Stadt und KVB ziehen Bilanz

Drei Jahre nach dem Archiv-Einsturz: "Alles im Plan"

Mit einer Gedenkminute am Waidmarkt erinnert die Stadt am Freitag um 16 Uhr an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Das riss am 3. März 2009 auch zwei Nachbarhäuser mit in die U-Bahn-Baugrube, zwei Männer starben in den Trümmern, 36 Menschen wurden obdachlos. „Der Wiederaufbau geht planmäßig voran“, so die Bilanz von Stadt und KVB drei Jahre nach der Katastrophe. Am Dienstag gaben die Zuständigen einen Überblick.

Was die Menschen immer noch am meisten interessiert: Wer war schuld? Der Defekt an einer Schlitzwand gilt als wahrscheinlichste Ursache, durch ihn konnte Wasser in die Baugrube dringen, die Erde unter dem Archiv wegspülen und es so zum Einsturz bringen. KVB-Vorstandsmitglied Jörn Schwarze hofft, dass die Beweissicherung bis zum Spätsommer 2013 beendet ist.

Video: Bilanz nach Einsturz des Stadtarchivs

Dafür muss an der Einsturzstelle ein Bergungsbauwerk errichtet werden, „das Komplizierteste, was in den letzten Jahren in Köln gebaut wurde“, so Schwarze. Derzeit wird dafür der letzte Schlamm aus der Grube entfernt, damit die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen fortgesetzt werden können. Die Besichtigungsbaugrube muss dann mindestens bis zu einer Tiefe von 26 bis 32 Meter unter der Geländeoberkante reichen, wo der Schaden an der Schlitzwand vermutet wird.

Sollten es dann nicht möglich sein, dass Taucher ausreichend Beweisfotos machen können, ist ein weiterer Aushub erforderlich. Der Gesamtschaden inklusive Sicherungsmaßnahmen wird auf eine Milliarde Euro geschätzt. Die Stadt geht davon aus, dass dies durch Versicherungen gedeckt ist.

Schüler können ins Gymnasium zurückkehren

Im Sommer sollen auch die meisten Schüler des benachbarten Friedrich- Wilhelm-Gymnasiums in ihre alte Schule zurückkehren können. Diese musste nach dem Archiveinsturz geräumt werden, Hauptausweichquartier war das ehemalige VHS-Gebäude am Neumarkt. Die Stadt nutzte die Gelegenheit für eine überfällige Generalsanierung in Höhe von 24 Millionen Euro. Dabei sorgten zahlreiche Baumängel an dem Gebäude aus den 1960er Jahren für teure Überraschungen. Etwas länger dauern wird der Neubau von Aula und Sporthalle.

Für die notwendige Erweiterung der ebenfalls benachbarten Kaiserin- Augusta-Schule wird ein europaweiter Wettbewerb ausgeschrieben. Parallel dazu findet der Wettbewerb für ein städtebauliches Konzept des Waidmarktquartiers statt. Der beinhaltet neben der Schule die allgemeine Nutzung des Viertels, geplante Freiräume und eine Erinnerungsstätte. Bürgerideen, die im Vorjahr bei verschiedenen Workshops entwickelt wurden, sollen darin einfließen.

Ein Drittel der geborgenen Archivalien erfasst

Relativ zufrieden ist Bettina Schmidt-Czaja mit der Rettung des Archivguts. Bis August des Vorjahres konnten 95 Prozent des Bestandes, der rund 30 Regalkilometer füllte, geborgen werden. Danach wurde die Bergung als beendet erklärt. Bislang konnte etwa ein Drittel der geborgenen Archivalien erfasst, die Hälfte davon wieder in seinen alten Zusammenhang gebracht werden. Der Großteil der geborgenen Dokumente wird bundesweit in anderen Archiven zwischenverwahrt.

Restaurierung und Digitalisierung gehen langsam voran. Zwar arbeitet Köln mit mehreren anderen Archiven und Ausbildungsstätten zusammen, doch fehlen immer noch ausreichend eigene ausgebildete Fachrestauratoren für Papier, gleiches gilt für ausgebildete Hilfskräfte. Mit sechs externen Restaurierungswerkstätten wurden über vier Jahre laufende Rahmenverträge für 90 Handschriften geschlossen.

Insgesamt wird die Restaurierung 350 bis 400 Millionen Euro kosten. Das Geld dafür will die im vorigen August gegründete „Stiftung Stadtgedächtnis“ aufbringen. Die konnte neben dem Stiftungskapital von rund 4 Millionen Euro im Vorjahr 14.000 Euro Spenden sammeln, in diesem Jahr sind es schon 5.000. „Das zeigt eine gute Tendenz“, so Stiftungs-Geschäftsführer Stefan Lafaire. Zugenommen hätten vor allem „Anlassspenden“ – also etwa die Bitte, statt Geburtstagsgeschenken etwas für das Stadtarchiv zu überweisen. Man sei im Gespräch mit der Wirtschaft, das aber brauche Zeit. Ziel ist zudem, Köln zu einem Forschungszentrum für Papierrestaurierung zu entwickeln. (js)

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