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"Tristan und Isolde" in Köln

Einmal Wagner bitte mit Würstchen und Senf

Von EDGAR FRANZMANN

Wer sich auf eine Wagner-Oper einlässt, weiß, was er wagt: Unter fünf Stunden geht es selten ab. Die Kölner Premiere von "Tristan und Isolde" am Sonntagabend war nach  vierdreiviertel Stunden zu Ende - danach begann das Spektakel im Parkett und auf den Rängen mit einem vielstimmigen Konzert aus Buh-Rufen und Beifall.

Der erste Buh-Ruf kam so punktgenau und so kraftvoll nach dem letzten Ton des dritten Aktes, dass man dahinter eine musikalische Fachkraft vermuten durfte, die mit dem Gebotenen nicht zufrieden war. Wagner-Opern sind ja unter anderem auch dadurch gekennzeichnet, dass das Publikum aus Experten und Jüngern besteht, die Aufführungen ihres Lieblingskomponisten auf allen Kontinenten begutachten, und vor allem natürlich in Bayreuth, dem Tempel der Wagnerianer. Da kann Köln nicht mit.

Ein Kenner, von dem ich weiß, dass er Musik studiert hat, erläuterte mir, dass es Wagner-Sänger und Sängerinnen gebe, die drei bis vier Klassen höher anzusiedeln seien als die Kölner Protagonisten Annalena Persson (Isolde) und Richard Decker (Tristan). Die beiden wurden am Ende böse ausgebuht. Das tat sogar meinem studierten Kenner leid. Mein Urteil fiel ohnehin besser aus, und ich war nicht der einzige, der klatschte. Ungeteilten Beifall bekamen aber nur Samuel Youn (Kurwenal) und Alfred Reiter (König Marke).

Die heftige Reaktion des Publikums beweist aber auch, dass die Aufführung nicht ermüdend war. Die Einschlaf-Quote blieb gering, da habe ich mal bei einer Robert-Wilson-Inszenierung in Hamburg viel mehr Geschnarche erlebt. Die Kölner Inszenierung von David Puntney, Intendant der erfolgreichen Bregenzer Festspiele, entließ die Besucher, die bis zum Schluss blieben, hörbar munter nach Hause.

Ein Vater in der Reihe hinter mir hatte seinen 11-jährigen Sohn mitgebracht. "Als Belohnung oder als Strafe?", fragte ich. Der Vater nahm die Frage mit Humor. Sein Sohn singe selber im Kölner Domchor und habe schon einige Opern-Erfahrung. Eigentlich wollten sie sich in Bonn Mozarts "Entführung aus dem Serail" ansehen, weil der Junge das gerade in der Schule durchnehme. Das habe aus Termingründen nicht geklappt, da sei man auf den Wagner ausgewichen.

Der Junge stand den Opern-Marathon locker durch. Der zweite Akt habe ihm am besten gefallen. Das kann man nachvollziehen, denn im zweiten Akt ging es so richtig rund. Auf der Bühne (Bühnenbild: Robert Israel) stapelten sich überformatige Klötze, Platten und Latten, die wie ein Holzspielkasten wild durcheinander gekippt waren, aber dadurch, dass sie auf der Drehbühne langsam rotierten, beständig neue Eindrücke und überraschende Einblicke boten, was durch den bunten Licht-Einsatz (Licht: Hans Toelstede) noch verstärkt wurde.

Die anderen Bilder malten eher Grau in Grau. der erste Akt spielt auf einem Schiff auf hoher See, der dritte Akt auf einem Friedhof, wobei Tristans Sarg passenderweise auch wieder Schiffsform zeigt.

Worum geht es in dem Stück? Ich mache es mir einfach und zitiere den Inhalt aus dem Programmheft. Ungekürzt. Da heißt es:

"1. Aufzug - Isolde wird von Tristan für König Marke von Irland nach Kornwall gebracht. Isolde will mit Tristan den Tod trinken. Tristan will mit Isolde den Tod trinken. Isoldes Vertraute Brangäne vertauscht Todes- und Liebestrank.

2. Aufzug - Isolde erwartet Tristan. Brangäne warnt vergebens. Tristan und Isolde vergessen die Welt. Melot verrät sie. Sie werden von König Marke entdeckt. Tristan stürzt in Melots Schwert.

3. Aufzug - Tristan erwartet den Tod. Sein Vertrauter Kurwenal hat nach Isolde geschickt. Tristan stirbt mit Isoldes Ankunft. Brangäne, Marke und Melot tauchen auf. Kurwenal tötet Melot und kommt selbst ums Leben. Isolde entrückt."

Diese "Handlung" auf vierdreiviertel Stunden - ohne Wagners Musik wäre das sicher nicht auszuhalten. Die ist beim Gürzenich-Orchester unter der  Leitung von Generalmusikdirektor Markus Stenz gut aufgehoben.

Und wie ist jetzt die Empfehlung des Kritikers, hingehen oder nicht hingehen? Mich selbst hat es nicht wirklich mitgerissen. Wagner ist nicht meine Musik. Andere geraten bei Wagner ins Schwärmen. Geschmacksache eben.

A propos Geschmack: Zum Schluss noch eine kulinarische Überraschung - in den beiden großzügig bemessenen Pausen gab es nicht nur den Opern-typischen Sekt und die unvermeidlichen Event-Brezeln, sondern auch ganz rustikale Würstchen und Frikadellen zu akzeptablen Preisen von jeweils 3,50 Euro.

Wagner mit Würstchen und Senf. Gibt es auch nicht alle Tage. Am besten ist es, Sie kommen selbst auf den Geschmack.

Tristan und Isolde
von Richard Wagner
Premiere am 22. März 2000, 16.00 - 20.45 Uhr

Musikalische Leitung: Markus Stenz; Inszenierung: David Pountney; Bühnenbild: Robert Israel; Kostüme: Marie-Jeanne Lecca, Dramaturgie: Oliver Binder; Licht: Hans Toelstede; Chor: Andrew Ollivant; Gürzenich-Orchester Köln, Herrenchor der Oper Köln;

Isolde: Annalena Persson; Brangäne: Dalia Schaechter; Tristan: Richard Decker; König Marke: Alfred Reiter; Kurwenal: Samuel Youn; Melot: Gerardo Garciacano; Ein Hirt: Johannes Preißinger; Ein Steuermann: Jong Min Lim; Ein junger Seemann: Jeongki Cho.

Weitere Vorstellungen am: 27. März; 03., 11., 23., 26. April; 03., 08., 21., 24. Mai 2009

Weitere Infos zum Stück auf der Website der Oper Köln.

(Erstellt am 22. März 2009 - 22:30 Uhr; aktualisiert 23. März 2009 - 20:02 Uhr)


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Kommentare

Verehrter Herr Franzmann,

Verehrter Herr Franzmann, verlassen Sie sich beruhigt auf die Aussage Ihres studierten Kenners. Und wer sich dem Publikum in einer solche Partie zumutet, darf sich über Unmut nicht ärgern. Die bekommen dafür sehr viel Geld. Der Unmut wäre sicher noch größer ausgefallen, wären nicht schon in den Pausen sehr viele Zuschauer gegangen (zum Tatort war ich zuhause). Eine Alternative, die man im Kölner Opernhaus bereits oft wahrnehmen musste/wollte.
Als Zuschauer darf man sich nach dieser Vorstellung durchaus betrogen fühlen. Dass die beiden Titelhelden ihre Partien nicht bestehen konnten, muss während der Proben aufgefallen sein. Leider werden Musikfreunde wie Sie von solchen Aufführungen abgeschreckt. Denn Wagners Musik ist eine - wenn auch mit langer Aufführungszeit - sehr schöne, wenn man sie beherrscht.

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