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Grusel und Faszination

Ein Sonntag bei Körperwelten

Gruselig, ekelhaft oder faszinierend? Die im eigens errichteten Ausstellungszelt in Deutz stattfindende Körperwelten-Ausstellung polarisiert die Kölner. Wohl deshalb herrschte am vergangenen Sonntag auch wieder Hochbetrieb, sogar Familien mit kleinen Kindern sind da. Dabei scheint längst nicht alles für Kinder geeignet. Besichtigung einer Gruselkammer.

Von Christian Rentrop

Man stelle sich vor, man fände irgendwo in einem verlassenen Industriegebiet ein Zelt, randvoll mit mehr oder minder verstümmelten Leichen und Leichenteilen, arrangiert in oft grotesken Posen. Für die meisten Menschen wäre das der Ekel-Super-GAU. Genau so, aber doch ganz anders präsentiert sich die Ausstellung Körperwelten. Denn das eigens errichtete Zelt in der Industriebrache an der Gummersbacher Straße ist zumindest tagsüber alles andere als gruselig. Stattdessen ist der Körperwelten-Dom ein beliebtes Ausflugsziel für junge Familien.

Die besten Bilder von der Ausstellung "Körperwelten" in Köln

"Mama, guck mal, der hat kein Auge", lacht der kleine Jens, sechs Jahre alt, und schleift seine hochschwangere Mutter einmal quer durch das Zelt zur einem Exponat, dem in der Tat nur ein Glasauge eingesetzt wurde. "Das waren früher echte Menschen", haucht die Mutter, noch sichtlich angeschlagen von den plastinierten Ungeborenen. Dem kleinen Jens ist das egal, er flitzt sofort wieder los: "Guck mal, was ist das? Mama, jetzt guck doch mal!"

Ein anderes Kind, ein Mädchen diesmal, starrt mit großen Augen auf die hautfreien "Flamencotänzer"-Exponate, um dann ihrem Papa kindlich-verklemmt kichernd zu verkünden, dass sie "Busen und Pipi" hätten. "Guck doch mal, Papa!" Der zerrt seine Kurze von den zwei zerpflückten Plastinaten im Glaskasten weg, erklärt verschwörerisch: "Lara, benimm Dich, das waren mal echte Menschen." Wie schon dutzende Male zuvor. Kaum losgelassen, stürmt Töchterchen Lara wieder los, um Neues zu entdecken.

Solche und andere Szenen bei einem Besuch der Körperwelten-Ausstellung verdeutlichen schnell, dass es nicht die Kinder sind, die sich vor den Exponaten gruseln oder gar ekeln, sondern die Erwachsenen. Die nämlich wirken oft unsicher, gefangen zwischen Ekel, Faszination und Pietätsgefühl, während sie - oft nervös und selten allein - durch die Ausstellung laufen. Der permanent von Band abgespielte Herzschlag untermalt die beklommene Atmosphäre zusätzlich. Die Kinder stört aber auch das nicht, für sie sind die Toten einfach eine Art schaurig-faszinierender Puppen.

Besonders hart für junge Eltern ist die Abteilung mit den plastinierten Babys: 11. Schwangerschaftswoche, 13., 20. Woche. Abgetrieben, tot geboren, danach plastiniert. "Alle Exponate wurden anonymisiert", erklärt eine Schautafel im Eingangsbereich, um den Blick nicht auf Schicksale, sondern auf die Anatomie des Menschen zu lenken, heißt es. Einige der Föten und Babys sind offensichtlich chinesischer Herkunft, oft Mädchen. Gegen manche Schicksale hilft auch keine Anonymisierung.

Lesen Sie auf Seite 2, was Sie noch auf der Körperwelten-Ausstellung erwartet

(Erstellt am 21. Oktober 2009 - 8:30 Uhr; aktualisiert 22. Oktober 2009 - 20:38 Uhr)


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