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Fassbinder im FWT

„Faustrecht der Freiheit“: von der Ökonomie der Liebe

Von Jürgen Schön

Am Ende geht die Liebe durch den Geldbeutel: Als nichts mehr vom großen Lottogewinn übrig ist, trennt sich Max von seinem Liebhaber Franz Biberkopf. Der hat ihn zuvor mit dem Geld vor der Pleite gerettet. In äußert konzentrierter Form inszeniert das Freie Werkstatt-Theater Rainer Werner Fassbinders „Faustrecht der Freiheit“: eine Inszenierung, deren Intensität die kleine Bühne fast zu sprengen vermag.

Zwei Welten treffen aufeinander: Da ist Franz Biberkopf, der sein Geld als „Der sprechende Kopf“ auf dem Rummel verdiente. Einfach gestrickt, eine ehrliche Haut, voller Gefühl. Ein vertrauensseliger Mensch, den die Liebe blind gemacht hat. Till Brinkmann spielt ihn mit größter Sensibilität und vollem Körpereinsatz. Voller Inbrunst kann er minutenlang „Ti amo“ singen.

Eugen ist Mitinhaber einer Druckerei. Er ist nicht nur äußerlich das Gegenteil von Franz, er ist kultursinnig, gebildet – auch eingebildet. Er weiß mit Geld umzugehen – besser: Er und sein Vater wussten es wohl. Denn ihre Firma ist Pleite. Marius Bechem gibt dieser Rolle die nötige Glaubwürdigkeit zwischen echten Liebesgefühlen und kalter Berechnung. Eine tief gespaltene Persönlichkeit.

Als Eugen Franz zum ersten Mal sieht, ist wohl Liebe im Spiel. Oder ist es nur seine Lust am Primitiven? Es beginnt eine Art „My Fair Lady“-Geschichte: Eugen will Franz „erziehen“, damit er sich mit ihm in den besseren Kreisen blicken lassen kann. Doch anders als im Musical geht es hier schief – Geld kommt ins Spiel, die Beziehung wird ökonomisiert.

Denn als von Franzens Geld nichts mehr übrig und die Firma trotzdem Pleite ist, ist auch Eugens Liebe beendet. Er schmeißt Franz aus der Wohnung, die der gekauft und ihm als Sicherheit für die Bank „pro forma“ überschrieben hat. Franz ist wohnungslos, begeht Selbstmord. Eugen – in Begleitung seines Freundes Max – findet den Toten auf der Straße. Sie nehmen ihm das letzte bisschen Geld aus der Tasche.

Zwar spielt die Geschichte unter Homosexuellen, für Fassbinder war das ein bewusster Kunstgriff, um die „sozialen und politischen Aspekte“ von Beziehungen (unter Heterosexuellen) besser herausarbeiten zu können. In der Kölner Inszenierung verzichtet Ulrich Hub auf jede Ablenkung: Kahl ist die Bühne, einsam steht nur eine Vase mit weißen Lilien auf dem Boden. Auf der hinteren Wand in großer roter Schrift der Titel des Stückes. Im Laufe der 80 Minuten Spielzeit schreiben die Akteure ein Fassbinder-Zitat auf den Boden: „Das einzige Gefühl, das ich akzeptiere, ist Verzweiflung.“

Diese Kargheit wird ganz allein durch die Schauspieler belebt – nicht zu vergessen Tomasso Tessitori als Freund Max und gewiefter Antiquitätenhänder und Klaus Wildermuth als Eugens Vater, der aus Geschäftsinteresse die schwulen Eskapaden seines Sohnes hinnimmt. Mit wenigen Gesten, hoher Sprechkultur und feinen Nuancen schaffen sie „spielend“ die wechselnden Spielstätten und Episoden. Keine einfache Theaterkost, aber eine bis zum Schluss fesselnde Parabel über ein zeitloses Thema.

„Faustrecht der Freiheit“ war ursprünglich ein Film. Fassbinder drehte ihn 1975, machte damit seine eigene Homosexualität öffentlich. Die Bühnenfassung von Christian Hohoff hatte 2009 – 27 Jahre nach Fassbinders Tod – Premiere.

„Faustrecht der Freiheit“ – weitere Termine: 31.10., 1.11., 28. und 29.11., Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, www.fwt-koeln.de, Karten: Tel. 02 21 / 32 78 17, E-Mail: fwt-koeln@t-online.de

(Erstellt am 28. Oktober 2012 - 12:38 Uhr; aktualisiert 28. Oktober 2012 - 12:45 Uhr)


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