Premiere in der Halle Kalk
Langer Beifall für “Reise durch die Nacht"
Von Jürgen SchönEin Nachtzug nach Wien. Im Schlafwagenabteil eine Frau und ihr Geliebter. Er schläft, sie quält sich mit Erinnerungen. Ein Seitensprung mit dem Schaffner. Mit “Die Reise durch die Nacht” – sehr frei nach Friederike Mayröckers Erzählung aus dem Jahr 1984 – eröffnete das Schauspiel am Samstag in der Halle Kalk die neue Spielzeit. Eine typische Multimedia-Inszenierung von Katie Mitchell, für die es am Ende langen Beifall und zahlreiche “Bravos” gab.
Mitchell verzichtet diesmal darauf, dem Zuschauer die Geräuscheproduktion zum Stück zu zeigen und erreicht durch diese Beschränkung eine noch größere Dichte als in den drei Stücken, mit denen sie bisher schon in Köln begeisterte. Auch gibt es weniger Orte des gleichzeitigen Geschehens, der Zuschauer kann sich so besser auf das Wesentliche konzentrieren.
Diesmal arbeitet die Engländerin vor allem mit Licht- und Filmeffekten, die den Zug durch die Nacht fahren lassen und den schwankenden Seelenzustand der erzählenden Protagonistin widerspiegeln. Vorangetrieben durch Musik, gelingen beängstigende, mitreißende, einfühlsame Szenen. Einmal greift sie zum Ventilator: Er lässt die Haare flattern, als sich die Hauptdarstellerin gefährlich aus einem Fenster beugt.
Julia Wieninger ist die Hauptdarstellerin: Sie quält sich gerade mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen. Erinnerungen, denen sie sich entziehen will und die sie doch immer wieder magisch anziehen. Erinnerungen, die sich in die Gegenwart drängen. Fotos sind der Schlüssel zur Vergangenheit. Im stetigen Wechsel von Wachsein und Traum nähert sie sich langsam dem zentralen Ereignis: Einem Familienkrach, bei dem ihr Vater die Mutter blutig schlägt und den sie als kleines Kind nicht beenden konnte. In einem Film aus dem Blickwinkel des Kindes wird diese Szene Stück für Stück aus dem Vergessen zurückgeholt.
Eine Szene, die sich aktuell wiederholt: Nicht nur, dass ihr abgeklärter Geliebter Julian (Daniel Betts) – dank Schlafbrille erlebt er eine ungestörte Nacht – dem Vater (Nikolaus Benda) ähnelt. Als er das kurze Verhältnis mit dem Schaffner (Renato Schuch) entdeckt, schlägt er diesen nieder. Und wieder kann die Frau nicht eingreifen.
Am Ende steigt das Paar – zumindest oberflächlich – versöhnt am Zielort aus. Das Heft mit den Erinnerungen und den Fotos wird im Zug vergessen. Eine Schaffnerin wirft alles in einen Müllsack. Dem Zuschauer bleibt die Erinnerung an einen großen Theaterabend.
„Reise durch die Nacht“ – weitere Termine: 16. Bis 21., 23., 26., 30.,31.10., jeweils 19.30 Uhr, Halle Kalk, Neuerburgstraße, Köln-Kalk.
(Erstellt am 14. Oktober 2012 - 14:55 Uhr; aktualisiert 14. Oktober 2012 - 15:19 Uhr)
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