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Ein Jahr Köln (4) - 26. Dezember 2012

Stille Nacht hinter verbotenen Mauern

Ein Jahr Köln mit Edgar Franzmann - Do liss de an der Ääd
Nach 44 Jahren als Journalist und Autor geht koeln.de-Chefredakteur Edgar Franzmann Anfang Dezember 2013 in Rente, Anlass für die Kolumne „Do liss de an der Ääd!". Ein Jahr lang, immer mittwochs, erzählt Franzmann über „sein“ umwerfendes Köln. Lesen Sie heute die 4. Folge.

*

Als Journalist muss man sich daran gewöhnen, auch an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten. Das gilt natürlich auch an Weihnachten. Und da kann man so manche Überraschung  erleben ...

Es ist schon einige Jahrzehnte her, da war die Kleine Brinkgasse durch Mauern zur Ehrenstraße und zur Großen Brinkgasse hin blickdicht abgetrennt.

Als Reporter ist man ja aufgefordert, mehr oder weniger jeden Winkel der Stadt zu kennen. Hinter die Mauern zur Kleinen Brinkgasse hatte ich mich aber noch nie getraut, denn damals war das Kölns "Puff-Straße". Mitten in der Innenstadt. Ein Anziehungspunkt für einsame und geile Männer und ein Ärgernis für Anwohner und Geschäftsleute in der Nachbarschaft.

Es war an einem Heiligabend Anfang der 1970er-Jahre. Ich war frisch beim EXPRESS und hatte Weihnachtsdienst. Mein Auftrag: Ich sollte eine Reportage über "Köln während der heiligen Nacht" schreiben.

Ich war im Kölner Dom. Im Hauptbahnhof, wo Obdachlose versorgt wurden. In der Kirche St. Mariae Himmelfahrt in der Marzellenstraße, einem der seltenen Barockdenkmäler der Stadt, und geriet dort in die fröhliche Messe der inbrünstig singenden Italiener in Köln.

Ich besuchte eine Polizeistation und ein Krankenhaus. Irgendwann landete ich auf den Ringen, wo die Discos und Bars geschlossen hatten. Heilig-Abend-Parties waren noch nicht in Mode.

Ich erinnere mich an eine unglaubliche Stille in dieser Nacht. Zu Fuß ging ich durch die Ehrenstraße Richtung Pressehaus, das damals  in der Breite Straße 70 lag. 

Auf einmal erfüllte ein Klang die Nacht. Ein beinahe himmlischer Klang. Eine einzelne Trompete. Sie spielte "Stille Nacht, heilige Nacht".

Woher kam das? Ein vergessener Straßenmusiker?

Ich ließ mich von den  Tönen leiten. Plötzlich stand ich vor der Mauer zur Kleinen Brinkgasse. Genau genommen waren es zwei Mauern, die leicht versetzt angeordnet waren, sodass man zwar hindurchgehen konnte, aber die Blicke draußen blieben.

Die Klang der Trompete erstarb. Ich zögerte. Die Trompete setzte wieder an. "O du fröhliche". Ich ging hinein.

Die Kleine Brinkgasse sah in etwa so aus, wie man es heute noch im Rotlichtviertel in Amsterdam sehen kann. Kleine Häuschen, viele Schaufenster, in denen die Frauen ihre Körper anbieten.

In dieser Nacht, jedenfalls zu der späten Uhrzeit, in der ich dort erschien, wurde in der Kleinen Brinkgasse nicht gearbeitet.  Stattdessen wurde Weihnachten gefeiert. Die halbe Gasse hatte sich versammelt. Frauen. Männer. Sogar einige Kinder. Und der Trompeter, der sich von meiner Ankunft ebensowenig ablenken ließ wie die anderen Gäste dieser Nacht.

Niemand wollte wissen, wer ich war. Ich habe dann auch nicht gefragt, wer hier wer und in welcher Rolle war. Ich habe einfach nur diesen innigen Augenblick genossen. Eine Heilige Nacht, die ich nie vergessen habe.

Ihnen allen noch ein paar ruhige Tage "zwischen den Jahren". In der nächsten Woche melde ich mich aus Istanbul ...

 

 

 

 

 


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Kommentare

Vielen Dank für diesen

Vielen Dank für diesen Beitrag. Er beschreibt mehr vom Geist der Weihnacht als so mancher Gottesdienst. Miteinander und Füreinander da sein - das bedeutet Weihanchten und das findet man hüufig an Stellen, an denen man es am wenigsten erwartet. Auch im Rotlicht-Milieu sind vor allem eines - Menschen! Das galt früher und es gilt auch noch heute.

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