus holt den Klassiker aus seinem angestaubten Dasein und verpasst ihm einen modernen Anstrich, in dem er ihn auf zwei Stunden und lediglich zwei Schauspieler reduziert. "Faust 1.0" entwickelt sich dadurch zu einer rasanten und beklemmenden Tour de Force durch die Abgründe unserer Gesellschaft.
Popliterat mit Bierbauch
Faust, imposant gespielt von Matthias van den Berg, von der Welt angeekelter Popliterat mit Streifenbademantel, Hornbrille und Wohlstands-Bierbauch, fühlt sich gefangen in der Enge seiner heruntergekommenen, schmucklosen 1-Zimmer-Wohnung. "Habe nun ach, Philosophie Bla Bla Bla", schreit er, und trinkt das "Todesbier".
Doch er hat die Rechnung ohne Mephisto, verkörpert von Andreas Schneiders, gemacht, den femininen lustlosen "Geist, der stets verneint". Der hatte nämlich, man kennt die Geschichte ja, zuvor dem Herrn versprochen, den "Frust-Faust" vom rechten Weg abzubringen. Und so heißt es fortwährend "Lass uns weiter fortgehen!".
Nervtötende Gretchenfrage
Fortan gerät die Geschichte ein wenig ins Schleudern, verliert die Struktur. Das blondgelockte, vordergründig lammfromme Gretchen - ebenfalls gespielt von Schneider - wird zum durchtriebenen Lustobjekt degradiert, die Faust mit ihren Reizen lockt und sich dann beschwert, wenn ihn die Lust übermannt. "Ich sehne mich nach einem Leben mit Kindern, einfühlsamen Mann - Brigitte-Abo!" beteuert sie jammernd. Es ist dieses naive Geschöpf, welches den feisten Faust letztendlich mit ihrem Gretchenfrage-Genörgel "Nun sag schon, wie hast du's mit der Religion?!" in den Wahnsinn treibt.
Wer sich in der Faust-Tragödie nicht auskennt, wird bei dieser Inszenierung zwar leicht ins Straucheln geraten; dennoch bietet die Germaniacgroup mit diesem teils sehr provozierendem Stück einen Theaterabend erster Sahne, der den Beweis bringt, dass auch uralte Literaturklassiker weniger veraltet sind, als man denkt.
Weitere Aufführungen von "Faust 1.0" finden statt am 10., 11., 17. und 18.April im Raketenclub.
(Erstellt am 9. April 2009 - 10:41 Uhr; aktualisiert 16. April 2009 - 9:19 Uhr)
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