Interview mit Autor Benjamin Lebert

"Die Essenz des Schreibens ist Warten"

Vor zehn Jahren legte Benjamin Lebert mit seinem ersten Roman "Crazy" gleich einen riesigen Erfolg hin. Bei der lit.COLOGNE in der Kulturkirche in Nippes las der 27-Jährige jetzt aus seinem neuen Roman "Der Flug der Pelikane". Im Interview mit koeln.de verriet Lebert unter anderem, wie ihm die besten Ideen für sein Romane kommen.

Frage: Der Titel ihres neuen Buches heißt "Flug der Pelikane". Warum haben Sie diesen Titel gewählt? Auch in "Der Vogel ist ein Rabe" kommen ja Vögel im Titel vor.

Lebert: Ich habe etwas übrig für Vögel, um das so einfach zu sagen. Mit Vögeln verbindet man, dass sie losgelöst sind, dass sie fortfliegen können aus Gegenden, in denen es nicht mehr warm ist. Bob Dylan hat allerdings in einem Lied gefragt: "Are birds free from the chains of the skyway?" Das finde ich eine sehr kluge Frage - und eine Frage, mit der ich mich des Öfteren beschäftige. Dieses Zitat hat geholfen, den Titel zu finden.

Später am Abend erklärt Lebert, dass er als Kind mit seinen Eltern die Gefängnisinsel Alcatraz, die in seinem neuen Roman eine wichtige Rolle spielt, besichtigt hat. Dieser Ort als "Sinnbild der Isolation, des Gefangensein" sei immer bei ihm gewesen. Zugleich habe ihn aber auch berührt, dass das Menschliche immer durchscheine - "so schlimm der Ort auch sei".

Frage: Wie kommen Ihnen die Ideen für die Bücher? Gibt es einen bestimmten Ort, der Ihnen dabei hilft? Oder ist es wirklich das Warten am Schreibtisch?

Lebert: Die Essenz des Schreibens ist für mich Warten. Man muss eine ungeheure Kondition haben. Ich schreibe am besten, wenn ich auf eine weiße Wand schaue oder wenn nichts um mich herum ist, was meinen Blick ablenkt. Sonst habe ich das Gefühl, ich muss gegen etwas anschreiben. Bei voll gefüllten Bildern kann ich nichts Neues dazufügen. Deswegen ist mein Schreibtisch auch Richtung weiße Wand gerichtet.

Frage: Obwohl Sie 1999 mit dem ersten Roman "Crazy" einen riesigen Erfolg hatten, haben Sie sich in Interviews dagegen gewehrt, Schriftsteller genannt zu werden. Lassen Sie mittlerweile diese Berufsbezeichnung für sich zu?

Lebert: Ich glaube, dass wir uns im Leben immer nur auf Dinge zubewegen können. Saint-Exupéry hat das gesagt. Wir können die Dinge nicht wirklich erlangen. Wir werden niemals abgeschlossen sein. Und das ist auch schön so. Wenn ich das Gefühl hätte, ich wäre abgeschlossen, dann wäre es nicht mehr so lebendig. Deswegen möchte ich es mir bewahren, dass ich immer auf dem Weg bin, ein Schriftsteller zu sein - aber wahrscheinlich nie sein werde.

Im koeln.de-Interview auf einer Holzteppe in der Sakristei sitzend und auch während der Diskussion auf der lit.COLOGNE-Bühne spricht der 27-Jährige sehr langsam, sehr leise, sehr akzentuiert, wirkt sehr bescheiden. Als Georg Diez, Feuilletonredakteur der "Süddeutschen" ihn auf der Bühne zu großen Themen wie "Angst" und "Liebe" befragt, sagt Lebert am Ende, dass er nebenbei noch eine psychologische Praxis betreibe. Der junge Autor schaut verschmitzt zu Boden, während das Publikum lacht.

Frage: Das Magazin "Cicero" hat Sie in die Liste der 500 wichtigsten Intellektuellen aufgenommen. Wie gehen Sie mit so etwas um, wenn Sie überzeugt sind, dass Sie sich auf einem Weg zum Schriftsteller sein befinden?

Lebert: Mit Humor. Ich halte nicht besonders viel von solchen Listen. Ich bin zum Beispiel auch - als ich noch in Berlin gelebt habe - unter die 100 peinlichsten Berliner gewählt worden. Es gibt ja das Rockalbum von den Arctic Monkeys "Whatever people say I am, that´s what I´m not". Da ist etwas Wahres dran. Ich lasse mich nicht so ohne weiteres in eine Liste packen. Da ist noch viel mehr, was ich bin.

Von den reinen Fakten her habe sein neuester Roman und dessen Hauptfigur Anton im Vergleich zu früheren Geschichten am wenigsten mit ihm selbst zu tun, erzählt Lebert - weißes Hemd, blauer Anzug. "Anton studiert ja Physik. Das würde ich in 300 Jahren nicht machen."

Frage: Welchen Stellenwert hat für Sie eine Lesung bei der lit.COLOGNE? Vielleicht auch im Vergleich zur Buchmesse, wo Sie vor einigen Tagen in Leipzig gelesen haben?

Lebert: Für mich ist es angenehmer hier zu sein, weil es hier einfach sehr konzentriert auf die Lesungen ist - und man nicht Messehallen ist. Ich bin zum ersten Mal bei der lit.COLOGNE, aber in der literarischen Welt in Deutschland hat die lit.COLOGNE auf alle Fälle einen sehr hohen Stellenwert - eine sehr gut geführte Veranstaltungsreihe.

Das Gespräch führte Sebastian Reichert.

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"Die Essenz des Schreibens ist Warten"
Vor zehn Jahren legte Benjamin Lebert mit seinem ersten Roman "Crazy" gleich einen riesigen Erfolg hin. Bei der lit.COLOGNE in der Kulturkirche in Nippes las der 27-Jährige jetzt aus seinem neuen Roman "Der Flug der Pelikane". Im Interview mit koeln.de verriet Lebert unter anderem, wie ihm die besten Ideen für sein Romane kommen.
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